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Neues Internet-Institut «Der Alltag wird digitaler – wir Forscher kommen kaum hinterher»

Der digitale Wandel geschieht in rasendem Tempo. Gar nicht einfach zu erforschen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen er hat, sagt Gesche Joost. Sie leitet das Deutsche Internet-Institut mit, das heute in Berlin eröffnet.

Gesche Joost sitzt auf einer Treppe und lächelt in die Kamera.
Legende: «Die Übersetzung in den Alltag ist uns wichtig», sagt die Internet-Botschafterin Gesche Joost. Imago/Mike Schmidt

SRF: Forscher müssen weitsichtig sein und langfristig planen. Wie kann man einen Gegenstand wissenschaftlich erforschen, der sich so schnell verändert wie das Internet und die Digitalisierung?

Gesche Joost: Das stellt uns in der Tat vor neue Herausforderungen. Die digitalen Technologien befördern so schnelle Entwicklungen, dass wir mit der Forschung im wahrsten Sinne des Wortes kaum hinterher kommen.

Das Internet-Institut erforscht die langfristigen Konsequenzen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft. Etwa: Wie verändert sich die Arbeitswelt? Wie passen sich unsere Kommunikationsgewohnheiten an? Was muss sich in der digitalen Bildung tun? Solche Fragen können wir uns mit den gegebenen, sozialwissenschaftlichen Instrumetarien annähern.

Nichtsdestotrotz müssen sich die Forschungsprozesse verändern. Nur schon die Antragsstellung für ein öffentliches Projekt kann manchmal Jahre dauern. In dieser kurzen Zeit entstehen heutzutage, im digitalen Zeitalter, Konzerne und gehen schon wieder unter.

Wir brauchen kürzere Forschungszyklen, um schnell und fundiert forschen zu können.

Wir brauchen kürzere Forschungszyklen, um schnell und fundiert einschätzen zu können, was aktuell im digitalen Bereich passiert.

Besteht die Gefahr, wenn sie etwa im Social-Media-Bereich forschen, dass die Resultate bei Erscheinen bereits überholt sind?

Ganz genau. Wir als Forscher sind persönlich auch nicht immer die aktivsten Instagram- oder Snapchat-User. Um am Ball zu bleiben und zu wissen, wo gerade Trends gesetzt werden, müssen wir auch auf die junge Generation hören.

Das Deutsche Internet-Institut erforscht die Wechselwirkung von Gesellschaft und Digitalisierung. Welches sind in diesem weiten Feld die wichtigsten Bereiche und dringendsten Fragen der Forschung?

Ein sehr wichtiger Bereich ist die digitale Bildung. Da existieren in Europa sehr unterschiedliche Modelle. Teilweise ist die digitale Bildung in der Schule schon verankert, in Deutschland hinken wir noch hinterher (siehe Textbox Digitale Bildung).

Wie können wir die Bürgerinnen und Bürger fitmachen für das digitale Zeitalter? Diese Frage stellt sich bis ins hohe Alter. Dabei geht es nicht nur um die Jobs in diesem Bereich.

Sondern wir müssen Grundlagen dafür schaffen, wenn etwa die Verwaltung zunehmend digitalisiert wird oder wir bald online wählen werden. Das ist ein grosses Thema.

Ein zweites Thema mit globaler Perspektive ist die Datenpolitik. Hier geht es um die Frage, wem meine Daten gehören.

Zum Beispiel: Was habe ich für Rechte, wenn ich in Zukunft mit einem autonomen Auto unterwegs bin? Gehören die Daten dann dem Fahrzeugkonzern, der Stadt oder gibt es eine offenen Plattform, auf die alle zugreifen können, um Systeme für die Verkehrsoptimierung zu entwickeln?

Was habe ich für Rechte, wenn ich mit einem autonomen Auto unterwegs bin?

Wir wollen die politische, juristische Rahmensetzung verhandeln – und die Frage, welche Rechte ich als Bürgerin oder Bürger in diesem vernetzten Zeitalter habe.

Sind vom Internet-Institut auch Ergebnisse für die praktische Anwendung zu erhoffen, etwa Richtlinien für Eltern mit Kindern im Umgang mit dem Internet?

Das ist ganz wichtig. Wir wollen nicht die sagenumworbene «Elfenbeinturm-Forschung» machen, sondern praktische Formate anbieten. Also Handlungsanweisungen geben, uns mit Eltern oder anderen Vertretern aus der Zivilgesellschaft austauschen. Neben solchen Tipps für den Alltag sollen auch Papiere entstehen, die in politischen Entscheidungsprozessen als Ratschlag dienen können.

Diese Übersetzung in den Alltag ist heute besonders wichtig, weil viele Bürgerinnen und Bürger grosse Fragen mit der Digitalisierung verbinden – und auch grosse Ängste. Dass in der Forschung aufzunehmen und zu reflektieren, ist unser Ziel.

Fragen und Ängste zur Digitalisierung zu reflektieren, ist unser Ziel.

Die Digitalisierung ist schon längere Zeit im Gange. Wieso eröffnen erst jetzt Institutionen zur Erforschung ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Sie haben Recht, das ist sehr spät. Hätten wir etwa vor zehn Jahren gestartet, dann hätte man vieles reflektierter begleiten können, was uns heute kalt erwischt. Also so etwas wie Fake News oder Hate Speech im Netz – die Schattenseiten der Digitalisierung.

Man hat insgesamt von politischer Seite die Dynamik der Digitaliserung relativ spät erkannt – und deswegen auch so spät erst etwas iniitiert.

Das Gespräch führte Irene Grüter.

Beiträge zum Thema

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 20.9.2017, 17:08 Uhr

Zur Person

Gesche Joost ist als Design-Professorin im Leitungsteam des Deutschen Internet-Instituts in Berlin. Sie ist ausserdem deutsche Internet-Botschafterin im Auftrag der Regierung.

Das Institut

Das Deutsche Internet-Institut in Berlin wird heute Donnerstag offiziell eröffnet. Es befasst sich interdisziplinär mit dem digitalen Wandel. Bei einem deutschlandweiten Wettbewerb ging das Projekt von mehreren Berliner Hochschulen als Gewinner hervor. Es wird vom Staat mit 50 Mio. Euro gefördert und ist unabhängig von der Digitalwirtschaft.

Digitale Bildung

Die deutsche Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich eine Studie zur digitalen Bildung in Deutschland publiziert. Die Ergebnisse: Mehr digitaler Unterricht ist gewünscht. Viele Lehrer sind aber überfordert.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Vielleicht müsste man einfach wieder reale Bedingungen schaffen, welche Sinn machend und effizient sind, damit gute Arbeit verantwortungsvoll erbracht werden kann - den Menschen und seine Möglichkeiten nicht überfordern, mit der schnell wachsenden Elektronik...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen