Künstler in Weissrussland schwanken zwischen Hoffnung und Skepsis

Weissrussische Künstler, die Präsident Alexander Lukaschenko nicht genehm sind, müssen mit Repressionen rechnen. Nun, da die regimekritische Svetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis erhalten hat, hoffen sie auf mehr Freiheit für Kunst und Kultur in ihrem Land. Ob zu Recht, ist fraglich.

Ein Mann macht eine Liegestütze, wobei er sich mit den Händen an einem Kinderstühlchen festhält (den Kopf untendurch geschoben).

Bildlegende: Aus der Performance «The Zone of Silence» des Belarus Free Theatre in Minsk – die Truppe tritt nur versteckt auf. Reuters

Bis heute habe er ihr nicht persönlich gratuliert, sagt Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Mit «er» meint sie den Präsidenten Weissrusslands: Alexander Lukaschenko. Was aber tun Künstler in einem Land, in dem der Präsident keine Anstalten macht, einer Autorin zur weltweit höchsten literarischen Ehre zu gratulieren?

Ein Mann mit kinnlangem Haar sitzt auf einem Sofa und spielt Gitarre.

Bildlegende: Sänger und Musiker Zmitzer Vajcjuschkevitsch. Mirko Schwanitz

Ein Frühling, der einfach nicht kommen will

Wir haben bei Künstlern nachgefragt, die in Weissrussland auf der schwarzen Liste stehen, dem Herrscher nicht genehm sind – wie Zmitzer Vajcjuschkevitsch. Der populäre Sänger darf seit 2006 keine öffentlichen Konzerte mehr geben, weil er sich einst für den oppositionellen Präsidentschaftskandidaten einsetzte. Seitdem spielt er ausschliesslich auf Privatveranstaltungen. In Orscha, einer Stadt zwei Stunden entfernt von der Hauptstadt Minsk, steht er mit seiner Gitarre im Büro der Opposition, der «Vereinigten Bürgerpartei». Er singt von einem Frühling, auf den alle schon seit Jahren warten, der aber einfach nicht kommen will. Es ist ein trauriges Lied. So traurig wie die Stimmung im Land.

Solange Lukaschenko an der Macht sei, werde es auch die schwarze Liste geben, sagt Swetlana Alexijewitsch. In einem Interview erklärt sie: «Wir leben immer noch wie in einem sowjetischen Lager. Unsere Stärke ist zwar das Wort. Aber ich gelte als Feindin des Regimes. Also werden meine Bücher in meinem Land nicht gedruckt. Wer sie verkaufen will, muss sie aus Russland importieren. Das braucht persönlichen Mut und den haben in Belarus immer weniger Menschen».

Ein Mann in einem schwarzen Anzug mit einem MIkrofon in der Hand.

Bildlegende: Schriftsteller Viktor Martinowitsch. Mirko Schwanitz

Müde vom vielen Kämpfen

Schriftsteller Viktor Martinowitsch machte ähnliche Erfahrungen. Bis heute darf sein Roman «Paranoia», den es auch auf Deutsch gibt, in den vom Regime kontrollierten Buchläden nicht verkauft werden. Die Geschichte einer Liebe in den bleiernen Zeiten einer Diktatur kam der Wahrheit im Land zu nahe. «Bei uns ist die Zeit stehen geblieben», sagt Martinowitsch, «nichts ändert sich! Das Misstrauen zersetzt die Gesellschaft.» Er sei müde vom vielen Kämpfen.

Das Regime, so scheint es, hat sein Ziel erreicht. Es hat den Künstlern ihre Energien geraubt und die Opposition in die Verzweiflung getrieben. Inzwischen fühlt sich Lukaschenko so sicher, dass er die letzten politischen Gefangenen freiliess. Im Gegenzug will der Europarat die Sanktionen für vier Monate aussetzen. Was aber bedeutet das für die Künstler?

«Einen Funken Hoffnung», sagt Zmitzer Vajcjuschkevitsch. «Nicht Lukaschenko hat die Hoffnung verdient, sondern die Menschen», präzisiert er. Es sei immer gut, das Gespräch aufrechtzuerhalten, besonders mit einem Diktator. «Natürlich hoffe ich, dass Europa sich im Gegenzug auch stark macht für Künstler wie mich, damit ich endlich wieder vor meinem Publikum auftreten kann.»

Für die Opposition engagiert, Stelle verloren

Solche Hoffnungen beurteilt der Bildhauer Henadz Lojka als naiv: «Ich halte jeden Deal mit Lukaschenko für nutzlos. Wenn es in Weissrussland einmal Veränderungen geben sollte, werden sie aus dem Nichts kommen, unerwartet wie in der Ukraine oder der früheren Sowjetunion.» Wer gegen Lukaschenko ist, muss in Weissrussland nach wie vor um seine Arbeit und damit um seine Lebensgrundlage bangen – wie Henadz Lojka. Er verlor seine Stelle als Lehrer an der Fachschule für Angewandte Kunst, nachdem er sich für die Opposition engagiert hatte. Das sei die Realität im Land. Europa solle davor nicht die Augen verschliessen.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 14.10.2015, 17:06 Uhr.