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Gesellschaft & Religion Sex-Sklavin bricht das Schweigen über Gaddafis Harem

Der libysche Machthaber Gaddafi inszenierte sich auf der politischen Bühne als Befreier der Frau. Hinter den Kulissen missbrauchte er Minderjährige. Die Journalistin Annick Cojean hat in dem Buch «Niemand hört mein Schreien» das Schicksal eines Opfers aufgezeichnet. Ein Besuch bei der Autorin.

Nahaufnahme Gaddafis mit Sonnenbrille. Neben ihm steht eine seiner weiblichen Bodyguards.
Legende: Gaddafi trat mit jungen Leibwächterinnen auf und hielt einen Harem. Ein Frau erhebt nun schwere Vorwürfe gegen ihn. Reuters

Sie wohnt an bester Adresse: Annick Cojean, Boulevard St. Germain. Paris 7ième Arrondissement. Da traf ich die «Le Monde»-Journalistin, die für ihre brillante Spurensuche den «Grand Prix de la Presse Internationale» bekommen hat. «Niemand hört mein Schreien», im Original «Les Proies», hat in Frankreich grosses Aufsehen erregt.

Der Bericht der Sex-Sklavin Soraya ist mittlerweile auch auf Arabisch übersetzt und sorgt im arabischen Raum für vorsichtige Gespräche hinter vorgehaltener Hand. Die Autorin empfängt mich in ihrem Appartement hoch oben im neunten Stock. Büchersäulen säumen die Treppe, Zeitungsstapel erschweren den Eintritt in die Wohnung. «Bonjour Cornelia!» Man duzt sich unter Kolleginnen. Es kann losgehen.

Die offene Rechnung mit dem Diktator

Eigentlich war Annick Cojean im Oktober 2011 nach Tripolis geflogen, um zu erfahren, welche Rolle die Frauen in der libyschen Revolution gespielt haben. Dabei hörte sie von Frauen immer wieder den rätselhaften Ausdruck «offene Rechnung mit Gaddafi». Ausschliesslich Frauen sprachen davon. Aber nur eine von ihnen war bereit, den Schleier zu lüften: Soraya.

In einem kleinen Hotel in Tripolis brach in einer einzigen Nacht aus der 22-jährigen Schönen heraus, was sie sieben Jahre lang in Gaddafis Palast erleiden musste: Demütigung, Vergewaltigung, Beschimpfung, Verängstigung und Isolation.

Daraus wurde ein aufsehenerregender Artikel in der französischen Tageszeitung «Le Monde». Aber Cojean ahnte, dass es damit nicht getan sein würde. Sie nahm eine Auszeit und reiste für fünf Monate nach Tripolis. Aus der vertieften Recherche entstand das erschütternde und hoch politische Buch. Es stürmt die Bestsellerlisten. In wenigen Monaten wird es auch in Englisch zu haben sein.

Gaddafis «Viagra Totalitarismus»

«Un hiver très sombre», ein sehr dunkler Winter sei es gewesen in Tripolis, erzählt die Journalistin noch immer wie gehetzt. Man hat ihr vehement davon abgeraten, jetzt wo alles vorbei sei, noch alte Wunden aufzureissen. Man hat sie davor gewarnt, die Ehre eines Toten zu verletzen.

Sie hat nicht aufgehört und nicht gehorcht. Nun hat die Welt eine minutiöse Schilderung von Gaddafis Doppelgesichtigkeit. Einerseits proklamierte er auf dem politischen Parkett die Befreiung der Frau und das Ende ihrer Unterwerfung. Andererseits inszenierte er in den Kellern seinen Palastes «Bab al-Azizia» einen Alptraum aus «Tausendundeiner Nacht».

Soraya war nicht seine einzige Sexsklavin. Das kollektive Leiden von Minderjährigen wird im Buch minutiös geschildert. Soraya ist eine sehr präzise Erzählerin. Regelmässig liess der Diktator sich aus dem ganzen Land junge Mädchen und auch junge Männer zuführen. Untergebene unterjochte er, indem er sich an ihren Frauen und Töchtern verging. Eine groteske Form von «Viagra Totalitarismus».

Bedrängender Einblick in Kultur der Scham

Portrait der Journalistin Annick Cojean, die lächelnd in die Kamera schaut.
Legende: Annick Cojean ist Journalistin bei «Le Monde» und u.a. Autorin von Reiseberichten. ZVG

Nebst Sorayas erschütterndem Bericht macht ein kleiner Abriss über die Geschichte Libyens das Buch sehr lesenswert. Auch stellt Cojean in ihrem Buch transparent heraus, was die Interviews mit Verbündeten und anderen Opfern ans Licht brachten. So entsteht ein bedrängender Einblick in eine Kultur der Scham, in der allein das Reden über das Verschwiegene lebensgefährlich ist.

Cojean lächelt und zeigt mir ein Bild mutiger demonstrierender Frauen. «Das gibt mir eine gewisse Befriedigung» sagt sie dazu. Die Frauen stehen am V-Day auf dem Grünen Platz in Tripolis. Der V-Day ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Es ist der 14. Februar. «Never again» steht auf den Transparenten und die Frauen zeigen ihr Gesicht. «Plus jamais!» Cojeans Buch ist abgebildet.

Cojean wird wieder zu ihnen reisen und mit vereinten Kräften dafür sorgen, dass Soraya und ihre Leidensgenossinnen Hilfe und Schmerzensgeld bekommen. Für eine Ausbildung. Für Therapie. Für ein Leben danach.

Literaturhinweis

Annick Cojean: «Niemand hört mein Schreien.» Aufbau Verlag, 2013.

3 Kommentare

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  • Kommentar von O. Laube, Luzern
    Man soll die Ehre eines Toten nicht verletzen. Ich frage mich: Welche Ehre? Nur schade, dass er von seinen Gegnern getötet wurde. Die haben ihm wortwörtlich einen kurzen Prozess zugestanden. Er muss sich nicht mal für seine Schandtaten verantworten. Und nein: Es gibt keine Hölle in der er schmort - Er war der Teufel seiner eigens erbauten Hölle. Die Hölle kommt nicht nach dem Tod - sie existiert auf der Erde, von kreativen, mächtigen und narrenfreien Menschen ausgedacht.
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    1. Antwort von T. Bischofberger, Brugg
      Da kann ich nur zustimmen. Es gibt tote und tote und diese Person hat kein Recht auf nur einen Hauch von Ehre.
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    2. Antwort von J. Nehru, Solothurn
      Die Ehre von toten verlezen geht ja auch nur, in den man sie "in den dreck zieht" / über sie lästert. Diejenigen die sich vor ihrem tot selbst massivst degradiert, und in den den dreck gezogen haben, kann man nicht weiter entehren. Wie den auch? ..und beim besten willen: Ich kann nicht verstehen weshalb das Totenbet, oder der Leichnahm als heilig gilt. Nur weil es ein Totenbet oder Leichnahm ist? Wie kann das überbleibsel eines Schlächters heilig sein? Sind die überbleibsel von K.Barbie heilig?
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