Seine Vergangenheit verarbeiten, um gehen zu können

Niklaus Erb ist promovierter Altphilologe, ein Kenner ungesprochener Sprachen. Nicht gesprochen hat er mehr als acht Jahrzehnte lang über Armut, Demütigung und Ungerechtigkeit in seiner Kindheit. Doch dann sieht er den Film «Der Verdingbub», knackt seinen Seelenpanzer und erzählt sein Leben zu Ende.

Ein Mann geht mit Stock.

Bildlegende: Die Verarbeitung der Vergangenheit ist wichtig – auch im fortgeschrittenen Alter. Colourbox

«Es braucht viel, bis es bei mir den Deckel hebt.» Das sagt Niklaus Erb am Küchentisch in seinem Chalet in Braunwald. Der 90-Jährige sitzt da, bewegt, in seiner Hand ein grosses Männertaschentuch. Das braucht er auch. Seine Tränen fliessen, denn nun ist der Deckel weg. Nun darf das ganze Land wissen, was er mit viel Kraftaufwand jahrzehntelang verschwiegen hat.

Was war wirklich geschehen?

Seine Frau ahnte viel. Aber Fragen waren unerwünscht. Niklaus Erb, der Kenner von Altgriechisch, Latein, Sanskrit und Akkadisch erzählt detailreich. Nichts darf fehlen. Er ist das vierte Kind eines armen Waldarbeiters. Die Mutter, das Kind einer psychisch kranken Frau, wurde mit Häme überschüttet. Sie ist die Heldin seiner Kindertage. Eine kleine Mutter Courage.

Das spärliche Hab und Gut der Familie wurde gepfändet. Seine kleine, zierliche Mutter kämpfte aber gegen Behördenwillkür und schuftete von früh bis spät, damit wenigstens eine Suppe auf den Tisch kam. Den Vater verspottete man als Taugenichts und Trunkenbold. Und den Kindern wurde eine höhere Ausbildung erschwert. Hätte sich Niklaus Mutter nicht mächtig für sie ins Zeug gelegt, hätten es Niklaus und seine Schwestern beruflich zu nichts bringen können. Die Armut wäre vererbt worden.

Niklaus und Heidi Erb vor einer Wand aus Holz.

Bildlegende: Gemeinsam versuchen sie, die Vergangenheit zu bewältigen: das Ehepaar Niklaus und Heidi Erb. Cornelia Kazis

Ungerechtigkeit, Armut, Demütigung und strukturelle Gewalt: Sie durchzogen Erbs Kindheit. Zu viel, um ganz normal weiterleben zu können. Erb verpanzerte sich. Ein überlebensnotwendiger Mechanismus.

Ein Film knackt den Seelenpanzer

Am Pfingstsonntag 2015 zeigte SRF den Spielfilm «Der Verdingbub». Die Erbs schauen die Verfilmung eines dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte an. Die Tränen fliessen. Die Wut bricht aus. Hass auch. Und Heidi Erb, einstige Lateinschülerin des geschundenen Mannes, darf nun alles fragen. Alles wissen, hineinschauen in das Dunkel der Kindheit. Sie darf Amtsdokumente sichten und hilft ihrem Mann nun am Computer das Erlebte zu Papier zu bringen. Tag für Tag Biografiearbeit. Das schmerzt erneut. Aber es ist ein guter Schmerz. Nun steht geschrieben, was unausgesprochen war. Es kann abgelegt werden.

Erzählen als Sterbehilfe

«Was ist, wenn alles erzählt ist?», frage ich den Sprachgelehrten. «Dann kann ich dann bald ins Grab.» Ohne Tränen sagt er das. Und ohne zu zögern. Ich wende ein: «Dann wäre es ja gut, nicht alles so schnell zu Papier zu bringen.» Heidi Erb und Niklaus Erb lachen. Die Braunwaldner Chaletküche scheint in den letzten Wochen zur tabufreien Zone geworden zu sein.

Gabriela Stoppe, Basler Professorin für Alterspsychiatrie, weiss viel über Biografiearbeit. Als Seelenfachfrau kennt sie die grosse Bedeutung des aufmerksamen Zuhörenden. Sie sagt: «Im Wesentlichen geht es darum , mit dem eigenen Leben fertig zu werden.» Fertig werden. Das klingt nach Ende. Zu Ende erzählen, damit das Ende kommen kann. «Wichtig dabei», so Stoppe, «ist die Versöhnung. Es geht darum, sich zu versöhnen mit dem was war. Und wie es war.» Die Erbs sind mitten drin. Es bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Niklaus Erb wird schwächer. Und doch: Durch die Biografiearbeit scheint noch einmal neues und frisches Leben in den Alltag des alten Paares einzudringen.

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