«Kuscheln ist Friedensarbeit»

Körperkontakt ist gesund. Das weiss auch die Berührungsindustrie: Wellness-Massagen, Tantrakurse und sogenannte Kuschelparties liegen im Trend. Wir streicheln zu viele kalte Screens und zu wenig warme Haut, sagt Berührungsexpertin LuciAnna Braendle. Sie lädt zum Kuscheln mit Fremden ein.

Menschen liegen am Boden. Sie kuscheln.

Bildlegende: Berührungsängste ablegen und entspannen: Szene aus einem Kuschelkurs. SRF

Wen oder was berühren Sie selber am häufigsten?

LuciAnna Braendle: Am häufigsten wohl meine eigenen Hände und mein Gesicht.

Berührung ist gesund, das zeigen Studien. Nicht nur psychisch, auch körperlich – Berührung wirkt stressmindernd und stärkt das Immunsystem.

Ich zähle Berührung zu den Grundnahrungsmitteln und bin überzeugt, dass körperliche Nähe zu anderen Menschen ein archaisches Bedürfnis von uns ist. Ein Bedürfnis, das auf eine Zeit zurückgeht, in der die Menschen noch keine Häuser und Heizungen hatten und somit für Wärme und Sicherheit auf andere Menschen angewiesen waren. Berührung ist eine wichtige Basis für soziale Zugehörigkeit. Bei Berührung und gerade auch beim Kuscheln wird es uns wohlig zumute, wir entspannen uns, Gefühle von Geborgenheit und Frieden tauchen auf. Wir fühlen uns akzeptiert und unser Selbstwert wird genährt.

Eine Frau mit blondem Haar und einer Halskette.

Bildlegende: «Wir leben in einer berührungsarmen Gesellschaft», sagt LuciAnna Braendle. SRF

Der Höhlenbewohner in uns kuschelt gern im Rudel?

Der Mensch braucht Anregung im lebendigen Kontakt. Berührung von Körpern, von Augen oder einer Stimme. Viele Menschen haben eine grosse Sehnsucht danach und kompensieren diese mit dem Konsum von virtuellen Sexszenen und Kontakten. Die Sehnsucht dahinter kann jedoch nie wirklich befriedigt werden. Beim Kuscheln wird dieses Verlangen gestillt. Die Kuschler dürfen sein und geniessen. Bewertungen fallen weg. In diesem achtsamen und entspannten Rahmen lernen Menschen wieder zu unterscheiden zwischen dem Paarungswunsch und dem Bedürfnis, nahe zu sein und gehalten zu werden.

Es gibt an den Kuschelparties klare Regeln: den Geschlechtsbereich und die Brüste nicht berühren, nicht Küssen und die Kleider bleiben an. Ist die Grenze zwischen zärtlichem Streicheln und Sexualität nicht fliessend?

Hier liegt ein Problem begraben. In unserer Zeit findet Berührung zwischen Erwachsenen vor allem in der Sexualität statt. Oder anders herum: Berührung zwischen Erwachsenen führt oft zu Sexualität. Es gilt die ABC-Regel: Wer A sagt, muss auch B sagen und dann C – wer berührt oder berührt wird, muss auch erregt werden, muss auch Sex haben. Das Bedürfnis nach Berührung, das nur mit Berührung gestillt werden kann, bleibt oft unbefriedigt. Um unerwünschte Sexualität zu vermeiden, gehen viele Erwachsene Berührungen aus dem Weg. Und das ist sehr schade. Dadurch geht eine wertvolle Ressource von Gesundheit und Wohlbefinden verloren.

Wer kommt zu Ihnen zum Kuscheln?

Es kommen Leute jeglichen Hintergrunds und Alters – alle zwischen 18 und 75. Auch Verwaltungsräte und Managerinnen. Das zeigt, dass es ein Bedürfnis ist. Viele kommen immer wieder, es gibt einige Stammgäste. Aber jedes Mal sind auch ein paar Neue dabei. Die sind meistens ein bisschen nervös beim ersten Mal, wissen nicht, auf was sie sich einlassen.

Verständlicherweise – mit fremden Menschen kuschelt man nicht jeden Tag.

Meistens legt sich die Nervosität innerhalb der ersten halben Stunde. Spätestens wenn der Kopf das Denken herunterfährt und der Körper, das Fühlen das Ruder übernimmt.

Gibt es Berührung und Berührung?

Klar. Grundsätzlich können wir durch alle unsere Sinne – durch einen Blick, durch Worte, über die Haut, durch einen Geruch oder Geschmack – berühren oder berührt werden. Bei der körperlichen Berührung unterscheide ich zwischen dem pragmatischen Anfassen, ein Kontakt, der auch gleichgültig oder gewalttätig sein kann, und der achtsamen, körperlichen Berührung, eine Kontaktaufnahme, die in die Tiefe oder «unter die Haut» geht und etwas in uns anrührt.

Braucht es dazu den Rahmen eines Kuschelevents oder geschieht das auch im Alltag?

Das kann jederzeit passieren – oft sogar ganz unbewusst. Es gibt dieses Experiment in einer Bibliothek. Dort wurden die einen Kundinnen bei der Bücherausgabe an der Hand oder am Arm berührt und die anderen nicht. Beim Ausgang wurden alle gefragt, wie die Bedienung gewesen sei. Zu einem hohen Prozentsatz waren die, die berührt worden waren, zufriedener mit der Bedienung als die anderen. Nur wenige konnten sich jedoch an die Berührung erinnern.

Berühren wir uns heute weniger als vor ein paar Jahrzehnten?

Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber wir leben definitiv in einer berührungs- und kontaktarmen Gesellschaft.

Wieso ist das so?

Individualisierung und Pluralisierung, Mobilität, neue Medien – das sind alles tolle Fortschritte, die uns mehr individuelle Freiheit geben. Doch gleichzeitig verlieren wir damit den sozialen Zusammenhalt. Wir vereinzeln uns, die Gemeinschaft geht verloren. Das widerspricht der Natur des Menschen als soziales Wesen.

Ich vermute mal, Sie sagen, Kuscheln wirkt nachhaltig?

Das ist meine Vision, ja. Kuscheln ist «unspektakulär spektakulär». Fremde Menschen begegnen sich auf eine achtsame und wertschätzende Weise. Das ist sehr einfach – mit einer grossen Wirkung. In dem Sinne wirkt Kuscheln integrativ und beziehungsfördernd. Das ist Friedensarbeit.

Kuscheln als Friedensarbeit?

Viele erzählen am Schluss eines Kuschelanlasses, dass sie einen inneren Frieden spüren. Dieses Friedensgefühl entsteht durch das gemeinsame Erlebnis, das Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit. Es werden Hormone ausgeschüttet, die die Bindungsfähigkeit stärken, die entspannen und die Menschen im Alltag gelassener reagieren lassen. Regelmässiges Kuscheln ist ein Training dieser Eigenschaften. Die Ausschüttung der Hormone verändert sich dauerhaft und somit auch unser Gefühlszustand und wie wir auf andere Menschen zugehen. In diesem Sinne ist es Friedensarbeit.

Berührungs-Tipps von LuciAnna Braendle

Wenn Sie nächstes Mal jemandem danken, dann drücken Sie ihm gleichzeitig sanft den Arm
Kurze Berührungen an Händen oder Armen bei einem Kompliment, einer
Wertschätzung oder während eines Gesprächs wirken – testen Sie es.
Rutschen Sie im Zug oder Bus nicht weg, wenn der Nachbar sich
ausbreitet. Breiten Sie sich auch aus und spüren Sie die Wärme,
entspannen Sie sich in diesen Kontakt hinein. Pendeln in vollen
Verkehrsmitteln wird so zum Genuss.
Fragen Sie nach, wenn Ihnen nach Berührung ist. «Darf ich dich umarmen?», «Darf ich mich bei dir einhängen?» oder auch «Würdest du mich
für einen Moment in den Arm nehmen?» Sie werden staunen, wie oft die
Leute Ja sagen und sich über die Berührung freuen. Wenn jemand Nein
sagt, nehmen Sie es nicht persönlich und fragen Sie jemand anderen.
Finden Sie Freitzeitaktivitäten, bei denen sich die Menschen berühren:
Tanzen (Paartanz, 5-Rhythmen-Tanzen, Contact-Improvisation),
Gruppensport oder natürlich Kuschelanlässe.
Gönnen Sie sich ab und zu eine Ganzkörpermassage.
Kaufen Sie ein grosses Sofa. Darauf können Sie mit Ihren Liebsten
kuschelig zusammenliegen, lesen oder Ihre Lieblingsserie anschauen.
Nehmen Sie sich Zeit bei der Begrüssung oder der Verabschiedung von
Ihren Liebsten. Schauen Sie sich in die Augen, berühren Sie das Gesicht,
umarmen Sie sich und halten Sie dabei einen Moment inne.
Umarmen Sie Ihre Liebsten mehrmals am Tag. Umarmen Sie aber auch, wenn
Sie gerade etwas verärgert. Kleine Unstimmigkeiten lösen sich so oft von
selbst und können nachher viel ruhiger besprochen werden.

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