In Südkorea kaufen sie im Gehen ein, statt einkaufen zu gehen

Nach einem langen Arbeitstag müssen sie sich nicht mehr durch Geschäfte drücken: In Seoul kaufen die Menschen mit dem Smartphone ein, fast alles. Supermärkte nehmen dadurch groteske Formen an.

Ein Mann schaut auf sein Smartphone, im Hintergrund sieht man den Seoul Tower.

Bildlegende: Shoppen unter freien Himmel und mit Blick auf den Seoul Tower: per Smartphone. Reuters

Jang You Jin hat gerade Mineralwasser bestellt. Sechs Liter werden der Chefin eines Handyladens nach Hause geliefert. Während Jang mit dem Zeigefinger über weitere Mineralwasser-Marken scrollt, erscheinen zusätzliche Angebote, die sie interessieren könnten.

Die 30-Jährige kauft fast alles übers Handy: Von der Inneneinrichtung ihres Ladens bis zu den Zutaten fürs Abendessen. Wenn alles per Fingerklick zu haben sei, weshalb dann noch in ein Geschäft gehen, fragt Jang rhetorisch.

Schnäppchen überall und jederzeit

Eine koreanische junge Frau schaut auf ein rosafarbenes Smartphone.

Bildlegende: Jang You Jin kauft fast alles über ihr Handy ein. Martin Aldrovandi

Koreanische Apps wie Coupong, Ticketmonster oder E-mart bieten ihren Kunden zudem ständig Rabatte an – ob im Büro, in der U-Bahn oder zuhause: Das nächste Schnäppchen ist nur einen Klick entfernt.

Für die Kunden gehe alles sehr schnell, sagt Professor Jun Jong Kun. Er ist Marketing-Experte an der koreanischen Hankuk-Universität. Er untersucht, wie Verbraucher gegenüber ihrem Smartphone eingestellt sind.

Der Einkauf sei schnell erledigt. Damit bleibe den Konsumenten kaum Zeit darüber nachzudenken, ob sie das Produkt wirklich brauchen. In einem gewöhnlichen Geschäft kaufe man dagegen bewusster ein, und lege einen Artikel auch mal ins Regal zurück.

Jun Jong Kun sieht die gute Infrastruktur und die hohe Wohndichte als wichtige Gründe für den Erfolg der Shopping-Apps in Südkorea. «Notorisch lange Arbeitszeiten tragen das ihre dazu bei, dass die Koreaner die Shopping-Apps schätzen», so Jun weiter. So brauche man nach Büroschluss nicht noch extra einkaufen zu gehen.

U-Bahn-Supermarkt zeigt nur Fotos im Regal

Virtuelle Shopping-Wand in der U-Bahn von Seoul: Anstatt Produkte hängen hier Fotos mit QR-Codes

Bildlegende: Virtuelle Shopping-Wand im U-Bahnhof von Seoul: Anstatt Produkte gibt es Fotos mit QR-Codes. Martin Aldrovandi

Wem der Supermarkt auf dem Handy-Bildschirm zu klein ist, kann zum Beispiel im U-Bahnhof einkaufen. Die Einkaufsregale sind gefüllt mit Gemüse, Teesorten oder Vitamintabletten. Erst bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Produkte als blosse Fotos. Denn auch hier greift der Kunde und die Kundin zum Telefon, scannt die Ware, und lässt sie sich nach Hause schicken.

Auch in der Schweiz gibt es Versuche mit virtuellen Shopping-Wänden. Coop etwa betrieb im Zürcher Hauptbahnhof während eines halben Jahres ein virtuelles Shopping-Regal. Der Grossverteiler bezeichnet das Experiment als Erfolg und geht davon aus, dass innovative Einkaufsmöglichkeiten an Bedeutung gewinnen werden.

In Südkorea denken findige Anbieter dagegen bereits weiter: So etwa die App Between. Sie versteht sich als eine Art Facebook für Verliebte. Mit Between können Pärchen private Fotos, Nachrichten oder Herzchen-Sticker austauschen.

Facebook für Verliebte will auch verkaufen

Über einen gemeinsam geführten Kalender ist man über die Pläne des Partners informiert. Ganz unter sich ist das Paar jedoch nicht. Die App verdient ihr Geld damit, dem Paar gezielt Produkte anzubieten.

Between arbeitet mit Restaurants, Kinos oder Blumengeschäften zusammen. Die App kenne zum Beispiel den Geburtstag seiner Freundin, sagt Jake Park, Erfinder und CEO von Between. Sie helfe ihm dann bei der Auswahl eines Geschenks.

Auch am 100. Tag der Beziehung, der in Korea gefeiert wird, hat die App passende Geschenkvorschläge. Vor drei Jahren gründete Jake Park die koreanische Erfolgsapp. Inzwischen hat Between knapp neun Millionen Nutzer, und expandiert nach Japan, Taiwan, Singapur und Nordamerika.

Ein Becher Ice-Latte per Smartphone


Shopping per Smartphone in Südkorea

4:08 min, aus Kultur kompakt vom 01.10.2014

Man werbe vor allem bei den Frauen, sagt Jake Park. Diese würden dann ihre Partner überzeugen, bei Between mitzumachen – sozusagen als Bekenntnis zur gemeinsamen Beziehung.

Jang You Jin aus dem Handyladen nutzt die App nicht. Sie könne ihren Freund auch ohne Between beschenken. Mit drei Klicks kauft sie ihm einen Becher Ice-Latte. Sekunden später erhält ihr Freund auf seinem Handy ein Foto des Kaffees und einen Strichcode. Im Café braucht er nur sein Telefon zu zeigen, und schon kann er sein Getränk entgegennehmen.