Gewalt gegen Kinder ist ein Tabu – doch wie straft man richtig?

Vor einer Woche wurde Frankreich erneut vom Europarat dafür gerügt, dass es körperliche Züchtigung von Kindern nicht verbietet. Wie sehen das Menschen, die Opfer von elterlicher Gewalt waren? Und wie bestraft man Kinder richtig? Darüber spricht Martin Miller, Sohn der berühmten Kindheitsforscherin.

Ein Kinder hinter Gittern. Die Gitter sehen mittelalterlich aus.

Bildlegende: Ungerechte Strafen können für Kinder ein Albtraum sein. Imago / Westend61

Frankreich wurde bereits zum dritten Mal dafür gerügt, weil es die körperliche Züchtigung von Kindern nicht klar verbietet. Wie schätzen Sie das ein?

Martin Miller: Die Weigerung wundert mich nicht. Ich sah als Lehrer und später als Coach viele Eltern, welche selbstverständlich gewaltvoll sind. Wer als Vater oder Mutter nicht mehr weiter weiss, schlägt. Man sieht keine Veranlassung dazu, etwas zu ändern, was Jahrhunderte lang Gewohnheit war.

Alternativen zur Gewalt im Alltag zu finden erfordert Intelligenz und ist zudem mühsam. Ich kenne übrigens «Kinder», welche bis zu ihrem 18. Lebensjahr körperlich gezüchtigt wurden – bis sie sich wehrten.

Ihre Mutter Alice Miller hat sich vehement für Kinder in Not eingesetzt. Bei Ihrem prügelnden Vater sah sie einfach weg. Wie beurteilen Sie ihr Verhalten?

Ich war der Puffer zwischen meinen Eltern. Ich denke, meine Mutter hatte selbst grosse Angst vor meinem Vater. Sie fürchtete, wenn er mich nicht schlagen würde, würde sich seine Gewalt allenfalls gegen sie richten. Darum duldete sie seinen Hass gegen mich.

Haben Sie Ihren Vater je mit seinen Taten konfrontiert?

Ja, aber zuerst stritt er alles ab. Er sagte, ich sei an seinen Gewaltausbrüchen schuld. Ich hätte ihn derart provoziert und beleidigt, dass er mich schlagen musste. Mit meinem Fehlverhalten hätte ich quasi seine Hand geführt beim Schlagen und dies habe ihm stets mehr Schmerzen bereitet als mir. Eine absurde Antwort eines Gewaltmenschen gegenüber seinem Opfer.

Lehnen Sie aufgrund der Erfahrungen, die Sie gemacht haben, deshalb die Bestrafung von Kindern grundsätzlich ab?

Keineswegs. Sinnvolles Strafen gehört zu jeder Erziehung. Ich erlebe in meiner Arbeit als Coach und Psychotherapeut aber viele massiv verunsicherte Eltern. Da schwirrt immer noch die Angst vor überzogenen Strafen und schwarzer Pädagogik mit. Man hat Angst, zu hart zum eigenen Nachwuchs zu sein. Nur, wer nicht konsequent erzieht und keine Grenzen setzt, tut dem Kind keinen Gefallen.

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Das wahre Drama eines begabten Sohns

5:22 min, aus Kulturplatz vom 30.10.2013

Wie straft man als Eltern seine Kinder richtig?

Zuerst einmal müssen die Regeln im Haushalt klar sein. Genau so die Strafe bei einem wiederholten Verstoss. Das Kind soll die Sanktion nachvollziehen können. Gewalt lehne ich aber grundsätzlich ab.

Sie begleiten als Coach Familien, bei denen es drunter und drüber geht. Wie konnten sie ihr eigenes Schicksal umwandeln und selbst zum Helfer werden?

Ich hatte auch Glück im Leben. Meine ersten Monate verbrachte ich bei einer liebevollen Tante. Diese Zeit hat mein Immunsystem für den Rest meines Lebens gestärkt!

Zur Person

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Privat

Martin Miller ist Psychotherapeut und Autor des Buches «Das wahre Drama des begabten Kindes. Die Tragödie Alice Millers» (Verlag Kreuz, 2014).

Er ist zu Gast im «Club» zum Thema «Kinder bestrafen - aber wie?». Dienstag 10. März, 22:20 Uhr auf SRF 1.

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