Selbstgebaute Designer-Möbel als Gesellschaftskritk

Anfangs ging es in der Do-it-yourself-Bewegung darum, ökologisch nachhaltig und günstig selbst zu bauen. Heute ist Do-it-Yourself-Design eine gesellschaftspolitische Bewegung: Auch wer wenig Geld hat, soll schön wohnen können. Design für alle, heisst das Motto.

Ein Stuhl aus Holz. Auf der Seite hat er eine Art rote Rost-Platte.

Bildlegende: Design für alle: Enzo Maris Entwürfe kann jedermann nachbauen. Verena Brüning

Do it yourself ist die Methode, etwas selber herzustellen – ohne die Hilfe eines Fachmanns oder einer Expertin. Der Laie wird zum Produzenten, um sein Produkt gleich selber zu gebrauchen; er ist zugleich also auch Konsument. «Prosumer» nennt man dieses Verhalten. Do it yourself ist Amateurkultur und grenzt sich vehement ab vom Spezialistentum.

Verschiedene Menschen bauen an einem Möbel.

Bildlegende: Lieber selber machen als kaufen: Beim Zusammenbauen von «Hartz IV-Möbeln». Flickr / Etsy Labs

In der Do-it-yourself-Bewegung schwingt immer Konsumkritik mit: Für seine Bedürfnisse solle man sich keine fixfertigen Güter aus Massenproduktion anschaffen, sondern mit den eigenen Möglichkeiten Individuelles kreieren. Dabei setzt Do it yourself meist auf Nachhaltigkeit, Ökologie, Recycling und regionale Rohstoffe.

Ein Hobby, das Kosten spart

Erstmals taucht der Begriff 1912 im englischsprachigen Raum auf – bereits damals bezeichnet er Aktivitäten im Heimbereich: Reparaturen selber vornehmen oder auch eigene kleine Objekte gestalten. Richtig in Fahrt kommt die Do-it-yourself-Bewegung in den 1950er-Jahren – als Form der kreativen Freizeitgestaltung, mit dem angenehmen Nebeneffekt, Dinge kostensparend herzustellen.

Auch wenn Do it yourself in jeglichen Sparten der Alltagskultur angewendet wird – im Garten, in der Mode, in der Küche beispielsweise – bezeichnet es meist Tätigkeiten im Heimbereich. Das hat seinen Ursprung wiederum in den 1970er-Jahren in den USA: Damals haben die beiden Designer James Hennessey und Victor Papanek das Projekt Nomadic Furniture initiiert. Selbstgefertigte, billige Möbel, die gut transportierbar waren, angepasst an ihr eigenes Akademikerleben, das sie nomadisch an diverse Universitäten geführt hat. Sie publizierten ein Buch mit Anleitungen: Do-it-yourself-Design war geboren.

Kein zufälliges Gebastel

Der Zusatz «Design» macht den Unterschied: Während Do it yourself generell Selbermachen bezeichnet, grenzt sich Do-it-yourself-Design vom planlosen oder zufälligen Gebastel ab. Designer, also ausgebildete Berufsleute, stellen Entwürfe zur Verfügung, die von Amateuren nachgebaut und sogar individuell weiterentwickelt werden können.

Professionelles Design für die breite Masse – das ist sozial, weil günstig. Das ist nachhaltig, weil nur das produziert wird, was gebraucht wird – und dabei kaum Abfall entstand. Und: Es ist Ausdruck eines starken Umweltbewusstseins und richtet sich direkt gegen den Massenkonsum.

Enzo Mari baut ein Modell.

Bildlegende: Er demokratisierte das Design: der italienische Designer Enzo Mari. Getty Images

Von der Demokratisierung des Designs …

1974 gab der italienische Designer Enzo Mari dem Do-it-Yourself-Design wichtige Impulse. In seinem Buch «Autoprogettazione» veröffentlichte er 19 Entwürfe für Möbel zum Nachbauen. Form sei wichtig, postulierte Mari damit, doch nur in Zusammenhang mit einer Funktion. So demokratisierte er das Design.

Bis heute nehmen etliche europäische Designer und Designerinnen diesen Trend auf. Ihre Baupläne stellen sie in Büchern und Zeitschriften zur Verfügung. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt das Internet: Es macht solche Entwürfe praktisch allen zugänglich.

… zur gesellschaftspolitischen Bewegung

Ein Aushängeschild der Bewegung aus jüngster Zeit ist Van Bo Le-Mentzel und sein Projekt «Hartz IV Moebel.com» von 2010. Nach dem Motto «konstruieren statt konsumieren» hat der deutsche Architekt eine Möbelserie entwickelt, die auch für das kleinste Budget schönes Möbeldesign ermöglicht. Bei seinen Entwürfen orientierte er sich an Designklassikern. Wie der Titel schon sagt, kommentiert er damit die die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland und die tiefen Summen, welche die Sozialhilfe dort auszahlt.

Das Projekt zeigt: Do-it-yourself-Design ist von einer ehemals konsumkritischen auch zu einer gesellschaftspolitischen Bewegung geworden.

Buchhinweise

  • James Hennessey, Victor Papane: «Nomadic Furniture». Pantheon Books, 1973.
  • Enzo Mari: «Autoprogettazione». Duchamp Centre, 1974.
  • Van Bo Le-Mentzel: «Hartz IV Moebel.com». Hatje Cantz Verlag, 2012.

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