Macht oder Moral – wem ist die Wissenschaft verpflichtet?

Spätestens mit der Erfindung der Atombombe hat die Idee der freien Wissenschaft ausgedient. Im Dienst der Macht wurden Wissenschaftler organisatorisch von ethischen Überlegungen und Entscheidungsmöglichkeiten isoliert.

Schwarzweissbild: Luftaufnahme der riesigen Pilzwolke

Bildlegende: Die Pilzwolke über Hiroshima nach der Atombombenexplosion. Haben Forscher moralische Verantwortung für ihre Arbeit? Keystone

Mit ihrem Einblick in die Mikrowelt der Atome erreichte die Wissenschaft im 20. Jahrhundert einen Wissensstand, dessen praktische Nutzung auch zur Konstruktion der Atombombe und damit zur Gefahr für die ganze Menschheit wurde. Das Wissen wurde existentiell gefährlich.

Die Älteren kennen die grosse Angst vor der Atombombe noch aus Kindheitserinnerungen: Sie war in aller Munde, der Schrecken schlechthin. Schriftsteller, Theologen, Philosophen widmeten dem Thema in den zwei Jahrzehnten nach Kriegsende vielbeachtete Bücher und Theaterstücke.

Wissenschaft und Ethik

Eines dieser Bücher erschien 1957 und wurde zum Bestseller: «Die Atombombe und die Zukunft des Menschen» – Autor war der damals in Basel lehrende Philosoph Karl Jaspers. Er stellt fest, dass die Apokalypse von einer religiösen Idee der Antike zu einer realpolitischen Möglichkeit der Gegenwart geworden ist.

Und er zeigt die problematische Seite der Unterteilung wissenschaftlicher Arbeit in Spezialgebiete («Ressorts») auf, die nur allzu schnell auch zu einer entsprechenden Unterteilung von Verantwortung wird: Jeder ist nur für seine Teilaufgabe verantwortlich. Nicht für die Auswirkungen seiner Arbeit ausserhalb seines Tätigkeitfeldes. Und damit nicht für die ethischen Belange. Jaspers bezeichnet dieses Konzept als «Ressortdenken».

Pakt mit der Staatsmacht

Die Atombombe war und ist aber nicht nur der Grund, sondern auch das Produkt der Angst: Der Durchbruch in der Kernphysik gelang Otto Hahn mit der Entdeckung der Kernspaltung 1938 – ausgerechnet im nationalsozialistischen Deutschland. Etliche Wissenschaftler mussten – nicht zuletzt wegen rassistischer Verfolgung – von dort fliehen, gingen nach England oder Amerika. Einige warnten in den USA vor einer möglichen Entwicklung einer Nuklearwaffe durch die Deutschen.

Ab 1942 wurde in den Laboratorien von Los Alamos intensiv an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet. Der amerikanische Physiker J. Robert Oppenheimer leitete das Projekt.

Oppenheimer im Anzug und mit Hut neben Groves in Uniform in einer Wüstenlandschaft

Bildlegende: Oppenheimer (links) mit General Groves 1945 auf dem Gelände des Atombombentests «Trinity». U.S. Army Corps of Engineers

1945 fiel Deutschland acht Wochen vor dem ersten erfolgreichen amerikanischen Bombentest. Deutschlands Verbündeter Japan wurde nach vier weiteren Wochen durch die atomare Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki zur Kapitulation gezwungen. Der Krieg war zu Ende.

Die ehemaligen Alliierten spalteten sich in Ostblock und Westblock auf. Beide trieben in ihrem Wettrüsten gegeneinander das nukleare Vernichtungspotential in die Höhe. Dabei ging die Forschung unter staatlich-militärischer Kontrolle weiter.

Abstrafung moralischer Bedenken

Physiker wie Oppenheimer, die über den Einsatz der Bombe und damit ihrer eigenen Erfindung entsetzt waren, wurden zu entschiedenen Gegnern der Kernwaffen. Oppenheimer wurde des Landesverrats verdächtigt und als Sicherheitsrisiko eingestuft. In der antikommunistisch aufgeheizten Stimmung der USA wurde ihm die zeitweilige Nähe zum Kommunismus in jüngeren Jahren vorgehalten.

Von Wissenschaftskollegen denunziert, musste er sich 1954 Verhören durch das «Komitee für unamerikanische Umtriebe» unterziehen. Danach wurde er aufs Abstellgleis geschoben.

Theater basierend auf Verhören

Zehn Jahre später, 1964, brachte der deutsche Schriftsteller Heinar Kipphardt im Stil des Dokumentartheaters das Stück «In der Sache J. Robert Oppenheimer» heraus. Es beruhte auf den Verhörprotokollen von 1954.

Neben dem ideologischen Druck der damaligen Zeit fällt besonders die Einbindung der Wissenschaft in ein staatliches Organigramm auf, das es Wissenschaftlern nachgerade verunmöglicht, moralische Verantwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen.

Der Sicherheitsfachmann Colonel Boris T. Pash formuliert das in Kipphardts Stück einigermassen gewunden: «Die Wissenschaftler müssen begreifen, dass sie heutzutage Fachleute in einem sehr grossen Unternehmen sind, die ihre Teilarbeit zu machen haben, die sie anderen Fachleuten – Militärs und Politikern – abliefern, die darüber befinden, was damit gemacht wird. Und wir sind die Fachleute, die aufpassen, dass uns niemand in den Topf guckt. Wenn wir unsere Freiheit verteidigen wollen, so müssen wir bereit sein, auf gewisse Freiheiten zu verzichten.»

Pash postuliert damit genau, was Jaspers das Ressortdenken nannte. Und dieses ist auch heute noch aktuell. Die Integration wissenschaftlicher Forschung in die Organigramme und Workflows privatwirtschaftlicher Unternehmen verhindert heute genauso, dass die Forschenden moralische Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen.

Sendungshinweis

«In der Sache J. Robert Oppenheimer»: Hörspiel nach dem Doku-Theaterstück von Heinar Kipphardt. Produktion SRF 1964

Sendung: Karfreitag, 18.4. um 20.00 Radio SRF 1

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