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Was bringt ein Boykott von Sportanlässen?
Aus Kultur-Aktualität vom 17.11.2021.
abspielen. Laufzeit 04:22 Minuten.
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Protest gegen Sportanlässe Sporthistoriker: Aus moralischen Gründen gelingt ein Boykott kaum

Die Schweizer Nationalmannschaft ist für die Fussball-Weltmeisterschaft in Katar im November 2022 qualifiziert. Jetzt werden Boykottaufrufe laut. Der Golfstaat verletze Menschenrechte, beute Immigrantinnen und Immigranten aus, die Gesellschaft sei homophob.

Nicht zum ersten Mal in der Sportgeschichte soll ein sportliches Grossereignis boykottiert werden. Was bringt das – und wem? Der Sporthistoriker Peter Engel ordnet ein.

Peter Engel

Peter Engel

Sporthistoriker

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Peter Engel ist Lehrbeauftragter für Sportgeschichte am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel.

SRF: Sport und Boykottaufrufe – das ist eine brisante Mischung. Wann hat man angefangen, Sportanlässe zu boykottieren?

Peter Engel: Im Sport ist der Boykott in der neuzeitlichen olympischen Bewegung erkennbar, die 1896 beginnt. 1936 fanden die Olympischen Spiele in Berlin statt, organisiert durch die Nationalsozialisten. Da wurde ein Boykottaufruf gestartet, um gegen die Nazi-Propaganda zu demonstrieren.

Was hat dieser Boykottaufruf letztlich gebracht?

Er hat insofern etwas gebracht, als in Barcelona eine Volksolympiade als Gegenolympiade organisiert wurde. Diese Spiele mussten dann aber abgebrochen werden wegen des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs.

Legende: Hitlergruss bei der Siegerehrung: Ein häufiges Bild bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Bundesarchiv, Bild 183-G00825 / Stempka

Vor 40 Jahren boykottierten mehrere Staaten die Olympischen Sommerspiele in Moskau wegen des Einmarsches der Sowjetunion in Afghanistan. Ist das ein Beispiel eines gelungenen Boykotts?

Als 1979 die sowjetischen Truppen in Afghanistan einmarschierten, erliess der US-amerikanische Präsident Carter einen Boykottaufruf. Immerhin über 60 Staaten folgten diesem Aufruf und boykottierten die Spiele in Moskau.

In der Schweiz wurde der Boykottaufruf zwar diskutiert, aber nicht befolgt. Die Schweiz stellte sich auf den Standpunkt, man sei ein neutraler Staat. Und schickte deshalb die Sportlerinnen und Sportler nach Moskau.

Legende: Trotz Boykott war an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau die US-amerikanische Flagge zu sehen. KEYSTONE / AP / STR

Geht das überhaupt zusammen: Sport und Politik? Das sind ja alles Versuche, durch den Sport Einfluss auf die Politik auszuüben.

Das ist richtig. Der Sport wird jeweils für politische Zwecke missbraucht.

Warum missbraucht?

Die Athletinnen und Athleten können ja nichts dafür. Sie trainieren auf diese wichtigen Wettkämpfe hin und werden dann aus politischen Gründen an der Teilnahme gehindert.

Sport und Politik gehören natürlich irgendwo zusammen, schon wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen. Meistens kommen aber die Boykottaufrufe nicht von staatlicher Seite. Die Sportverbände sind deshalb meist gegen Boykotte. Nur wenn die staatlichen Organe einen Boykott durchsetzen wollen, kommt es effektiv zu Boykott-Aktionen.

Letztlich stehen also wirtschaftliche Interessen hinter diesen Sport Anlässen, die die politischen Interessen, salopp gesagt, übertrumpfen?

Die Sportverbände sind eng verflochten mit der Wirtschaft und deshalb haben moralische Anliegen meistens keine Chance, um einem Boykott zum Durchbruch zu verhelfen. Um es mit Brecht zu sagen: Zuerst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.

Das Gespräch führte Noëmi Gradwohl.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 17.11.2021, 17:20 Uhr;

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36 Kommentare

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  • Kommentar von SRF Kultur (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und freuen uns, wenn Sie auch morgen wieder dabei sind. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend. Liebe Grüsse, SRF Kultur
  • Kommentar von Davide Vitto  (Foxhero)
    Ich persönlich finde man sollte, um einen Boykott zu verhindern dem Land dass im Fussball gewonnen hat die WM oder EM im eigenen Land schenken. Wenn das Land dass nicht will gibt es ja einen Verlierer im Finale oder ein Spiel um Platz 3. Dann würden Nationen wie Katar gar nicht infrage komme. Es wäre ein zusätzlicher Anreiz zu gewinnen und dazu auch noch sinnvoll. In Frankreich und Italien zum Beispiel ist die ganze Infrastruktur schon erhalten.
  • Kommentar von Harry Roth  (waage)
    Die Frage ist was und wem bringt ein Boykott etwas ?
    Was würde in Katars politik ändern ? Nichts!