«Man verdient nicht schlecht als Mozart»

Edles Kostüm, weisse Perücke: Hristov Netelcho verkleidet sich täglich als Mozart. Der Bulgare arbeitet als Konzertkarten-Verkäufer vor der Wiener Staatsoper. Das Leben als «Touristen-Amadeus» findet der studierte Mathematiker schön. Es bedeutet für ihn den Anfang eines grossen Glücks.

Ein Mann in einem Mozart-Kostüm.

Bildlegende: «Das Leben als Mozart ist schön»: Hristov Netelcho ist eigentlich Mathematiker. SRF / Günter Kaindlsdorfer

Wolfgang Amadeus Mozart schwitzt. Zarte Schweissperlen moussieren auf der Stirn des jungen Mannes, während er bei 33 Grad im Schatten vor der Wiener Staatsoper steht und Konzertkarten verkauft. Wolfgang Amadeus Mozart – eigentlich Hristov Netelcho aus Plovidv – ist Konzertkarten-Distributeur des «Wiener Mozartorchesters». Ein Ensemble, das in Rokoko-Kostümen vor allem für ein touristisches Publikum konzertiert.

Als Mozart lebt sich's gut

«Es ist schön, Mozart zu sein», bekennt Hristov Netelcho. «Man perfektioniert seine Sprachkenntnisse und vor allem lernt man tolle Frauen kennen. Das ist cool.» Vor vier Jahren ist der gebürtige Bulgare nach Wien übergesiedelt, um in Österreichs Hauptstadt das grosse Glück zu machen. Der 31-Jährige ist, so findet er selbst, auf dem besten Weg dazu. Einesteils des Mathematik-Studiums wegen, das er soeben abgeschlossen hat. Andernteils ob der guten Verdienst-Möglichkeiten, die ihm sein Nebenjob als Touristen-Amadeus bietet.

Man verdient nicht schlecht als Mozart, vor allem nicht auf dem vielfrequentierten Platz zwischen Staatsoper und «Hotel Bristol», der als einer der begehrtesten Standplätze für Konzertkarten-Keiler gilt: Netelcho kommt auf 1500 bis 2500 Euro monatlich.

Ein Herz für bulgarische Musik

Seine Liebe zur klassischen Musik hat der freundliche Bulgare erst in Wien entdeckt – seit er den Job als Touristen-Anquatscher angetreten hat. Eigentlich schlägt Hristovs Herz für bulgarische Volksmusik: «Kennen Sie die Voyager-Sonde?», fragt er: «Die fliegt da oben im Weltall.» Seine Hände weisen beschwörend nach oben: «In der Voyager-Sonde sind drei Lieder aus Bulgarien gespeichert. Das sind die «Mysterien der bulgarischen Stimmen», ein Damenchor, den man auf der ganzen Welt kennt. Diese Art von Musik ist sinnbildlich für Bulgarien. Wenn ich den Klang dieser Musik höre, trifft mich das direkt ins Herz.»

Es ist halb sechs Uhr abends, bald ist Netelchos Schicht zu Ende. Die Geschäfte heute waren eher mau, der brutalen Hitze wegen, der junge Mann versucht eine Art Endspurt. Er rückt seine Allongeperücke zurecht und zupft an dem gelben Brokatimitat-Mantel, der seinen Oberkörper umschlottert.

Ein routinierter Mozart

Dann tritt er auf eine Touristenfamilie aus Deutschlands Norden zu, die sich gerade die Fassade der Staatsoper anguckt: «Hallo, grüss Gott!», säuselt Hristov: «Hätten Sie Interesse an einem Konzert heute Abend? Da haben wir ein schönes Programm im Wiener Musikverein. Es fängt um 20.15 Uhr an und dauert nicht lang: Eine Stunde und 45 Minuten.» Routiniert spult er die Sätze herunter, die er heute schon mindestens 500 Mal heruntergespult hat: «Im ersten Teil hören Sie Mozarts ‹Don Giovanni› und die Symphonie Nummer 39, ausserdem spielt das ‹Wiener Mozartorchester› Joseph Haydn, das ‹Konzert für Trompete›, sowie den ‹Türkischen Marsch› und ‹Eine kleine Nachtmusik› von Mozart ... .»

Hristov beginnt «Die kleine Nachtmusik»› zu summen, auf dass die Deutschen auch zuverlässig verstehen, was für ein Musikgenuss sie heute Abend erwartet, wenn sie ihm nur die Karten abkaufen, die er ihnen gleich an Ort und Stelle ausdrucken könnte. Zwischen 49 und 95 Euro kostet so ein Ticket. Die Deutschen können sich dennoch nicht entschliessen: Sie gehen lieber zum Heurigen.

Eine klimatisierte Perücke?

Man kann sie verstehen: Die Juli-Hitze ist auch jetzt, im verdämmernden Nachmittag, noch von sengender Gewalttätigkeit. Für die Mozartperücke auf seinem Haupt müsste Hristov eigentlich eine Arbeitserschwernis-Zulage bekommen: «Ich sage immer, die Perücke ist klimatisiert», scherzt Netelcho, «aber das ist sie nicht. Andererseits ist meine Haarpracht auch nicht ganz so warm, wie man denkt. Sie ist eigentlich ganz erträglich.»

Trotzdem ist Hristov froh, als er sie um 18 Uhr endlich ablegen kann.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.07.2015, 17:45 Uhr.

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