Lichtblick? Griechenland ist bei türkischen Urlaubern ein Renner

«Wir sind bereit, Griechenland zu helfen»: Die Worte des türkischen Premierministers Ahmet Davutoglu sorgten für Überraschung. Denn Griechen und Türken sind traditionell nicht gut aufeinander zu sprechen. Auf türkischer Seite aber wächst nicht nur das Mitleid, sondern auch die Reiselust.

Ein Dorf auf Santorini mit vielen farbigen Häusern.

Bildlegende: Und ewig lockt ... das Paradies: die Insel Santorini ist einer von vielen wunderschönen Ferienorten in Griechenland. Reuters

Der Duft von frischem Thymian weht herüber, rot blühende Geranientöpfe baumeln vor weiss gestrichenen Häuschen. Die griechische Insel Samos mit ihren unzähligen Stränden, Olivenhainen und Weinbergen liegt idyllisch und ruhig da. Zu ruhig, könnte man sagen.

Denn schliesslich ist Hochsaison. Doch die will ausgerechnet im krisengeschüttelten Griechenland nicht so recht in Fahrt kommen in diesem Jahr. Vor allem deutsche Urlauber sonnen sich lieber anderswo. Zum Beispiel gleich nebenan in der Türkei. Nur gut eine Stunde braucht die Fähre vom griechischen Samos zur türkischen Küste.

In der Türkei blüht das Geschäft

Während den Griechen drüben die Gäste fehlen, brummt hier im Städtchen Kusadasi das Geschäft. Höchstens die Rubelkrise in Russland trübt die Stimmung etwas. Vor allem Deutsche und Briten aber kommen gewohnt zahlreich und rennen Dönerbuden, Bauchtanz-Bars und Kebab-Restaurants die Türen ein. Ein Hotel nach dem anderen entstand in den letzten Jahren entlang der Küste. Vor allem das türkische All-inclusive-Geschäft boomt. Schon für weniger als 50 Euro gibt es eine Nacht im Luxushotel – Liegestuhl und Sonnenschirm, Kaffee und Bier, Gang zum offenen Buffet inklusive. Nicht nur Nachbar Griechenland kann da nicht mithalten.

Und das, obwohl nicht nur auf Samos längst die Preise fallen. Restaurantbesitzer Spyros Galiatsatos – ein stämmiger Grieche mit kurzem schwarzen Haar und randloser Brille – holt eine Speisekarte hervor. Kichererbsen-Kroketten, mit Reis gefüllter Tintenfisch, Feta-Creme, griechischer Hauswein. Gut zehn Euro kostet ein Menü. Das Essen bereitet Spyros‘ Mutter in der Küche frisch zu. Doch egal wie gut es den Gästen auch schmeckt: Die Preise der Türken zu schlagen ist schwer. Vor allem aber vermiesen die negativen Nachrichten aus Athen das Geschäft.

Urlaub bei den «Kontrahenten»

Die Türken drüben auf der anderen Seite könnten sich darüber freuen. Denn Griechen und Türken sind spätestens seit dem Ersten Weltkrieg nicht gut aufeinander zu sprechen. Der Zypern-Konflikt und die immer wieder aufflammenden Streitigkeiten um zwei unbewohnte Inseln in der östlichen Ägäis führten mehrfach an den Rand eines Krieges.

Umso erstaunlicher, dass auf türkischer Seite ausgerechnet da die Reiselust wächst. Nur gut 100'000 Türken verbrachten im Jahr 2005 ihren Urlaub in Griechenland. Mehr als 1 Million sollen es in diesem Jahr werden. Zehn Mal mehr – und das trotz Visumspflicht! Türkische Reisebüros können die Nachfrage inzwischen kaum noch befriedigen.

Speisekarten auf Türkisch

Es ist unwahrscheinlich, dass die türkische Regierung am Ende tatsächlich für die Schulden des griechischen Staates aufkommen wird, so wie es einige Politiker in Ankara jüngst vorschlugen. Doch allein die steigende Zahl an türkischen Touristen macht Griechen wie Spyros Galiatsatos auf Samos Hoffnung. Längst hat er Speisekarte und Website ins Türkische übersetzen lassen. Vor 20 Jahren, als er hier zur Schule ging, galt das nur eine Stunde entfernte türkische Festland noch als Feindesland, erinnert sich Spyros.

«Der türkische Streifen am Horizont wirkte bedrohlich und seine Bewohner galten als bitterarm». Der Restaurantbesitzer lacht. Heute verdienen viele Türken mehr als die Griechen. Das Nachbarland macht Spyros nicht mehr Angst sondern Hoffnung.

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