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Gesellschaft & Religion Frühgeburten: Wie klein ist zu klein?

Frühgeborene haben schon ab der 25. Schwangerschaftswoche gute Übgerlebenschancen – dank Fortschritten der Spitzenmedizin. Doch ist eine Intensivtherapie immer sinnvoll? Ärzte, Ethiker und Eltern ringen um richtige Entscheidungen.

Eine Hand legt sich auf den Kopf eines Frühchens.
Legende: Wie viel Leid kann einem Frühchen zugemutet werden, um es am Leben zu erhalten? Getty Images

Das Häuflein zartrosa Haut und Knochen hat auf zwei Händen Platz. Es wiegt weniger als 600 Gramm und ist mehr als drei Monate zu früh auf die Welt gekommen. Trotzdem ist es unter Umständen möglich, ein solches «Frühchen» durchzubringen – wenn es das Glück hat, in einem Land auf die Welt zu kommen, das hochspezialisierte Medizin betreibt. Zum Beispiel die Neonatologie am Universitätsspital Zürich, bis vor kurzem unter der Leitung des engagierten Neonatologen Hans Ulrich Bucher.

Nest im Brutkasten

Die Kleinstausgabe Mensch wird von einer geheizten Gelmatratze und von Wärmelampen warm gehalten. Winzige Kissen und Tücher stützen das Frühchen von allen Seiten, damit es sich geborgen fühlt. Es liegt im «Nestlein», wie Professor Bucher das ausdrückt. Oft kann es noch nicht selbständig atmen und muss maschinell beatmet werden. Eine Magensonde ernährt es, solange es noch nicht schlucken kann.

Fortschritte der Spitzenmedizin

Die Medizin hat beim Durchbringen von Frühgeburten in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht. Heute ist es möglich, Babys schon ab 24 vollendeten Schwangerschaftswochen, das heisst mehr als drei Monate vor errechneten Geburtstermin durchzubringen. Doch das Risiko von Schädigungen ist hoch. Das wirft viele ethische Fragen auf. Schweizweit nehmen die Frühgeburten zu, denn Frauen werden immer später Mütter, und es kommt – nicht zuletzt als Folge der Fortpflanzungsmedizin – vermehrt zu Mehrlingsschwangerschaften. Beides führt zu einem höheren Frühgeburtsrisiko.

Ein Frühchen hält mit seiner kleinen Hand die Hand eines Erwachsenen.
Legende: Ob ein Frühchen durchgebracht wird oder nicht ist auch von der religiösen Überzeugung abhängig. SRF

Wenn sich abzeichnet, dass dem Neugeborenen durch die intensivmedizinischen Therapien massive Komplikationen drohen, oder dass es nur mit schwersten lebenslangen Behinderungen überleben wird, dann stehen die Eltern und das Arztpersonal vor schier unmenschlichen Entscheidungen. Kann man das Kind retten, und wie hoch ist der Preis für eine Rettung? Wie viel Leid kann einem Frühchen zugemutet werden, um es am Leben zu erhalten? Was für ein Leben wird das Kind führen können? Dazu kommt, dass oft Zeitdruck herrscht, denn lebensrettende Therapien müssen sofort nach Geburt einsetzen.

Für die Eltern ist dieser Gewissensentscheid eine extreme Belastung. Sie werden aufgrund ihrer (kulturellen) Wertehaltung und ihrer (religiösen) Überzeugungen entscheiden. Eltern sind oft überfordert. Doch auch die Ärzteschaft gelangt an Grenzen.

Wie klein ist zu klein?

Am vergangenen Freitag organisierten das Kompetenzzentrum Medizin-Ethik-Recht Helvetiae MERH und die Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich eine Tagung zum Thema «Frühstart ins Leben». Mediziner, Ethiker, Strafrechtler und Vertreter von Religionsgemeinschaften waren eingeladen, ihre Sicht darzulegen und zu diskutieren.

How small is too small – wie klein ist zu klein? So hiess lange Zeit die Frage, die Ärzte von extremen Frühchen umtrieb – heute wird diese Frage leicht angepasst: How much is too much? Will heissen: Wieviel ist zuviel intensivmedizinische, hochspezialisierte Therapie?

Einvernehmliche Lösungen sind die Regel

Ärzte und Pflegende bemühen sich, eine einvernehmliche Lösung gemeinsam mit den Eltern zu finden. Tatsächlich kommt es offenbar eher selten zu Konfliktsituationen. Dennoch suchen manche Eltern Unterstützung und Orientierung, zum Beispiel bei der Spitalseelsorge. In der zunehmend multikulturellen und multireligiösen Schweiz kann es vorkommen, dass der behandelnde Arzt nicht nur mit den Eltern diskutiert, sondern direkt mit Religionsvertretern wie Imame oder Rabbis – oder mit dem Vertreter eines Ältestenrats zum Beispiel, wie Professor Bucher schildert.

Frühgeborene aus religiöser Sicht

Das Lebensende von extremen Frühchen ist auch für die an der Tagung anwesenden Religionsvertreter ein äusserst heikles Thema, denn es berührt den Kern des Glaubens. Da zeigen sich grosse Unterschiede: Für den protestantischen Ethiker Stefan Grotefeld erwächst ein Urteil aus der christlichen Verantwortung, der Selbstbestimmung, dem «Wohl des Nächsten» sowie dem Kindeswohl.

Marian Eleganti, der katholische Verteter, stellt das Tötungsverbot und die Heiligkeit des Lebens ins Zentrum. Im Judentum, schildert der jüdische Kinderarzt Rafoel Guggenheim, besitzt das Leben einen nicht bezifferbaren, absoluten Wert. Die Geburt ist die zentrale Zäsur: davor geht das Wohl der Mutter vor, danach das Wohl des Kindes. Jedoch darf eine einmal angefangene Therapie nicht mehr abgebrochen werden.

Auch für Musliminnen und Muslime ist menschliches Leben heilig. Je nach kultureller Herkunft sind ihre Erwartungen an die westliche Spitzenmedizin sehr hoch und die Angst vor Diskriminierung gross, wie der muslimische Mediziner und Philosoph İlhan Ilkiliç erläutert. Alle Religionsvertreter betonen, dass die Angst vor Behinderung einen Therapieabbruch nicht rechtfertigen kann.

Es gibt nur Einzelfälle

Im Lauf der Tagung wird klar, dass heute auch extrem früh geborene Babys die Frage nach den Grenzen der hochspezialisierten Medizin laut und deutlich stellen. Was sind die Grundlagen für solche Entscheidungen, und was bedeuten sie für die Gesellschaft?

Die versammelten Wissenschaftler und Religionsvertreter haben sich in Erklärungsversuchen und Annäherungen geübt. Abschliessende Antworten gab es keine. Wenn das Frühgeborene im Glaskasten überlebt und es dereinst diese Fragen selber stellen kann, ist die Antwort für diesen Einzelfall klar. So gesehen gibt es nur Einzelfälle.

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