Putzfrau und Sans-Papier: «Ich bin immer angespannt»

Golondrina – der Name ist ein Pseudonym – lebt seit 20 Jahren in der Schweiz, arbeitet als Putzfrau, hat aber keine Papiere. Ihre Erzählung ist auch die Geschichte von rund 50'000 Frauen, die in der Schweiz illegal arbeiten – meist in Haushalten gut situierter Schweizer Familien.

Unscharfes gestelltes Symbolbild einer Frau in einem Flur beim Szaubsaugen

Bildlegende: Als Sans-Papiers zu leben heisst, in ständiger Anspannung zu leben. (Symbolbild) IMAGO / Steffen Schellhorn

«Die Schweiz ist ein schönes Land, ein freundliches Land, aber es ist kompliziert. Für mich ist jeder Tag ein Marathon, wissen Sie, wer sich in Sport auskennt, weiss, was das heisst, wie hart es ist, jeden Tag einen Marathon zu laufen.

Wir rennen mit der Zeit. Unser Ziel ist es, zu arbeiten, zu arbeiten, ein wenig zu sparen, bis dass sie uns finden. Und dann müssen wir zurück.

«  In diesem Zirkel sind wir gefangen. »

Wer keine Papiere hat, wird verfolgt. Wenn sie uns finden, schicken sie uns zurück. Deshalb ist es so vom ersten Tag an: Wir nehmen die Arbeit an, die man uns anbietet, zum Preis, den man uns anbietet, und in diesem Zirkel sind wir gefangen. Wir nehmen jede Arbeit an. Ich zum Beispiel habe auch schon einen Keller gemalt, ich habe einen Zaun gemalt, ich habe etwas Näharbeit gemacht, ich habe in einem Restaurant gearbeitet.

Heute arbeite ich als Putzfrau, meistens. Manchmal zahlen sie 12, manchmal 15, maximal sind es 25 Franken in der Stunde. Freizeit haben wir ein wenig, ja. In den Sommermonaten wie jetzt, wenn viele weg sind, haben wir frei. Aber wir verdienen auch nichts. zum Glück haben wir gelernt, etwas zu sparen, um diese Monate zu überstehen.

«  Wir dürfen uns nicht exponieren, wir müssen aufpassen. »

Wir würden gerne mal eine Grenze überqueren, ich habe gehört, der Schwarzwald soll sehr schön sein, Deutschland. Aber wir dürfen nicht. Wir dürfen nicht in einen Zug steigen, wir dürfen nicht reisen, und deshalb laufen wir weiter, immer weiter, indem wir Haken schlagen, uns verstecken.

Obwohl – früher bin ich ein paar Mal ausgereist, nach Bolivien und wieder zurück. Das war früher einfach, heute ist es sehr kompliziert. Deshalb reise ich auch nicht mehr, ich traue mich nicht.

Ich lebe hier ohne Papiere, in dieser Situation und unter diesem ständigen Druck, und manchmal möchte ich meine Nerven loslassen. Dann denke ich – es ist Zeit zurückzukehren. Aber dann wache ich auf mit einer Angst, was ich denn dort, in Bolivien, arbeiten soll. Also bleibt mir nur eine Hoffnung, die Papiere zu kriegen.

Ich hoffe sehr, dass die Politiker unsere Stimme hören. Weil, und das ist mir wichtig – die Leute, bei denen wir arbeiten, sie haben Verständnis für unsere Situation.

Aber die Politiker. Wir richten uns an sie. Denn wir arbeiten hier, wir kennen viele Leute, wir sind gut integriert, ich vielleicht weniger – wegen der Sprache. Wegen der Nerven, weil ich nicht lernen konnte, mir hat die Energie gefehlt.

Ich bin immer angespannt, meine Halsmuskeln sind steinhart. Wenn ich einen Polizisten sehe, zieht sich mir alles zusammen. Ich bin nicht frei, ich bin nicht entspannt. Im Tram bin ich angespannt, ich muss aufpassen, was ich sage. Denn ich weiss ja nie, ob da ein Polizist in Zivil mitfährt.

«  Ich bin immer angespannt, meine Halsmuskeln sind steinhart. »

So geht es uns, diese ständige Anspannung. Nun – ich arbeite nur bei Schweizern. Das sind alles sehr freundliche, sehr nette Leute. Sie erlauben mir, dass ich ab und zu eine Pause mache, manchmal machen sie mir auch etwas zu essen. Und ein paar Mal haben sie mich auch mitgenommen – ins Theater.

Frau kniet vor Waschmaschine und füllt sie.

Bildlegende: «Schweizer sind sehr freundliche Leute. Manche sind gut situiert.» (Symbolbild) Imago / Steffen Schellhorn

Sie sagen: ‹Jetzt nehme ich dich mit, du musst keine Angst haben, wir machen jetzt eine Ausfahrt mit dem Velo, ich bin bei dir, wenn uns ein Polizist anhält.›

Sie wissen, was wir durchmachen, sie haben ein grosses Herz. Einige haben auch Bittschriften für mich geschrieben. Ich fand das nicht so gut. Denn sie gehen damit ja auch ein Risiko ein, weil sie uns illegal beschäftigen. Ein paar haben dann auch gesagt: ‹Schön, dass du versuchst, deinen Status zu legalisieren, aber ich habe Angst, ich bin eine bekannte Person.› Das ist schwierig, ja.

Aber wissen Sie – wir sind Arbeitende, keine Sklaven, das hat aufgehört, nicht wahr? Wir sind oft schlecht bezahlt. Eine Frau wie ich sollte mehr verdienen, ich sollte eine Aufenthaltsbewilligung kriegen. Wir haben einen grossen Teil unseres Lebens hingegeben, und ich glaube, wir sollten ein paar Rechte kriegen, eine Altersvorsorge zum Beispiel. Das wäre sehr schön. Ich hoffe.

«  Wir sind Arbeitende, keine Sklaven, das hat aufgehört, nicht wahr? »

Ich habe eine Familie, zwei meiner Töchter sind in Bolivien. Es ist hart, sie nicht zu sehen. Ich bin Witwe. Skype hilft, die Technik hilft, aber es ist nicht dasselbe, wie wenn man sie in den Armen hält, sie berühren kann. Tut mir leid, meine Tränen – aber wenn es um die Familie geht, dann tut es mir weh.

Es wäre schön, wenn ich eine Bewilligung kriegen würde, damit ich eines Tages meine Töchter besuchen kann, wieder zurückreisen kann, ohne Angst zu haben, und weiterarbeiten, ganz normal.»

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