Zum Inhalt springen

Header

Video
So geht visionäres Wohnen
Aus Kulturplatz vom 08.06.2022.
abspielen. Laufzeit 28 Minuten 31 Sekunden.
Inhalt

Leben und Wohnen Weshalb am Ende alle in der Küche landen

Kuno Lauener hockt «ir Chuchi», Lara Stoll spielt da sogar Tennis: Was macht die Küche so anziehend? Ein Blick auf das Zentrum unserer Wohnung – früher und heute.

I hocke im Näbu / Ir Chuchi im Egge / U frisse Chummer us Büchse / Zwüsche de Zigarette
Autor: Züri West: «Fische versänke»

Kuno Lauener, Sänger und Liederschreiber von Züri West, zelebriert in etlichen Songs den Küchentisch als Lieblingsort des Melancholikers. Das Bild des einsamen Mannes spätnachts unter der Lampe des Küchentischs.

Dort sind auch viele seiner Texte entstanden, erzählte er kürzlich der NZZ: «Ich versuche mich immer auf eine Szene zu konzentrieren, die nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben meines Protagonisten zeigt. Wie unter dem Lichtkegel der Küchentischlampe, der Rest bleibt im Dunkeln.»

Video
Aus dem Archiv: Bei Kuno Lauener zuhause
Aus 10 vor 10 vom 16.03.2021.
abspielen. Laufzeit 5 Minuten 4 Sekunden.

Geselliges Nest und kreativer Hort

Die Küche ist das Zentrum der Wohnung, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Hier trifft sich die Familie, werden Hausaufgaben gelöst oder Zeitungen gelesen. Es wird diskutiert, debattiert, geschwiegen, gelacht oder es werden Tränen vergossen. Und am Schluss jeder WG-Party landen alle in der Küche.

Die Küche ist geselliges Nest und kreativer Hort. Ein Freund hatte jeweils die zündenden Ideen beim Kochen, was er darum mittags wie abends fast täglich ausschweifend zelebrierte.

Autoren schreiben «ir Chuchi»

Ob Ad-hoc-Konzerte, späte Partys oder einsame Stunden des Melancholikers: Kein Wunder, wählen Liedermacher oder Autorinnen die Küche als Inspirations- und Schaffensort.

Die Schweizer Autorengruppe «Bern ist überall» – u.a. mit Beat Sterchi, Michael Stauffer und Pedro Lenz – hat 2013 ein Hörbuch dem gemütlichsten Platz in der Wohnung gewidmet. «Ir Chuchi» ist eine Hommage mit zwölf Stücken, die allesamt in der Küche aufgenommen wurden und den kreativen Rückzugsort regelrecht zelebrieren.

Lara Stoll grummelt in der Küche

Für die Slam-Poetin, Filmemacherin, Musikerin und Autorin Lara Stoll ist die Küche «als kognitiver Schaffensraum kaum mehr wegzudenken». In ihrem ersten Buch «Hallo» schreibt sie von Frittierpartys in ihrer Küche, die durch Haschkekse ein vorzeitiges Ende finden.

Früher oder später lande ich immer in der Küche.
Autor: Lara Stoll Slam-Poetin

Wenn sie nicht auftrete oder probe, schreibe sie meist zuhause. Sie teste diverse Orte und schaue, wo die Kreativität am besten fliesse. «Meistens drehe ich regelrechte Runden in der Wohnung. Beginnend beim Sofa. Manchmal stehe ich sogar an der Kommode im Badezimmer, um zu arbeiten. Früher oder später lande ich aber immer in der Küche», erzählt sie.

Die Küche sei der ideale Kompromiss: «Der Kaffee ist stets in greifbarer Nähe, und man kann sich in den Pausen ans Fenster stellen und kauzig vor sich hin grummeln.»

Tennis in der Wohnküche

Was macht denn die Küche aus? «Dass es eben nicht das eigene Zimmer ist. Dass es ein anderer Raum ist, der nichts mit Liegen, Schlafen und Netflix zu tun hat», so Lara Stoll. Wer also kein Büro oder Atelierplatz habe, nutze für die Arbeit die Küche.

Frau mit langen Haaren und dunkler Kleidung sitzt auf einem Anhänger.
Legende: In der Küche grummelt sie kauzig vor sich hin: Slam-Poetin Lara Stoll. Keystone / Gaetan Bally

Das wäre theoretisch auch in einer heutigen Wohnküche möglich – aber: «Wer eine moderne, offene Wohnküche verfügt, hat meistens auch ein Büro, das sich dann vielleicht eher für die Arbeit eignet», sagt Lara Stoll. Dafür habe sie in einer modernen, offenen Küche einmal «ein bisschen Tennis gespielt». Etwas, was in ihrer Grummel-Küche nicht möglich wäre.

Ikonisch und verspiegelt

Moderne Wohnküchen sind ausufernde Design- und Hightech-Objekte. Mit «verspiegelten Fronten», «ikonischem Charakter» und «Oberflächen, die das Auge verzaubern». So tönt die Werbung, die ebenso gut für ein Auto stehen könnte.

Der funktionale Rückzugsort von einst ist heute das selbstbewusste Zentrum einer modernen Wohnung. Kochen ist nicht einfach Nahrungszubereitung, sondern ein Erlebnis. An Küchen lassen sich Wohntrends, gesellschaftliche Entwicklungen und die Zeichen der Technik erkennen.

Schon früher das Zentrum der Wohnung

Die Küche als Aufenthaltsort und multifunktioneller Raum ist keineswegs neu. «Das Konzept hat eine lange Geschichte», sagt Christina Schumacher. Sie ist Professorin und Dozentin für Sozialwissenschaften am Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Die einfachen Bürgerinnen und Bürger hätten bis ins frühe 20. Jahrhundert vieles in der Küche erledigt. «Weil es dort warm war und einen Tisch gab.»

Porträt einer Frau mit dunklen Haaren und runter Brille.
Legende: Expertin für das Wohnen: Christina Schumacher, Dozentin für Sozialwissenschaften. Christina Schumacher

Heute lodert das Feuer in Form eines Induktionsherds – die Anziehungskraft aber ist geblieben. Die Nähe zur Küche habe für Menschen bis heute eine grosse Bedeutung, sagt Schumacher. Auch für die Arbeit: «Der Videocall vom Küchentisch ist in Zeiten des Homeoffice nicht mehr wegzudenken.»

Als man im Keller kochte

Die Phasen, als man die Küche aus dem Wohnraum verbannt hat, sind in der Geschichte die Ausnahme. Etwa das grossbürgerliche Wohnen im 19. und 20. Jahrhundert mit Bediensteten und einer Küche im Keller. «Gerüche, Fette, Lärm sollten nicht mit dem Wohnen und dem Leben kollidieren», sagt Schumacher.

Wir haben ein sehr starkes Bedürfnis, die Küche als Teil des Haushalts zu erleben.
Autor: Christina Schumacher Professorin für Sozialwissenschaften

Auch die Avantgarde-Idee der Laborküche aus den 1920er- und 30er-Jahren ist gescheitert: «Das Ideal der kleinen, funktionalen Küche, wo die Hausfrau mit möglichst kleinem Aufwand kocht, hat sich nie durchgesetzt. Bewohnerinnen und Bewohner schätzen einen Tisch in der Küche.» Ebenso antiquiert ist – zum Glück – das 50er-Jahre-Bild der Küche als alleiniges «Reich der Hausfrau».

Seit den 1970er-Jahren gebe es wieder eine starke Tendenz, das Leben in der Küche zu integrieren. «Wir zelebrieren das Kochen und es hat für unsere Gesellschaft einen symbolischen Wert.» Die Kücheninsel, wie sie in modernen Wohnungen häufig zu finden ist, toppe diese Entwicklung.

Die abgetrennte Küche hat nicht ausgedient

«Wir haben ein sehr starkes Bedürfnis, die Küche als Teil des Haushalts zu erleben, wo man abends zusammensitzt, isst, arbeitet oder gemeinsam an Ideen tüftelt», sagt Schumacher. Ob das in einer offen oder abgeschlossen Küche passiert, sei nicht entscheidend.

In Lifestyle-Magazinen dominiert das Bild der offenen Loftwohnung. Der gute alte Kammer-Grundriss mit abgeschlossener Küche habe aber keineswegs ausgedient. «Gerade mit dem verdichteten Wohnen auf kleinerem Fussabdruck erleben diese kompakten Grundrisse eine Renaissance.»

Schumacher beobachtet heute etliche Varianten und kreative Umgänge, wie Küchen im Wohnen integriert werden. «Offene Küchen, halbe Abtrennungen, geschlossene – die Ideen sprudeln und wir erleben eine Vervielfältigung der Vorstellungen», sagt sie. Nur ein Konzept spielt aus Sicht Schumachers definitiv keine Rolle mehr: die rein funktionale Arbeitsküche ohne Tisch.

Eine vielseitige Werkstatt

Auch die Innenarchitektin Verena Huber beschäftigt sich zeitlebens mit dem Wohnen und Sich-Aufhalten. Sie sieht die offene Küche mit grossem Fenster in ihrer Mietwohnung als vielseitig nutzbare Werkstatt, in der sie meist alleine wirke. «Der Bereich Wohnraum-Essraum-Küche hat Fenster nach zwei Seiten und kann je nach Tageslicht vielseitig genutzt werden», sagt Huber. Der Essplatz hinter einer Schrank-Abtrennung sei ihr Büro. Und: «Eine sogenannte Polstergruppe hatte ich nie.»

Wir können uns alles leisten, auch zu grosse Küchen.
Autor: Verena Huber Innenarchitektin

Die 1938 geborene Baslerin, die heute in Zürich lebt, hat für ihre Arbeit, Forschung und Werke soeben den Grand Prix Design 2022 gewonnen. Verena Huber habe sich «von sinnentleerter Ästhetik und Konformität in jeder Hinsicht» ferngehalten, so die Begründung.

Die Küche als Rückzugsort habe sie nie erlebt, sagt Huber. Und die oft gestellte Frage, ob offene oder geschlossene Küche, findet sie uninteressant. «Mit allen Maschinen und Abzügen ist die Küche höchstens mit dem Lärm ein Störfaktor, der Geruch ist weg. Eine lebendige Küche ist das Zentrum des Wohnens.»

Von allem zu viel

Verena Huber beobachtet, dass die einst eng konstruierten Funktionsküchen über die Jahrzehnte immer grössere Ausmasse annehmen. Sie kritisiert: «Heute haben wir von allem zu viel: zu viel Raum, ein Ferienhaus, zu viel Küche. Wir können uns alles leisten, auch zu grosse Küchen.»

Ausstellung Design-Preis

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Verena Huber erhält einen Grand Prix Design. Bundesamt für Kultur/Diana Pfammatter

Die Preisverleihung des Grand Prix Design an Susanne Bartsch, Verena Huber und Beat Streuli findet am 14. Juni, 20 Uhr in der Messe Basel statt.

Ausstellung Swiss Design Awards 2022: 14.-19. Juni, Messe Basel. Eröffnung: 13. Juni, 10-19 Uhr.

Darum wünscht sie sich weniger Repräsentation und mehr Bescheidenheit. «Eine einfache Basis, die sich entwickeln kann. Raum und Einrichtung, die Lust zum Kochen und Essen weckt.»

Hier kann man zufrieden sein

Das bringt uns zurück zum Kreativen am Küchentisch: In seiner sechsminütigen Hommage an die Küche zählt der «chronische Küchenhocker» Pedro Lenz auf, wieso es in seiner Küche nichts zu klagen gibt. Und was man da alles tun kann!

D Chuchi ischs Zentrum / D Chuchi isch d Mitti / I läbe ir Chuchi vo Mäntig bis Friiti / Am Samschtig und Sonntig sowieso / Ir Chuchi chame hocke / Ir Chuchi chame zfriede sii
Autor: Pedro Lenz: «Ir Chuchi chasch»

Zum Schriftsteller Pedro Lenz passt das Bild des Künstlers in der Küche perfekt. Oder besser: Es passte. Inzwischen ziehe er sich für das Schreiben nämlich lieber in sein Atelier zurück, lässt er verlauten.

Daran ist aber nicht die Küche schuld: Pedro Lenz hat drei Kinder, die auch ganz viel können und wollen «ir Chuchi».

Themenschwerpunkt «Wie wir wohnen»

Box aufklappen Box zuklappen
Pinkfarbene grafische Darstellung eines Hauses mit mehreren Fenstern, aus denen Menschen schauen.
Legende: SRF

Wie wohnen Menschen heute in der Schweiz und wie wohnen sie in Zukunft? Was sagen Wohnformen über Menschen aus? Was steckt hinter Wohntrends und welche Rolle spielen soziale Medien dabei?

SRF nimmt die weltgrösste Wohnmesse Milan Design Week 2022 (6. bis 12. Juni) zum Anlass, das Thema auf verschiedenen Kanälen zu betrachten – mal kritisch und analytisch, mal herzhaft und augenzwinkernd.

SRF 1, Kulturplatz, 08.06.2022, 22:25 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von SRF Kultur (SRF)
    Liebe Community, vielen Dank für Eure Meinungen, wir schliessen hiermit die Kommentarspalte.
  • Kommentar von Christian Bischof  (Christian Bischof)
    Die Küche ist wunderbarer, wo man ein wenig Herdwärme genießen kann. Was im Artikel leider nicht zur Sprache kommt: die offene Küche ist auch Ausdruck davon, wie Investoren Wohnungen planen: man spart einen Raum und kann die Rendite auf demselben Grundstück erhöhen, da noch eine Wohnung mehr reinpasst. So sehen denn auch alle neuen Wohnungen sehr ähnlich aus. Verkauft wird es natürlich als neues Lebensgefühl…
  • Kommentar von Susanna Scherler  (Su_Bern)
    Die Küche ist der Ort der zufälligen Wundertüten! Unbeabsichtigt kreiert man im Nachgang ans feine Essen tolle Höhenflüge..oder auch nütige Nütelis. Ein wunderbarer Ort.