In Krisen und Kriegen stirbt die Wahrheit zuerst

Ukraine, Gaza, Syrien: Im Kriegs- und Konfliktfall ist es besonders schwierig, sich einen Überblick über die wirkliche Lage zu machen. Die Informationen werden gesteuert, welchen Quellen kann man noch trauen – gerade im Onlinezeitalter? Ein Gespräch mit dem Medienforscher Mark Eisenegger.

Kunstwerk, das hinter einem Camouflage-Muster schemenhaft einen Kopf zeigt.

Bildlegende: Kriegsnachrichten werden von beiden Seiten eingefärbt: Es entsteht nur ein schemenhaftes Bild der Wirklichkeit. flickr/surian soosay

«Das erste Opfer des Kriegs ist immer die Wahrheit»: Dieses Bonmot ist alt – ist es heute noch ein bisschen wahrer als früher?

Mark Eisenegger: Ja. Das Mediensystem ist – gerade durch die Onlineberichterstattung – viel schneller geworden, zudem stehen den Redaktionen immer weniger Ressourcen zur Verfügung. Das eine wie das andere führt dazu, dass die klassischen Informationsmedien, die gerade im Konfliktfall so zentral sind für eine kritische, objektive Berichterstattung, ihre «Wachhund»-Funktion nicht mehr im gleichen Mass wahrnehmen wie früher. Und sitzen aus Zeit- und Personalnot vermehrt Falschinformationen auf.

Erfahrungsberichte in sozialen Medien

Nun gibt es ja nicht nur die klassischen Medien, wo Journalisten die Informationen gewichten und über die Auswahl für die Leser entscheiden, sondern auch das Internet und die sozialen Medien wie Twitter, Facebook, Instagram – haben die denn nicht dazu beigetragen, dass wir heute ein noch umfassenderes Bild der Realität erhalten?

Nur zum Teil – etwa dann, wenn via soziale Medien authentische Erfahrungsberichte aus Kriegsgebieten verbreitet werden können, wo sich gar keine Journalisten mehr aufhalten.

Ansonsten ist aber das Hauptproblem der sozialen Medien, dass hier die Gleichgesinnten meist unter sich bleiben: Wer Putin-kritisch eingestellt ist, bekommt in der Regel auch nur Putin-kritische Informationen, wer im Gaza-Konflikt auf der Seite der Palästinenser steht, sucht sich nur jene Mitteilungen, die diese Sicht unterstützen. Meinungen werden nicht differenziert, sondern bestätigt und verstärkt; die Stimme der Gegenseite existiert gar nicht. Und es kommt dazu, dass es in den sozialen Medien kaum Prüfinstanzen gibt und manipulierte Informationen fast ungehindert verbreitet werden können.

Wie kann ich als Leser überhaupt noch wissen, welchen Informationen ich trauen kann?
Das ist in der Tat viel schwieriger geworden. Grundsätzlich kann man sagen: Ein Medium ist umso vertrauenswürdiger, je mehr es sich bemüht, auch die Gegenseite abzubilden.

Die Gefahr der einseitigen Berichterstattung

Tun das die Schweizer Medien?
Im der Ukrainekrise beobachten wir in den Schweizer Medien eine einseitige, stark anti-russische Berichterstattung. Wir haben es mit einer eigentlichen Dämonisierung Präsident Putins zu tun. Russland macht gravierende Fehler, darauf sollen die Medien auch hinweisen – aber sie sollten ebenfalls darauf hinweisen, dass es in dieser Krise auch westliche Interessen gibt. Sie müssten sich beispielsweise auch kritisch mit dem EU-Assoziierungsabkommen und der Frage auseinandersetzen, inwieweit dieses zu einer Eskalation des Streits mit Russland beigetragen haben könnte.

Konkret, Herr Eisenegger: Stehen an der Grenze zur Ukraine tatsächlich 20'000 russische Soldaten und sind bereit für den Einmarsch, wie das die Nato behauptet? Oder ist das eine glatte Lüge – wie der Kreml beteuert?

Das weiss niemand, ich auch nicht. Klar ist: Es werden auf beiden Seiten manipulierte Informationen in die Welt gesetzt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 8.8.2014, 17:45 Uhr.

Mark Eisenegger

Mark Eisenegger ist Medienforscher an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Medienwandel und Qualität der Medien.