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Gesellschaft & Religion Marignano oder die Frage nach dem Ursprung der Neutralität

Die Schweiz begeht dieses Jahr verschiedene historische Jubiläen, darunter auch den 500. Jahrestag der blutigen Schlacht bei Marignano von 1515. In einer klugen Schau mit 250 hochkarätigen Exponaten richtet das Landesmuseum Zürich seinen Blick zurück nach Marignano.

Eine 3/4-Ritterrüstung. Dahinter Langspiesse und Halbarten.
Legende: Die meisten Eidgenossen hatten keine solche Rüstung und waren nur mit Langspiessen bewaffnet. Schweizerisches Nationalmuseum
Im Vordergrund zwei Kanonen, dahinter ein Pferd mit Geschirr.
Legende: Zwei Tonnen, die die militärische Überlegenheit der Franzosen deutlich machen: «La grande couleuvrine». Schweizerisches Nationalmuseum.

Prächtig und auf Hochglanz poliert steht sie da: «La grande couleuvrine» aus dem Pariser Militärmuseum. Die Kanone ist über drei Meter lang und knapp zwei Tonnen schwer. Sie ist verziert mit königlichen Lilien und einem Stachelschwein. Die Franzosen hatten im Jahr 1515 siebzig solcher Kanonen im Einsatz und mussten diese zuvor über die Alpen nach Marignano schleppen.

Das Ende der Expansionsgelüste

Die Eidgenossen hingegen hatten nur wenige Kanonen dabei. Sie setzten auf ihre alte und bisher erfolgreiche Methode. Erika Hebeisen, die Kuratorin der Ausstellung «1515 Marignano» im Landesmuseum Zürich sagt: «Die Eidgenossen sind zu Fuss unterwegs, leicht gerüstet und setzen auf den Zweikampf. Die Franzosen hingegen agieren taktisch viel differenzierter und waffentechnisch viel reicher.»

Es kommt zum blutigen Fiasko – in der zwanzigstündigen Schlacht sterben 10'000 bis 12'000 Soldaten. Die grössere Zahl auf Seiten der Eidgenossen.

Die «Schlacht der Giganten», wie die Schlacht bei Marignano auch genannt wird, setzt den Expansionsgelüsten der Eidgenossen ein definitives Ende. Mailand, damals ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, und die Lombardei sind verloren. Das heutige Tessin hingegen wird definitiv der Schweiz zugeschlagen.

Ein historisches Dokument mit vielen verschiedenen Sigeln daran.
Legende: «Ewiger Friede»: Der Vertrag von 1516. Primula Bosshard

Der profitable Friedensvertrag

Die Eidgenossen gehen als klare Verlierer vom Platz. Dennoch gelingt es ihnen ein Jahr später, einen profitablen Vertrag auszuhandeln. Das prunkvolle Original dieses Vertrags mit seinen 19 Siegeln aus dem Staatsarchiv Freiburg ist in der Ausstellung zu sehen. Neben dem Tessin erhält die Eidgenossenschaft hohe Kriegsentschädigungen; zudem leistet Frankreich jährliche Zahlungen.

Der erst 21-jährige französische König François I. demütigt die Verlierer also nicht. Aus guten Gründen: Er erwirbt sich mit den Kriegsentschädigungen ein Privileg – er sichert sich das Vorkaufsrecht auf die eidgenössischen Söldner. Das bleibt so für mehr als 250 Jahre. Während dieser Zeit kämpfen die Schweizer regelmässig für das französische Heer und verdienen gutes Geld.

Woher kommt die Neutralität?

Die Schweiz begeht dieses Jahr mehrere Jubiläen: die Schlacht von Morgarten 1315, die Eroberung des Aargaus 1415, die Schlacht bei Marignano 1515 und den Wiener Kongress 1815.

Die historischen Ereignisse werden je nach politischer Couleur anders interpretiert. Das gilt ganz besonders auch für die Schlacht bei Marignano: Für die einen bedeutet Marignano der Anfang der schweizerischen Neutralität. Die anderen verknüpfen die Neutralität mit dem Wiener Kongress von 1815, denn damals wurde sie erstmals verbindlich festgeschrieben.

Wo liegt der Ursprung der schweizerischen Neutralität? Diese Frage beantwortet die Ausstellung im Landesmuseum Zürich klugerweise nicht. Sie setzt auf Besucherinnen und Besucher, die sich anhand der reichhaltigen Exponate ein eigenes Bild machen wollen. Und gerade nicht nach einer eindeutigen Wahrheit suchen.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung 1515 Marignano im Landesmuseum Zürich ist vom 27. März bis 28. Juni zu sehen.

6 Kommentare

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  • Kommentar von Elmar Hutter, Bad Ragaz
    Bei Marignano hat aus militärischer Sicht das Konzept der verbundenen Waffen (Infanterie, Artillerie und Kavallerie) über das Konzept einer fast gänzlich aus Infanterie bestehenden Truppe gesiegt. Die Eidgenossen hatten sich mit den oberitalienischen Kriegen politisch und militärisch übernommen. In den Jahrhunderten danach konzentrierte sich die konfessionell und so- zial tief gespaltene Eidgenossenschaft militärisch auf den Solddienst für fremde Mächte. Notwendige Reformen blieben leider aus.
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  • Kommentar von Charles Dupond, Vivis
    Wie die bewaffnete Unabhaengigkeit (durch gewonnene Schlachten) wurde auch die bewaffnete Neutralitaet (durch eine verlorene Schlacht) lange vor der internationalen Festschreibung erreicht. Die zwei wichtigsten - leider heute wie noch nie gefaehrdeten - Grundpfeiler des Friedens, der Sicherheit und der gemeinsamen Wohlfahrt der Eidgenossen und ihrer immer zahlreicheren "Gaeste" aller (Un)art....
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  • Kommentar von C. Schenk, Bern
    Wie man 1515 als Ursprung der Schweizer Neutralität ansehen kann, ist mir dann doch ein Rätsel. Erstens, weil es "die Schweiz" erst seit 1848 gibt, und zweitens, weil die Idee einer Schweizer Nation von Napoléon stammt - nämlich als dieser entschied, aus einem losen Militärbündnis/einer Zollunion ein Staat zu machen. Diesem Staat wurde dann - das gilt es durchaus anzumerken - am Wiener Kongress die Neutralität aufgezwungen.
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    1. Antwort von Pirmin Meier, 6215 Beromünster
      Es fehlt Ihnen Grundwissen. Von schweizerischer Nation schrieben im Zusammenhang mit dem Heimweh schon Aerzte des 18. Jahrhunderts, und sogar bereits im 16. Jahrhundert wurden die Genfer in Paris "Suisses" genannt. Jean-Jacques Rousseau bezeichnete sich nicht weniger als dreimal als Schweizer und gab als deren Ursprung die Urschweizer Befreiungssage an. Schon seit Jahrhunderten wusste man, was ein Schweizer Bänkler war, "pas d'argent, pas de Suisses" sagte man in Genf vor 300 Jahren.
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    2. Antwort von andreas furrer, prilly
      @ pirmin meier: wobei die nation jener zeit nicht mehr als eine geographische bedeutung hatte (so wie europa heute). schweizer standen in marignano ja auch im dienste der franzosen. das mit den befreiungsmythen gehoert in die kategorie nibelungenlied und arthussage, also die zeit des aufkommenden buchdrucks und der damit verbundenen verdienstmoeglichkeiten (vergl. computergames). die schweiz von heute, ist jene von 1848 (auch das geschichtsbild datiert noch weitgehend aus jenem jahrhundert).
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    3. Antwort von Pirmin Meier, Beromünster
      @Furrer. Noch interesssant ist, dass die Inquisition schon 1485 die Schweizer mit ihrer Meinung, ein Sonderfall zu sein, von Nichtschweizern unterschied, dass der Bundesvertrag von 1814 als ein Vertrag der Schweizer bezeichnet wurde und dass die Schweiz seit Juni bzw. November 1815 völkerrechtlich anerkannte Grenzen hat, das also damals im Gegensatz zu Ihrer Meinung wirklich jeder wusste, was für ein Land bzw für eine Nation, und zwar poltisch, die Schweiz ist.
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