Schweizer kämpfen mit der Kraft des Humors gegen Fremdenhass

Zugewanderte werden hierzulande gerne zu Sündenböcken für soziale Probleme gemacht. Dagegen protestieren Secondos auf der Comedy-Bühne: Humorvoll geben sie Vorurteile der Lächerlichkeit preis. Darüber darf herzlich gelacht werden.

Müslüm im roten Anzug mit dickem, aufgeklebtem Schnurrbart und Sonnenbrille.

Bildlegende: Semih Yavsaner als Müslüm: Der Komiker und Sänger spielt gerne mit Ausländerklischees. zvg

Er beschreibt sich selber als «optimalpigmentiert», erzählt todernst davon, dass er bei Nachtübungen im Militär keine Schuhwichse ins Gesicht zu streichen brauche oder gibt zum Besten, wie er vom Lehrer vielsagend gemustert wird bei der Frage an die Klasse, wer denn schon mal Rassismus erlebt habe. Die Rede ist von Charles Nguela, gebürtiger Kongolese aus Niederlenz und Gewinner an den «Swiss Comedy Awards» 2014. Der Mittzwanziger versteht es, die Alltagserfahrungen mit seiner Hautfarbe und klassische Stereotype über seine afrikanische Herkunft in den Mittelpunkt seiner Comedy-Auftritte zu stellen und erntet damit nicht nur Lacher, sondern auch Auszeichnungen.

In einem politischen Kontext, in dem Zugewanderte gerne zu Sündenböcken für nahezu alle Herausforderungen der modernen Gesellschaft gestempelt werden, tritt auf den humoristischen Bühnen zunehmend die junge Generation der Zugewanderten in Erscheinung. Und sie tut dies genau mit jenen negativen Klischees, mit welchen Zugewanderte in der Öffentlichkeit herumgereicht werden und oftmals auch zu kämpfen haben. In einem Akt der Aneignung negativer öffentlicher Bilder schrecken sie auch nicht davor zurück, den gewaltbereiten Ausländer oder die ungebildete, prollige Migrantin zu spielen. Sie führen damit allerdings nicht diese gespielten Figuren vor, sondern – und das ist die Pointe – die Vorurteile, denen solche stereotypen Ausländerfiguren entspringen.

Bendrit Bajra bei Giacobbo /Müller

In Deutschland oder Frankreich ist das Phänomen schon länger bekannt, aber auch hierzulande erobern Seocondos die Comedybühnen. Ob Müslüm, Nguela, I pelati delicati oder Massimo Rocchi – sie alle verbindet die Grunderfahrung, mehr als nur in einer einzigen Kultur und Sprache zu leben. Eine Erfahrung, die Semih Yavsaner, hierzulande als Müslüm bekannt, so beschreibt: «Wenn all das, was du daheim diskutierst, was daheim stattfindet, mit der Gesellschaft hier nicht kompatibel ist, dann entwickelst du eine Energie, die wahrscheinlich entweder humoristisch sein kann oder aggressiv oder intelligent oder ... Irgendwie sprengt es einen richtig.» Es ist diese Kraft, welche im Humor der Secondos wirkt.

In jüngster Zeit tummeln sich Comedy-Secondos gerne auch auf sozialen Netzwerken. Bendrit Bajra, der 19-Jährige aus Zürich Schwamendingen, hat es mit seiner Onemanshow so bis zu Giacobbo /Müller geschafft – die schweizerischste Auszeichnung für einen Komiker, möchte man meinen. Der Erfolg von Bajra gründet auf der klischierten Gegenüberstellung von sogenannt Ausländischem und Schweizerischem. Wenn er plakativ den strengen, etwas gewalttätigen kosovarischen, dem antiautoritären, etwas fühligen schweizer Vater gegenüberstellt, erntet er Klicks auf dem Netz. Selber sagt er dazu: «Ich bin eine Mischung von beiden.»

«Lach kaputt, was dich kaputt macht»

Einen Schritt weiter und über das einfache Spiel mit Stereotypen hinaus geht die eigenständige Künstlergruppe RebellComedy aus Deutschland. Obwohl der Prüfungsausschuss der Kunsthochschule in Aachen dem Vorhaben von Usama Elyas (alias Ususmango) mangelnde Erfolgsaussichten attestierte, setzte er das Projekt unbeirrt mit Babak Ghassim (alias Gondebak) in die Realität um – mit anhaltend grossem Erfolg. Das Motto einer frühen sehr erfolgreichen Show der Gruppe heisst: «Lach kaputt, was dich kaputt macht». Fast so als wollte RebellComedy darauf aufmerksam machen, dass nicht nur Prüfungskommissionen das Potenzial von Eingewanderten chronisch unterschätzen.

RebellComedy will nach eigenen Angaben «Unterhaltung auf höchstem Niveau mitten aus der Gesellschaft» bieten. Der Anspruch ist hoch, aber der Erfolg gibt den Künstlern Recht. Auch bei uns in der Schweiz wird noch immer gerne zwischen «wir Schweizer» und «ihr Ausländer» unterschieden. Diese Einstellung ist es, die RebellComedy auf der Bühne dem Lachen Preis gibt.

Das klingt beim ersten Auftritt im WDR so: «Wir drehen hier für den WDR. Das war bisher nicht so ein kanakenfreundliches Programm. Aber wir sind ja jetzt hier, um das zu ändern.» Und Benaissa doppelt nach: «Nach unserer letzten Show haben wir uns gesagt: Langsam weg von diesem Ausländerthema, geht voll auf den Sack, oder. Deutsche so, Kanacken so – keinen Bock mehr drauf gehabt. Und dann plötzlich kommt dieser Thilo Sierenzon, Surenzon – hey, ich krieg den Namen nicht über die Lippen. Und er bringt dieses Buch raus. Ganz Deutschland in Panik. Deutschland schafft sich ab und alle schauen mich auf der Strasse an mit meinem arabischen Gesicht... Was ist Deutschland überhaupt? Ne, nicht Kartoffeln. Was deutsch ist, ist das worauf ich gerade blicke. Deutsch ist auch, worauf ihr blickt. Ja, Benaissa, Bartwuchs aktiv, dieser arabische Schädel, 100% deutsch.»

Dem Publikum gefällt's

Er blickt auf ein sehr gemischtes Publikum, in der Schweiz würde man sagen multikulturell. Und diesem Publikum gefällt es. Für eine wachsende Anzahl Menschen, die eine gemischte Herkunft haben, mehrere Sprachen beherrschen und sich selbstverständlich in verschiedenen Kulturen bewegen, stimmt die Unterscheidung in «wir» und «ihr» ohnehin nicht mehr. Das gilt sowohl für die humoristischen Performer auf der Bühne, wie auch für das lachende Publikum. Oder wie es ein junger Fan von Bendrit Bajran in der Schweiz auf den Punkt bringt: «Er repräsentiert unsere Generation heute, er bringt es auf den Punkt. Er ist einfach Wir alle.»

Die subversive Kraft des Lachens zeigt sich hier nicht nur in ihrer gemeinschaftsstiftenden Facette. Sie verweist auch auf das grenzüberschreitende Potenzial von Humor, Neues anders zu denken.

Inés Mateos

Die gebürtige Spanierin ist in jungen Jahren mit den Eltern in die Schweiz eingewandert. Heute ist sie Expertin für Bildungs- und Diversitätsfragen und engagiert sich für ausländerrechtliche Angelegenheiten.

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