Service public in den Niederlanden: Mehr Qualität, weniger Geld

Die Politik in Den Haag streicht beliebte Fernseh- und Radiosendungen aus dem Programm. Denn bei den öffentlich-rechtlichen Medien muss gespart werden: in den kommenden Jahren mehr als 200 Millionen Euro. Gleichzeitig fordert Staatssekretär Sander Dekker mehr Qualität.

Ein Mann sitzt auf einem Sofa und schaut fern.

Bildlegende: Das Thema Service public sorgt nicht nur in der Schweiz für Diskussionen, auch in den Niederlanden. Getty Images

«Verzuiling» (Versäulung) ist ein Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert. Es bedeutete, dass ein Katholik oder ein Protestant sich nur in seiner «Säule» bewegte. Ein Katholik, zum Beispiel, kaufte sein Brot beim katholischen Bäcker und schickte seine Kinder in eine katholische Schule.

In den 1960er-Jahren wurde dieses für die Niederlande typische Gefüge gesprengt. Bis heute finden sich aber Spuren der «Verzuiling» im Schulwesen und bei den öffentlich-rechtlichen Medien.

Eine «Rundschau» für Sozialisten, eine für Katholiken

Noch bis im letzten Jahr gab es mehr als 20 Gruppierungen, die Radio- und Fernsehsendungen für «ihr» Segment produzierten. So hatten die Katholiken ein eigenes Konsumentenprogramm, wie auch die Sozialisten. Talksendungen à la «Rundschau» gab es ebenfalls mehrere – jede mit einer anderen Weltanschauung. Zudem verfügten sämtliche Vereinigungen über ein grosses Medienhaus samt Sendestudios. Die Sendezeit, die ihnen auf den öffentlich-rechtlichen TV- und Rundfunkkanälen für ihr Programm zugeteilt wurde, hing von der Anzahl ihrer Mitglieder ab.

Diesen alten, sehr kostspieligen und überaus komplizierten Zopf hat die Politik nun abgeschnitten. Die Gruppierungen wurden zu Fusionen gezwungen, sodass nur noch sechs übrig blieben.

Königsfamilie: Pflichtprogramm

Daneben gibt es zwei konfessionell unabhängige Organisationen, die «Pflichtprogramme» in den Bereichen Aktualität, Kultur und Sport produzieren. Dazu gehören Nachrichten («Het Journaal»), Fussball-Länderspiele oder die Live-Übertragung wichtiger nationaler Anlässe, etwa den Besuch der Königsfamilie am Königstag.

Dass solche Sendungen auf die öffentlich-rechtlichen Kanälen gehören, ist unumstritten. Ansonsten gibt der Service public in den Niederlanden ähnlich viel zu reden wie in der Schweiz. Ganz besonders dann, wenn der für die Medien zuständige Staatssekretär Sander Dekker von neuen (Spar-)Plänen spricht.

Weniger Promis, mehr Tiefgang

Sander Dekker forderte im letzten Oktober mehr Qualität und monierte, triviale Fernsehsendungen wie etwa «Ranking the Stars», ein Programm in dem Promis preisgeben, ob sie im Schulturnen als erste oder letzte ins Team gewählt wurden, gehörten auf Privatsender. Ein einleuchtender Einwand. Dass der Magistrat aber das beliebte «Lingo-Spiel», bei dem zwei Kandidaten-Teams ein Wort mit fünf Buchstaben erraten müssen, verbannte, wird ihm bis heute übel genommen.


Service Public in den Niederlande

3:39 min, aus Kultur kompakt vom 19.08.2015

Mehr als 150 Millionen Euro mussten die öffentlich-rechtlichen Stationen in den letzten beiden Jahren einsparen. Das heutige Budget von 750 Millionen Euro wird teils mit Werbeeinnahmen (in den Niederlanden gibt es nicht nur TV-, sondern auch Radio-Reklame) und teils mit Staatsgeldern finanziert. Pro Person kosten die «Staatsmedien» 47 Euro, die indirekt via Steuern einkassiert werden. In den kommenden Jahren müssen nochmals mehr als 200 Millionen gespart werden.

Fussball-Verrückte leiden

Einen grossen Aderlass gab es im Sport. In den fussballverrückten Niederlanden werden keine Champions-League-Spiele mehr live gesendet. Genauso wenig wie die Partien der obersten niederländischen Liga. Die Übertragungsrechte sind den Sendeverantwortlichen zu hoch.

Wer für den Fussball nicht auf einen Privat- oder Bezahlsender umschaltet, bekommen bloss Zusammenfassungen zu sehen. Einzig die Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft und die Fussball-EM 2016 werden noch live ausgestrahlt.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 19.8.2015, 17:06 Uhr

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