«Mein Kampf»: Ist die Neuauflage eine gute Idee?

Banalisiert die Neuauflage von «Mein Kampf» die Propagandaschrift? Feuert sie fremdenfeindliche Parolen an? Oder kann man mit der neuen kommentierten Ausgabe von «Mein Kampf» auch Aufklärungsarbeit leisten? Zwei Philosophen über das Potenzial der Veröffentlichung.

EIn aufgeschlagenes Buch zeigt ein Foto von Adolf Hitler.

Bildlegende: Was bleibt von «Mein Kampf» ohne die Aura des Verbotenen? Reuters

Es ist nur ein Buch, und doch nicht nur ein Buch: Adolf Hitlers «Mein Kampf». 70 Jahre nach Hitlers Suizid ist die unheilvolle Schrift wieder käuflich erwerbbar. 1945 übertrugen die alliierten Siegermächte dem Freistaat Bayern die Rechte am Buch; Ende letzten Jahres liefen sie aus. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte hat nun eine sorgfältig kommentierte Ausgabe herausgebracht, die auf so grosses Interesse stösst, dass bereits nachgedruckt werden muss.

Die Aura des Verbotenen brechen

Die Herausgeber wollen mit der neuen Edition Aufklärungsarbeit leisten und die Schrift zeitgeschichtlich einbetten. Dabei soll Hitlers Propaganda dekonstruiert und dem Buch die Aura des Verbotenen genommen werden, schreibt das Institut auf seiner Website.

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Wolfram Eilenberger

0:42 min, aus Sternstunde Philosophie vom 10.5.2015

Der Berliner Philosoph Wolfram Eilenberger bewertet diesen Schritt positiv: Es sei dringend nötig, das Buch zu entdämonisieren, sagte er im Frühling letzten Jahres in der Sternstunde Philosophie zum Thema «Philosophie und Nationalsozialimus».

Nicht alle begrüssen den Schritt der Neuedition. Auch wenn «Mein Kampf» nur ein Buch sei, sei die Propagandaschrift doch auch ein Symbol und gehöre als solches weiterhin verboten – schon allein aus Gründen der Pietät gegenüber den Opfern des Holocausts und deren Nachfahren. Einige warnen überdies davor, dass das Buch dazu dienen könnte, fremdenfeindliche Parolen zu befeuern.

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Catherine Newmark

1:06 min, aus Sternstunde Philosophie vom 10.5.2015

Aufklärung als Prävention

Eilenberger glaubt, dass das Buch in einschlägigen Kreisen durchaus über «pornografischen Reiz» verfüge. Dieser Reiz lasse sich jedoch mit einem Verbot nicht bannen. Vielmehr müsse man die Banalität des Buches aufzeigen und die kruden Falschbehauptungen demontieren.

Auch das Münchner Institut für Zeitgschichte warnt vor einer «Symbolpolitik», die Hitlers Schrift nur erneut mystifiziere. Stattdessen empfiehlt es mit seiner kritischen Ausgabe radikale Aufklärung, die schliesslich auch der Prävention diene. Denn wer die Entstehung von Radikalisierung nachvollziehen könne, sei auch in der Lage, sich dagegen zu wappnen.

Die Philosophin Catherine Newmark ausserdem betonte in der gleichen Sternstunde Philosophie, dass die Propagandaschrift ohnehin im Internet erhältlich sei.

Eine kritische Ausgabe gleicht damit auch einer Flucht nach vorn: Das Buch wird offiziell zugänglich, aber eben in entsprechender Aufbereitung.

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