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Kunst des Widerstands Der Maidan als Gesamtkunstwerk

Die Kunst gab den Menschen auf dem Kiewer Maidan-Platz Kraft zu kämpfen. Und sie war selbst die Stärke des Volkes im Kampf gegen das Regime: je kreativer und origineller, umso grösser die Wirkung. Ein Aha-Erlebnis für eine bislang willensschwache Masse, die von der Politik herumgeschoben wurde.

Legende: Video Protest auf dem Maidan: «Wir bleiben stark!» abspielen. Laufzeit 3:50 Minuten.
Aus Kultur vom 16.02.2015.

Die Kunst war seit Anfang der Proteste präsent auf dem Maidan. Von einigen Beobachtern wird der Maidan – als Ort des Geschehens – sogar als Gesamtkunstwerk gesehen, wie von Vasyl Cherepanyn, Direktor des Kiewer Zentrums für visuelle Kultur.

Gezielt baute der Euromaidan auf die Kraft der Bilder. Die Barrikaden aus Schnee oder aufeinandergetürmten Autoreifen und umgestürzten Autos folgten nicht nur einer defensiven, sondern auch einer künstlerisch-ästhetischen Logik. Jedes Bild transportiert schliesslich eine Botschaft, und je kunstvoller und origineller sie daher kommt, desto grösser ihr Wirkungskreis. In Ländern wie der Ukraine, wo der öffentliche Raum den Interessen des Staates unterworfen ist und sogar Graffiti eine Seltenheit sind, sorgten kunstvoll errichtete Schutzwälle und Barrikaden für grosse mediale Aufmerksamkeit. Es ging immer auch darum, Schlüsselbilder herzustellen, die als Sinnbilder taugen.

«Femen» und die mediale Aufmerksamkeit

Legende: Video Femen: «Wir haben eine neue Wahrnehmung von Nacktheit geschaffen» abspielen. Laufzeit 3:29 Minuten.
Aus Kultur vom 17.02.2015.

Schon die Aktivistinnen von «Femen» hatten seit 2008 mit ihrem halbnackten Körperprotest in der Ukraine gezeigt, wie wichtig mediale Aufmerksamkeit ist. Und doch gelang es «Femen» nicht, nachhaltig politische Botschaften zu transportieren, weshalb die Gruppierung beim Euromaidan schon keine Rolle mehr spielte. Während «Femen» in Westeuropa noch immer neue Anhänger und Aktivisten findet, hat die Organisation in der Ukraine ihre Bedeutung nahezu vollkommen eingebüsst.

Kampf um Witz und Scharfsinn

Wie viele andere Protestbewegungen schöpfte der Euromaidan dabei aber sehr wohl einen grossen Teil seiner strategischen Dramaturgie aus Arbeiten und Ideen, die der Kunstszene entstammen. Es gab parodistische, Flashmob-artige Auftritte, künstlerische Interventionen, Guerilla-Gardening, -Knitting und -Cooking sowie eine Fülle von absurden und spielerischen Plakaten, an denen sich ablesen liess, dass um Witz und Scharfsinn ein regelrechter Konkurrenzkampf tobte.

Von der «Occupy»-Bewegung hatte der Maidan zudem die Praxis der Camps und Teach-ins übernommen. Nicht nur in Blogs und Medien, sondern auch auf dem Platz selbst wurde die gesellschaftliche Selbsterkenntnis zu einem der zentralen Themen. Soziologen, Ethnologen und Politologen hielten Vorträge und moderierten Diskussionen, während die Protestierenden spontane Umfragen, Interviews und soziologische Erhebungen durchführten. Vor dem Hintergrund dieses grossen, anhaltenden Erkenntnisdrangs wird der Protest auf dem Maidan auch als «Revolution des Erwachens» apostrophiert.

Neues Zusammengehörigkeitsgefühl

Es gibt seither einen enormen Wissensdurst und Informationsbedarf, allabendlich finden in Kiew Vorträge und Diskussionen statt – etwa über die Zusammensetzung der Gesellschaft, ihre Reformvorhaben, die Funktionsweisen der Politik oder die Auswirkungen der Proteste. Der Maidan hat zudem ein neues, bis zu den Protesten unbekanntes Zusammengehörigkeitsgefühl der Ukrainer hervorgebracht. Ein grosses Aha-Erlebnis ist durch die ansonsten stark atomisierte Gesellschaft gegangen, Tausende von Gleichgesinnten konnten erleben, wie sie durch kreative Selbstorganisation erfolgreich Freiräume erobern und mit Leben ausfüllen.

Der Künstler Markiyan Matsekh hatte beispielsweise sein Klavier auf dem Maidan direkt vor der Phalanx der Polizisten aufgestellt und Chopin gespielt. Heute steht das Klavier auf dem Maidan vor der Post. Manch ein Passant spielt auf und noch immer findet sich dann und wann rundherum eine Traube Sänger ein.

«Art Bataillone»

Junge Filmemacher haben während des Euromaidan ein Dokumentarfilmprojekt gegründet: «Babylon 13» ist ein Zusammenschluss von Regisseuren, die kurze Filme über politische Ereignisse und Entwicklungen drehen und auf Youtube stellen. Auch viele Künstlerinnen, darunter etwa Yevgenia Belorusets, Nikita Kadan oder Lada Nakonechna, haben ihre Malerei oder Fotografie in den Dienst des Euromaidan gestellt. Die Vorgehensweise ist dabei meist poetisch. Bisweilen gar optimistisch wie etwa bei Yevgenia Belorusets, die Schachtarbeiter im Donbass fotografiert hat, welche trotz des Kriegs weiterhin tagtäglich zur Arbeit gehen und Kohle fördern.

Aus dem Euromaidan heraus entwickelten sich nicht zuletzt sogenannte «Art Bataillone», zu denen sich Schauspieler, Sänger, Musiker, Künstler oder Schriftsteller zusammengeschlossen haben, um die Frontstädte und ukrainischen Soldaten zu unterstützen und wenigstens kulturell zu versorgen.

Durch Kunst Strukturen aufbrechen

Im Zuge der Erfahrungen des gemeinsamen Protests auf dem Maidan wuchs allgemein ein neues Selbstvertrauen. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als willenlose Masse, die von der Politik hin- und hergeschoben wird. Sie behaupteten sich vielmehr als mündige Bürger, welche die Welt gestalten. Die Kunst, die sich typischer Formen der Agitation bedient, hat mit ihrer Freiheit und Weite jenen Humus bereitet, auf dem eine neue ukrainische Zivilgesellschaft ideenreich Gestalt und Format annimmt.

Es lag weitgehend auch an der Kunst, eingefahrene Strukturen aufzubrechen. Kunst lockert den Ernst der Lage auf, sie bewegt sich – wie auf dem Euromaidan – oft in der Nähe des Humors. Durch Verbildlichung macht sie zudem Prozesse sichtbarer. Gäbe es keinen Krieg in der Ostukraine, hätte der unglaubliche Kreativitätsschub noch sehr viel mehr Initiativen und Reformen in Gang gesetzt.

«Everyday Rebellion»

Der Dok-Film «Everyday Rebellion» feiert die Kraft des kreativen, gewaltlosen Widerstands. SRF Kultur Korrespondenten gehen der Frage nach: Was ist daraus geworden?

Euromaidan

Ende November 2013 begannen die Proteste auf dem Maidan als pro-europäische Bewegung – als Reaktion auf die Nicht-Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU. Dann eskalierte die Situation. Die alte Regierung ist unterdessen abgesetzt, Ruhe ist nicht eingekehrt.

Christine Hamel

Die Journalistin arbeitet für verschiedene Medien, unter anderem für die ARD, den Deutschlandfunk und SRF Kultur. Der Schwerpunkt ihrer redaktionellen Arbeit liegt auf Russland.

1 Kommentar

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  • Kommentar von m.mitulla, wil
    Eine Verdrehung der Tatsachen! Der Regime-Change wurde nicht durch friedliche Proteste des Volkes bewerkstelligt, sondern durch Scharfschützen, die 100 Tote hinterliessen: Tote Polizisten und tote Demonstranten. Diese Scharfschützen mordeten - und die Auftraggeber blieben im Dunkeln. Daraus folgte die Flucht Janukowitschs und die Einsetzung Jazenjuks "Jaz is our man" "Fuck the EU"... Heute ist die Ukraine ärmer und zerstrittener als zuvor - Rechtsextreme Gruppen sind heute an der Macht beteiligt
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