Ökologisch und sozial: Lausannes urbane Gärten überzeugen

Gärtnern in der Stadt – oder neudeutsch «Urban Gardening» – ist im Trend. Dass Urban Gardening gut funktioniert und auch einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen kann, zeigt die Stadt Lausanne. Sie wurde für ihre «Plantages» mit dem Schulthess-Gartenpreis ausgezeichnet.

Der diesjährige Schulthess-Gartenpreis geht an die Stadt Lausanne für ihre urbanen Gärten, die sogenannten «Plantages». Die Gärten erinnern ein wenig an Schrebergärten. Zeichnet der Schweizer Heimatschutz jetzt Schrebergärten aus?

Patrick Schoeck-Ritschard: Nein, wir zeichnen keine Schrebergärten aus. Die «Plantages» in Lausanne sind Kleingarten-Areale, die sich beträchtlich von Schrebengärten unterscheiden. Man baut zwar an beiden Orten Gemüse an – aber auf unterschiedliche Art und Weise.

Inwiefern unterscheiden sich denn die «Plantages» von herkömmlichen Schrebergärten?

Die «Plantages» sind Gebiete mit Parzellen, die sich zwischen 6 und 60 Pächter teilen. Grundvoraussetzung für die Pächter ist, dass sie nach biologischen Grundsätzen pflanzen.

Das Konzept der «Plantages» wurde in Lausanne elf Mal umgesetzt – jeweils unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Zum einen wurden historische Gärten zu Gemüsegärten umfunktioniert – nicht für ein Herrenhaus, sondern für die Bevölkerung, die in der Nähe wohnt. Auch Restflächen in der Innenstadt wurden nutzbar gemacht. Anstatt Wiesengrün wachsen jetzt dort Tomaten, Kartoffeln und Kohl.

Es ist ein Projekt, das in der Nachbarschaft der Leute stattfindet. Als Pächter darf man höchstens fünf Gehminuten von einem Beet wegwohnen.

Das ist eine ganz fundamentale Voraussetzung dieser «Plantages»: Ökologie wird gross geschrieben. Die Pächter gehen zu Fuss zu den Gärten – und treffen Leute aus der Nachbarschaft, die sie sonst nicht treffen würden. Ein italienisches Ehepaar, das seit 30 Jahren in einer Gegend wohnt, trifft vielleicht auf eine junge somalische Familie und auf junge Leute um die 25, die in Lausanne studieren. Diese Mélange ist ausserordentlich. Die «Plantages» sind deshalb sicher auch ein soziales Projekt.

Dieses Projekt gibt auch dem Begriff «öffentlicher Raum» eine neue Bedeutung. Es werden Areale für die Öffentlichkeit zugänglich, die es vorher nicht waren – obwohl man sie auf dem Kataster zum öffentlichen Raum zählen würde.

Mit den «Plantages» können ganz neue städtebauliche Ideen verwirklicht werden. Häufig gibt es Restgrundstücke, Abstandsgrün, Grossiedlungen, in denen es nur Rasen hat und nebenan eine Autobahn durchfährt. Wenn man dieses Gebiet zum Pflanzen freigibt, wird es zugänglich und es wird vor allem benutzt. Die Böden werden besser. Die Vernetzung zwischen den Menschen verbessert sich.

In den «Plantages» passiert etwas ganz Einzigartiges, das bei Schrebergärten weniger der Fall ist. Schrebergärten haben oft Zäune, auch als ganze Areale sind sie eher gesichert. Die Plantages dagegen haben öffentliche Zugänglichkeit in ihrer DNA drin. Es ist letztlich ein halbprivater Park für alle Menschen. Das ist etwas Schönes.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.4.2015, 17:10 Uhr.

Zur Person

Patrick Schoeck-Ritschard ist Kunsthistoriker und arbeitet für den Schweizer Heimatschutz in der Sektion «Baukultur».