Gestresste Primaten: Schimpansen auf Antidepressiva

Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich: Sie sind uns in Wesen und Verhalten sehr ähnlich. Dies äussert sich auch in psychischem Leiden. Das hat medizinische wie auch ethische Konsequenzen.

Ein Schimpanse sitzt auf einem Holzast und klammert sich an ein Seil.

Bildlegende: Jung und schon gestresst? Schimpanse im Basler Zoo. Keystone

Zwei Weintrauben auf der Stelle – oder doch lieber sechs Weintrauben später? Diesen Paradetest zu ökonomischem Denken machte die Harvard-Forscherin Victoria Wobber mit Schimpansen und fand heraus: Unsere nächsten Verwandten im Tierreich warten gerne zwei Minuten auf die sechs Weintrauben.

«Das ist so, als würde man für seine Pension vorausplanen.» Nur nebenbei: Menschen schnitten bei einem Paralleltest schlechter ab. «Die Schimpansen waren geduldiger».

Ähnlichkeiten mit Menschen auf vielen Ebenen

Schimpansen haben – so wie wir auch – eine Vorliebe für gekochtes Essen. Sie teilen Nahrung mit Artgenossen. Sie erkennen ihr Spiegelbild, haben also ein Ich-Bewusstsein. Sie führen Krieg und sind der Selbstlosigkeit fähig. Die Liste der Gemeinsamkeiten mit uns Menschen liesse sich noch eine Weile fortsetzen.

«Die Wissenschaft hat dem Ego des Menschen über die Jahre ein paar Dämpfer verpasst», resümiert Martin Brüne. Der Leiter der Forschungsabteilung für kognitive Neuropsychiatrie und psychiatrische Präventivmedizin an der Universität Bochum macht schon lange auf eine weitere Gemeinsamkeit aufmerksam: Schimpansen leiden auch wie wir.

Depressionen, Angstzustände, Stress

«Schimpansen, die jahrelang ein Dasein als Versuchstiere gefristet haben, sind extrem verhaltensgestört.» Wie sehr, hat der Psychiater Brüne bei «AAP», einem holländischen Auffanglager und Resozialisierungszentrum für Wildtiere und insbesondere Primaten, studiert.

Die dort betreuten ehemaligen Versuchstiere zeigen schwere Verhaltensstörungen. Sie wiegen sich hin- und her, leiden an chronischem Erbrechen, zeigen autoagressives Verhalten. «Wenn die sich derartig stark selbst verletzen oder verstümmeln, dass sie sich ganze Fingerglieder oder Finger selbst abbeissen, ist das fürchterlich mit anzusehen.»

Beim Menschen behandelt man schwere psychische Erkrankungen mit Psychopharmaka. Das klappt anscheinend auch bei Schimpansen. Bei «AAP» wurden ein paar Tiere erfolgreich auf das Antidepressivum Sertralin gesetzt.

Ethische Konsequenzen verlangt

Ein Schimpanse liegt im Stroh, tippt sich mit dem rechten Zeigefinger an die Stirne.

Bildlegende: Gescheit wie wir, gestresst wie wir: die Schimpansen. Keystone

Wenn also Schimpansen denken, handeln und emotional-psychisch so leiden wie wir, dann kommt man um ethische Konsequenzen nicht herum. Diese Meinung vertritt Neal Barnard, der Gründer der Organisation «Physicians Committee for Responsible Medicine» in Washington.

Er plädiert für einen neuen ethischen Standard, wenn Schimpansen als Versuchstiere verwendet werden sollen. Die USA haben im Dezember 2012 die meisten Tiere in Pension geschickt. In Europa sind Versuche mit Menschenaffen schon seit Jahren weitgehend verboten.

Recht auf Schutz

«Wenn sie uns so ähnlich sind, dann haben sie auch dasselbe Recht auf Schutz wie wir», erklärt der Mediziner. «Beim Menschen gibt es den Grundsatz der Schutzbedürftigkeit. Diesen könnte man auch auf Schimpansen anwenden.» Schutzbedürftig sind beispielsweise geistig Behinderte, weil sie intellektuell nicht erfassen können, worum es geht.

Auch auf Kinder trifft dieser Umstand zu. «Medizinische Experimente an Kindern dürfen nur unter ganz bestimmten Bedingungen durchgeführt werden», meint Barnard. «Und es gibt dabei immer jemanden, der die rechtlichen Interessen des Kindes vertritt.» So sei die Sache auch bei Schimpansen zu handhaben.


Traurige Menschenaffen

5:41 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 23.02.2013

Doch warum eigentlich nur beim Schimpansen? Es gibt keinen plausiblen Grund, beim Primaten halt zu machen. Konsequent weitergedacht, wird man nicht darum herum kommen, das Prinzip der Schutzbedürftigkeit auf sehr viel mehr Tierarten auszudehnen, meint Neal Barnard. «Denn die Wissenschaft zeigt uns zunehmend eines: Der Mensch hat den Anspruch auf ein komplexes Gehirn nicht gepachtet.»