Freundschaften können Staaten ins Wanken bringen

Vielen Menschen sind gute Freunde wichtiger als eine glückliche Partnerschaft. Das war nicht immer so: Einst wurde das Liebespaar als höchste Form des Zusammenseins propagiert. Denn Freundschaften können die Gesellschaftsordnung erschüttern – das zeigt eine Ausstellung in Dresden.

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Freundschaft als Statussymbol – Was uns verbindet

6:07 min, aus Kulturplatz vom 15.4.2015

Auf welchen Bedingungen beruht Freundschaft und warum wird diese Verbindung immer wichtiger? Danach fragt die aktuelle Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum.

Der Philosoph Daniel Tyradellis kuratiert die Schau zur Freundschaft. «Wir möchten zusammen sein. Aber warum genau, ist schwierig zu sagen», sagt er. Gerade dieses Fehlen des konkreten Zwecks mache die Freundschaft so reizvoll: «Da blitzt etwas Übermenschliches auf – etwas das jenseits von Zwang und Ökonomie angesiedelt ist. Das ist eine grosse Attraktivität, die die Freundschaft schon immer hatte.»

Freunde sind wichtiger als Partner

Freundschaft ist ein Bündnis, das scheinbar Widersprüchliches zusammenbringt: Wir sehnen uns nach Sicherheit und Halt, wollen aber die Freiheit und unsere Individualität nicht aufgeben.

Diese Verbindung ohne Verpflichtung scheint verlockend zu sein für unsere Gesellschaft: In einer Studie von 2014 gaben 85 Prozent der Befragten an, dass ihnen gute Freunde besonders wichtig sind – die glückliche Partnerschaft kam lediglich auf 75 Prozent.

Freunde machen zusammen Revolution

Auch schon vor dem 18. Jahrhundert galt die Freundschaft in den westlichen Gesellschaften als höchstes Gut. Mit der Gründung von modernen Staaten und mit der höheren Populationsdichte wurden die freundschaftlichen Beziehungen dem Staat zu riskant: «Man realisierte, wenn sich zu viele Gruppen bildeten, könnte sich das Machtgefüge verschieben», erklärt Daniel Tyradellis.

Denn beste Freunde verfolgen gemeinsame Ideen. «Das kann sein ‹wir gehen zusammen Surfen›, aber eben auch ‹Wir machen zusammen Revolution›», sagt Tyradellis. Der starken Freundschaft wurde deshalb das Ideal der bürgerlichen Liebesbeziehung entgegengesetzt. Denn die Partnerschaft fokusiert auf das Private – und ist deshalb weniger bedrohlich für den Staat. Das Leben in der Kleinfamilie sollte als Fundament der bürgerlichen Gesellschaftsordnung dienen.

Sind Facebook-Freunde wirklich Freunde?

Zum Begriff Freundschaft gehört heute auch das Wort Facebook – die tägliche Beschäftigung mit der eigenen Freunde-Sammlung gehört zum Alltag. Nur, sind das wirklich Freundschaften, die wir da pflegen? Die Fotografin Tanja Hollander nahm sich diesem Thema an: Für ihr Projekt «Are your really my friend?» besuchte sie alle ihre 626 Facebook-Freunde zu Hause. Die Künstlerin lernte Menschen kennen, die ihr nahe sein sollten, es aber nicht sind.

Die Freundschaft hat in der Ausstellung unterschiedliche Auftritte. Mal ist sie humorvoll, etwa wenn man als Besucher das Universum der Geschenk-Kuriositäten durchläuft. Ausgestellt werden Staats-Geschenk, etwa die benzinbetriebene Motorsäge, die Gerhard Schröder 2004 dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush überreichte.

Ein Teddy-Bär mit blauer Hose und weissem Hemd.

Bildlegende: So einen «Schlaf-gut-Bär» schenkte Angela Merkel 2011 Nicholas Sarkozy zur Geburt von dessen Tochter. Margarete Steiff GmbH

Gleich daneben ist das Tee-Service zu sehen, das Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Vorliebe verschenkt.

Der Kurator lässt auch die düstere Seite der Freundschaft zu. Anhand einer grauen Skulptur mit identischen Gartenzwergen nähert er sich der Frage an, warum wir am liebsten mit Menschen befreundet sind, die uns gleichen.

Und dort taucht auch die Frage aller Freundschafts-Fragen auf: Müssen Freunde einen stärken – ohne Wenn und Aber? Oder ist der wahre Freund derjenige, der einen kritisiert? Eine Antwort findet man nicht im Museum. Aber vielleicht beim nächsten Bier mit dem besten Freund oder der besten Freundin.

Ausstellungshinweis

Ausstellungshinweis

Günther/Littwinski/Teller

Die Ausstellung «Freundschaft – Über das, was uns verbindet» ist vom 18.4. bis 1.11. im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen.