Nur Trottoirkanten können ihn bremsen: Ein Franzose erradelt Albi

Im Schatten der Kathedrale Sainte-Cécile im südfranzösischen Albi kutschiert Franck Créteur mit seiner Fahrradrikscha Touristen und Einheimische durch die Gegend. Die Kunden lieben ihn heiss: nicht nur seiner strammen Waden wegen, sondern auch, weil er stets eine lustige Geschichte im Gepäck hat.

Créteur sitzt in seiner weissen Fahrradrikscha, hinter ihm eine junge Frau.

Bildlegende: Franck Créteur in seiner stadtbekannten Fahrradrikscha. Viléo

«Alles ist leicht, solange man sich nicht einschränken lässt.» Franck Créteur sitzt auf dem Sattel seiner Fahrradrikscha und lacht. Dann radelt er los: über den Platz Sainte-Cécile zur gleichnamigen 82 Meter hohen Kathedrale, dem Wahrzeichen der südwestfranzösischen Stadt Albi.

Albi, die Purpurgekleidete

Die Kathedrale in der Abendsonne.

Bildlegende: Eine der grössten Backsteinkirchen der Welt: die Kathedrale Sainte-Cécile in Albi. Flickr/Caroline Léna Becker

Wie eine Trutzburg des Katholizismus wacht der massive Bau aus handgefertigten Backsteinen über der Altstadt. Die Unesco erkannte Sainte-Cécile 2010 als Weltkulturerbe an. Sie gehört zu den grössten Backsteinkirchen der Welt. Auch das historische Zentrum von Albi ist aus tiefroten Steinen gefertigt. Das hat der Stadt den Spitznamen «die Purpurgekleidete» eingebracht. In der Abendsonne hebt sich das Rot der Häuser malerisch vom türkisblau glitzernden Fluss Tarn ab.

«Schauen Sie sich das an!», ruft Franck Créteur und deutet nach oben. «Man fühlt sich daneben ganz winzig, oder?» So war das auch gedacht, als der Bau 1298 begann. Die Kathedrale war geplant als Fanal der unbesiegbaren katholischen Kirche. Die letzten Meter seien der Kathedrale im 19. Jahrhundert hinzugefügt worden, sagt der 41-Jährige mit den strammen Beinen. «Auf jeder der Säulen ringsum sass ursprünglich ein kleiner Glockenturm. Das passte den Albigensern nicht. Es kam ihnen vielleicht zu sehr wie ein Geburtstagskuchen vor. Als der Architekt starb, wurden die Glockentürmchen jedenfalls geköpft.»

Vom Handelsvertreter zum Rikschafahrer

«Bonjour! Bonjour!» – freundlich grüsst Franck Créteuer Passanten und Freunde am Wegrand. Man kennt ihn; mit seiner weissen Fahrradrikscha ist er von morgens bis abends unterwegs. Er zeigt Touristen die Stadt, radelt Einheimische zu Terminen oder fährt Pakete aus. Der studierte Naturwissenschaftler aus dem Norden Frankreichs war zuvor als Handelsvertreter unterwegs.

Doch vor zweieinhalb Jahren wollte er etwas Eigenes auf die Beine stellen – er gründete das ökologische Transportunternehmen «Viléo». Natürlich sei das ein Risiko gewesen, räumt der Vater von zwei Töchtern ein. «Aber das ganze Leben ist ein Risiko. Wenn man keine Risiken eingeht, kommt man nicht voran!» Probleme nimmt der begeisterte Rugbyspieler sportlich. Die grössten Hindernisse? «Bordsteinkanten und Schlaglöcher.» Aber eigentlich gebe es für ihn keine Hindernisse.

Eine reich verzierte Kathedrale.

Bildlegende: Von aussen wie eine Festung, im Inneren künstlerisch gestaltet: die Kathedrale Sainte Cécile. Wikimedia/Pom²

Wo Toulouse-Lautrec sein Fläschchen bekam

Franck Créteur radelt vorbei an aromatisch duftenden Parks zum Geburtshaus des Malers Henri de Toulouse-Lautrec. Vom prächtigen Bürgerhaus sieht man direkt auf die Kathedrale. «Sehen Sie, als Baby hat Toulouse-Lautrec seine Flasche schon im Schatten der Kathedrale bekommen!» Später nahm er seinen Absinth aus einem Glasröhrchen, das in seiner Krücke versteckt war. Aber da lebte der berühmte Maler schon in Paris.

«Bonjour Messieurs, Dames, merci pour l'allée d'honneur» – Franck steht immer im Dialog mit den Menschen um ihn herum. Sie danken es ihm, kommen auf ihn zu, um über dieses und jenes zu diskutieren. «Jeder hat seine Ideen, man kann von allen etwas lernen. Das ist es, was mich reich macht, obwohl ich im Moment noch gar nicht so viel verdiene.» Sagt's, lacht und radelt zurück zur Kathedrale Sainte-Cécile.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 16.7.2015, 17:45 Uhr.

Sommer-Serie «Im Schatten von»

Die Korrespondenten von SRF Kultur erzählen Geschichten von Menschen aus aller Welt, die im Schatten von grossen Wahrzeichen stehen. Vom 13. bis zum 31. Juli, immer wochentags um 17:45 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.

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