Schweizer finden: Kultur ist gut – Wandern ist besser

Die Schweizer Bevölkerung ist in der Freizeit aktiv. Sie nutzt das grosse Kulturangebot rege. Besonders beliebt sind Musikanlässe, historische Stätten und Kinos: Knapp 20 Prozent der Bevölkerung sind pro Jahr sieben Mal und mehr dort. Die liebste Freizeitbeschäftigung aber bleibt das Wandern.

Eine Wanderin steht auf einem Bern und blickt auf die umliegenden Berge.

Bildlegende: Kunst, Konzerte und Kino erweitern den Horizont. Viele bevorzugen aber den direkten Blick ins Weite. Keystone

Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung – nämlich 96 Prozent– ist in den letzten zwölf Monaten gewandert, hat ein Picknick oder sonst einen Ausflug gemacht. Dies haben die Befragten in der neu veröffentlichten Statistik zum Kultur- und Freizeitverhalten angegeben. Erhoben wurden die Daten 2014 als Teil des neuen Volkszählungssystems.

Die Aktivität im Freien kennt keine Grenzen: Junge und alte Menschen, solche mit schlechter und guter Bildung, mit tiefem oder hohem Einkommen, Westschweizer, Tessinerinnen oder Ausländerinnen – alle sind gleichermassen wandernd oder picknickend unterwegs in der Freizeit, wie die publizierte Erhebung des Bundesamts für Statistik zeigt:

Freizeitaktivitäten

Musik, Geschichte und Kino sind beliebt

Unterschiede zeigen sich aber im eigentlichen Kulturverhalten. Zwar betont das Bundesamt für Statistik, dass die Schweizer Bevölkerung kulturbeflissen sei und das vielfältige Kulturangebot rege nutze. Über 70 Prozent der Bevölkerung besucht gelegentlich – das heisst ein bis drei Mal pro Jahr – einen kulturellen Anlass.

Besonders bleibt sind Konzerte, historische und archäologische Stätten und Kinos. Sie werden von knapp 20 Prozent der Bevölkerung häufig – das heisst sieben Mal und öfter besucht. Geringes Interesse zeigt die Schweizer Bevölkerung an Ballett- und Tanzaufführungen und an virtuellen Touren durch Museen.

Besuch von Kulturinstitutionen

Tiefe Bildung verhindert den Zugang zur Kultur

Allerdings: Wer Kultur regelmässig geniesst, hat in der Regel eine höhere Berufsausbildung oder einen universitären Abschluss im Sack und verfügt über ein anständiges Einkommen. Menschen mit einer Ausbildung Sekundarstufe I haben einen viel schlechteren Zugang zu Kultur. Sie sind nur halb so oft in Museen, im Theater oder Tanzaufführungen anzutreffen. 45 Prozent sagen, sie hätten kein Geld, um einen kulturellen Anlass zu besuchen (27 Prozent der Befragten mit höherer Berufsbildung), für 40 Prozent ist der Weg zu weit (25 Prozent mit höherer Berufsbildung).

Interessant ist auch, dass über zwei Drittel der schlecht ausgebildeten Personen Geld für Kultur ausgeben, um etwas Neues kennenzulernen. Bei den Gutausgebildeten sind es vier von fünf, die mit dem Besuch von Konzerten, Theatern und Ausstellungen etwas lernen wollen. Sie wissen die Kultur besser auch als Instrument der Wissensvermehrung zu nutzen.

Kultur geniessen will gelernt sein

Unterschiede zeigen sich auch in der Zufriedenheit mit dem kulturellen Angebot. Während die grosse Mehrheit der 45- bis 74-Jährigen zufrieden ist, finden nur 78 Prozent der unter 29-Jährigen das Angebot prima. Kultur für Junge ist zwar keine Brache – aber es gibt Verbesserungspotenzial.

Aber auch im Tessin ist man weniger zufrieden mit dem Kulturangebot als in der Romandie und in der deutschsprachigen Schweiz. Zudem finden über 41 Prozent der Tessiner, dass die Wege zu den Kulturanlässen zu weit seien.

In der Schweiz ist das Kulturangebot gross und vielfältig. Die neue Kulturverhaltensstatistik macht aber deutlich, dass die in der Kulturbotschaft gewünschte kulturelle Teilhabe eine wichtige Herausforderung sei. Dass das Bundesamt für Kultur ab 2016 Geld bewusst in die Kulturvermittlung investiert, ist darum richtig. Denn: Kultur geniessen und nutzen muss auch gelernt sein. Hier ist deshalb auch die Schule vermehrt gefordert.

Eigene kulturelle Aktivitäten als Amateur

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.4.2016, 16:30 Uhr