In Belfast öffnen sich die Tore zum Frieden nur langsam

Heute explodieren keine Bomben mehr in Belfast. Aber von einem normalen Zusammenleben in der ehemaligen Bürgerkriegsregion kann man dennoch nicht sprechen. Nicht, solange Mauern die Menschen trennen – jene aus Stein und jene in den Köpfen.

Mit Grffitis bemalte Tore in der Mauer

Bildlegende: Offene Tore in der «Peace Line» an der Lanark Way. Flickr/ Laurence's travels

Der Alexandrapark ist eine grüne Oase mitten im grauen Randbezirk in Belfast. Im warmen Herbstlicht spazieren Anwohner mit Hunden. Mütter schieben Kinderwagen. Und zwischen den alten Bäumen plätschert ein Bächlein.

Vor ein paar Jahrzehnten sah es hier anders aus. Während des nordirischen Bürgerkriegs verlief eine der vielen Kampfzonen mitten durch den Park. Loyalisten und Nationalisten aus den angrenzenden Stadtvierteln lieferten sich unablässig Scharmützel, bewarfen sich mit Brandbomben und Steinen. Die Territorien waren klar abgesteckt.

Belfast – eine geteilte Gesellschaft

Dann wurde 1994 die Mauer errichtet, die sogenannte «Peace Line». Ein meterhoher Metallzaun, der den Park in einen nationalistischen und einen loyalistischen Teil trennte. Das stoppte zwar die Eskalationen, aber auch jeglichen sozialen Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen. Und so blieb das auch nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens 1998.

Offiziell ist der Nordirlandkonflikt nun beigelegt. Doch die Mauer im Alexandrapark steht noch heute und mit ihr all die anderen «Peace Lines» in Belfast. Rund 50 solche «Friedenslinien» trennen katholische von protestantischen Wohngebieten. Und wenn es nach einem Grossteil der Bevölkerung geht, soll es auch weiterhin so bleiben, obwohl die Regierung die Entfernung der Zäune als Ziel formuliert hat. Doch noch ist die Angst vor dem ehemaligen Feind zu gross, als dass dieser Schritt ohne weiteres möglich wäre.

Conor Maskey ist auf der katholischen Seite des Zauns beim Alexandrapark aufgewachsen. Er war beim Friedensschluss 1998 ein Teenager, und – wie alle seiner Generation – hatte im Park Steine geworfen. Er wusste, bis wohin er sich gefahrlos begeben konnte und wo das Feindesland begann, das um jeden Preis gemieden werden musste. Noch heute erhöht sich sein Puls, wenn er sich dieser unsichtbaren Linie nähert – so tief hat sich das Gefühl von Bedrohung in seinem Innersten eingebrannt.

Das Vergessen ist schwierig

Zwei Männer vor enem grossen grünen Tor in einem Park.

Bildlegende: Staatsminister Hon Andrew Robathan besichtigt das Tor in der «Peace Line» vom Alexandra Park. Arthur Allison / Pacemaker

Und doch ist es Conor Maskey als einem von vielen Beteiligten gelungen, Ängste in der Bevölkerung abzubauen. Er arbeitet bei Intercomm, einer Organisation, die friedensstiftende Massnahmen bei ehemaligen Konfliktparteien durchführt. Als «community relation worker» spannte er mit Organisationen, Anwohnern und der lokalen Polizei zusammen, um einen Durchgang in der peace line im Alexandrapark einzurichten. Seit 2012 ist nun ein Tor geöffnet, zumindest tagsüber. Der heruntergekommene Park wurde hergerichtet und dient nun wieder als Freizeitzone.

«Wir hätten vor fünf Jahren nicht davon zu träumen gewagt», sagt Conor Maskey. Es war keine leichte Aufgabe, gerade hier, in der Gegend des Alexandraparks, wo die Auseinandersetzungen 30 Jahre lang mit besonderer Heftigkeit getobt hatten. Ein Viertel aller Todesopfer Belfasts wurden in dieser Gegend gezählt, viele Anwohner waren inhaftiert gewesen. Nicht nur Angst und Misstrauen sind gross, auch Schmerz und Leid, war doch praktisch jede Familie in irgendeiner Form betroffen.

Viele kleine Schritte auf einem langen Weg

Die Organisation Intercomm bringt die Anwohner in Projekten zusammen, in denen sie sich auf Gemeinsamkeiten, wie etwa ihrer Biographie oder derjenigen ihrer Vorfahren, besinnen. Ex-Häftlinge und Ex-Kämpfer der Katholiken wie der Protestanten arbeiten mit Jugendlichen, um ihnen, ausgehend von der eigenen Biographie, die Wichtigkeit von Versöhnung beizubringen. Und die Wohnungsnot beider Seiten soll durch Wohnbauprojekte gelindert werden, bei denen Katholiken und Protestanten unter einem Dach wohnen.

Es sind kleine Schritte hin zur Normalität, immer bedroht von Rückschlägen. «Alles, was wir tun, besteht darin, die Lebensqualität für alle zu verbessern», sagt Conor Maskey. «Und das wiederum können wir nur in Zusammenarbeit mit den Menschen tun, die an den «Peace Lines» leben. Sie entscheiden darüber, ob wir hier in Belfast je wieder zusammenleben werden wie in einer normalen Gesellschaft – Hand in Hand mit dem Nachbar.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Belfast – die Mauern, nach denen man rief, wird man nun nicht los

    Aus Kulturplatz vom 29.10.2014

    Man nennt sie «Friedenslinien», «Peace lines», die zahlreichen Mauern und Zäune, die in Belfast Stadtquartiere und Strassenzüge durchschneiden. Sie trennen seit Beginn des Bürgerkriegs in Nordirland 1969 katholische und protestantische Wohngebiete. Die Leute errichteten sie, um sich vor Übergriffen aus den Strassen des Feindes zu schützen. Doch was damals Sicherheit brachte, behindert heute die Versöhnung der einst verfeindeten Bevölkerungsgruppen. Die «Peace lines» zeigen, wie schwierig es ist, die realen Mauern und diejenigen in den Köpfen abzutragen.

    Meili Dschen

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