«Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus!»

«Was weisst Du denn in Deinem Dorado von meinen Schmerzen»: Von 1938 bis 1942 schreibt die Jüdin Marie Winter in Berlin über 170 Briefe an ihre Tochter Ilse nach Basel. Als die Tochter sich zur Rettung der Mutter vor den Nazis entschliesst, ist es zu spät. Zwei Leben, so nah und doch so fern.

Frau in dickem Mantel auf der Strasse.

Bildlegende: Marie Winter, Berlin 1940: Ihre Tochter Ilse konnte sich erst zur Rettung durchringen, als es zu spät war. Jüdisches Museum, Berlin

Ilse Heim-Winter (1912-1999) ist zwischen 1960 und 1980 eine in Zürich bekannte Journalistin. Sie liebt das Leben und das Theater und hat fast jeden Abend Schauspieler zu Besuch. Gerne erzählt sie Geschichten von «früher», vor allem aus Berlin, wo sie als ganz junge Frau schon Karriere auf der Bühne und im Film gemacht hatte.

Wenig erzählt Ilse hingegen über ihre Mutter Marie. Nie erwähnt sie die verzweifelten Briefe, in denen diese um Fluchthilfe in die Schweiz bittet, um Rettung vor den Nazis. Nie erzählt Ilse von ihrer Hemmung, der Mutter zu helfen.

Trotzdem hat sie alle Briefe aufbewahrt: In einem Schuhkarton, der nach ihrem Tod das Leben und Sterben der jüdischen Familie Winter preisgibt.

Flucht vor dem Gutbürgertum

Mit 17 brennt Ilse von zu Hause durch und erlebt noch die letzten Zuckungen der «wilden Zwanziger Jahre» in Berlin, bevor die Nazis an die Macht kommen. 1933 emigriert sie nach Paris, von dort nach Wien. 1936 landet sie in Basel, wo sie einen gutsituierten Fabrikanten kennt, der sich in sie verliebt hat.

Junges Mädchen vor Kirschbaum

Bildlegende: Ilse im Landdienst beim Bauer Schmucki in Ernetswil, Sommer 1942. Jüdisches Museum, Berlin

Ilse bleibt in der Schweiz und Mutter Marie hofft auf eine gute Partie mit dem Fabrikanten. Doch Ilse denkt nicht ans Heiraten, sie ist emanzipiert und will weiterhin so «bohème» leben wie in Berlin und Paris, wo sie mit dem Dada-Autor Walter Mehring liiert war.

Lebensanker in der sicheren Schweiz

In Berlin bleibt Mutter Marie alleine zurück, nach 1938 vereinsamt sie immer mehr. Ihre Geschwister wandern aus: nach Tel-Aviv, nach London, nach Frankreich – Marie bleibt. Sie kann sich von ihrem Haus, ihren Sachen und auch von ihren Freundinnen nicht trennen. Die Tochter in Basel wird zu ihrem Lebensanker in der sicheren Schweiz. Marie Winter schreibt ihr regelmässig von ihrem Alltag, von den vielen Schikanen im Leben der Juden in Berlin:

«Ach ja, ich wollte dich noch fragen, ob ich die hohen Schnürstiefel, die du als Kind von Grossvati bekamst, einer Dame für ihre Auswanderung nach Brasilien für 50 M. verkaufen soll? Immerhin sind die Sachen Andenken und wertvoll für dich persönlich. Weiteres wird wohl dahin gehen müssen, wie alles Jüdische, als wäre es nie gewesen.» Marie Winter, Berlin 1939.

Doch Ilse will von alledem wenig wissen: zu bürgerlich, zu weit weg. Sie hat einen reichen Gönner und mehrere Verehrer, sie studiert an der Universität und hat eine hübsche Wohnung im Basler Gellertquartier.

Fresspäckli anstatt Fluchthilfe

Ilse vergnügt sich im Tessin und am Genfersee, verbringt die Winterferien in St. Moritz. Es geht ihr gut und an die Detektive der kantonalen Fremdenpolizei, die sie aufgrund ihres «regen Herrenverkehrs» – unter anderem mit Hirosi Kitamura, einem diplomatischen Korrespondenten einer Tokioer Zeitung – überwacht, hat sie sich «gewöhnt».

Ab 1940 jedoch beginnt Mutter Marie zu drängen. Jede Woche findet Ilse einen Brief von ihr im Kasten an der Hardstrasse. Im Haus der Mutter werden immer mehr jüdische Familien zwangsweise einquartiert. Marie muss von der Belle Etage ihres Hauses in die Kellerräume umziehen. Ihr Leben wird trotz liebevoller Päckli der Tochter von Monat zu Monat beschwerlicher, bis es unerträglich ist.

Postkarte

Bildlegende: Postkarte von Marie aus Berlin. Jüdisches Museum, Berlin

Furcht vor Mutters Verachtung

1941 erhöht Marie den Druck auf ihre «Illepuppe», wie sie Ilse liebevoll nennt. Jede Woche schreibt sie zwei Briefe und verlangt endlich eine Heirat mit dem reichen Fabrikanten, damit Ilse als Schweizerin die Mutter aus Nazi-Deutschland «rausholen» kann.

Doch die Tochter hat Liebschaften und will «alles Weitere der Zukunft überlassen». Sie ist 30, will ihr ein eigenes Leben finden und sie fürchtet sich vor einem Wiedersehen mit der strengen Mutter. Marie bringt denn auch ihre Verachtung für den Lebenswandel ihrer Tochter in ihren Briefen immer wieder zum Ausdruck.

Flucht in letzter Minute

1941 ringt Marie um ihr Leben. Alle ihre Auswanderungspläne, ob nach den USA oder Kuba, sind gescheitert. Tochter Ilse ist ihr letzter Strohhalm:

«Noch bin ich gesund und hoffnungsvoll im Gegensatz zu all meinen Freunden, die sozusagen gepackt auf die Höllenfahrt warten. Diesen Gedanken lasse ich einfach nicht aufkommen, vielleicht schon ein Stadium des Irrsinns von mir, aber immerhin drückt es mich nicht so tief herunter, nicht mehr atmen zu können. «Mein Kind wird mich holen», sage ich mir, darauf warte ich fest und starkMarie Winter, Berlin 1941.

Zu dieser Zeit freundet sich Ilse in Basel mit zwei Berlinerinnen an, die in einer winzigen Wohnung am Stapfelberg 4 in der Basler Altstadt leben. Beide, Renata von Scheliha und ihre Freundin Marianne von Heereman, sind 1939 vor den Nazis in die Schweiz geflohen. Sie haben gute Verbindungen nach Berlin und sorgen sich um eine jüdische Freundin, die Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz, die nun in «letzter Minute» gerettet werden soll.

Alte Frau in Zimmer am Fenster sitzend.

Bildlegende: Das letzte Foto von Marie Winter, Berlin 1942. Jüdisches Museum, Berlin

Aufs Beste vorbereitet

So beginnen sie Ende 1941 ihre Vorbereitungen. Mit Hilfe einflussreicher Berliner Freunde sollen die Kunsthistorikerin Gertrud, deren betagte Tante Klara und die befreundete Paula in die Schweiz geholt werden. Ilse erreicht, dass ihre Mutter Marie mitgenommen wird.

«Alles war aufs Beste vorbereitet, wir zweifelten nicht am Gelingen», erinnert sich später der massgebliche Fluchthelfer, ein Major der Wehrmacht. Mutter Marie, im März 1942 zum Abtransport nach Osten befohlen, taucht in Berlin im Schutzasyl des Majors unter.

Im April 1942 macht sich die ungewöhnliche Reisegesellschaft bestehend aus fünf jüdischen Frauen (eine Frau Korn ist auch noch dazu gestossen), zwei «arischen» Begleiterinnen und elf Koffern auf den Weg von Berlin nach Bregenz.

Die lange und gefährliche Wartezeit in Vorarlberg überleben die Frauen mit Mut und Glück, bis sich endlich am 5. Mai die beiden jungen Schweizer Schlepper Heinz Kühnis und Jakob Spirig im grenznahen Städtchen Hohenems melden.

Gescheiterte Flucht

In der folgenden Nacht geht es bei sternklarem Himmel zu Fuss zum Grenzzaun bei Diepoldsau. Doch eine der betagten Frauen bleibt mit ihrem knöchellangen Rock im Stacheldraht hängen. Die Flucht scheitert. Um wenige Meter.

Nur Frau Korn gelingt der Sprung in die Schweiz, in die Freiheit, ins Leben. Die vier anderen werden verhaftet. Eine der Frauen bringt sich noch in derselben Nacht um. Ilses Mutter und die beiden anderen Damen werden von der Gestapo zurück nach Berlin transportiert und kurz darauf deportiert. Keine der Frauen überlebt.  

Über den Autor

Der Journalist Gabriel Heim hat über 170 Briefe seiner Grossmutter Marie im Nachlass seiner Mutter Ilse gefunden. Aus dieser Korrespondenz, über die die Mutter nie gesprochen hat, gestaltete er ein packendes Dokument der Zeitgeschichte. Das Buch «Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – eine Mutterliebe in Briefen» erscheint Sommer 2013.

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