Sie beschäftigt sich mit Themen, die andere Theologen scheuen

Die Ethik-Professorin Regina Ammicht Quinn erhält den renommierten Herbert-Haag Preis für die Freiheit in der Kirche. Die Tübingerin ist eigentlich katholische Theologin. Ein Lehrstuhl wurde ihr aber zweimal verweigert. Ihre Thematik Religion und Sexualität trifft auf eine Angst der Kirche.

Regina Ammicht Quinn steht vor einem Bücherregal. Sie trägt einen Bob. Das Foto ist schwarz-weiss.

Bildlegende: Sie beschäftigt sich mit Themen, die andere Theologen scheuen: Regina Ammicht Quinn. Herbert Haag Stiftung

«Let's think about Sex» – angelehnt an Woody Allens Film war der Titel einer Tagung, die in einer süddeutschen kirchlichen Akademie stattfinden sollte. Regina Ammicht Quinn sollte dort den Hauptvortrag halten. Der zuständige Bischof untersagte aber die Tagung. Es herrscht eben – auch im 21. Jahrhundert – in der katholischen Kirche noch immer viel zu viel Angst – und vor allem eine unterschwellige Angst vor dem Thema Sexualität und Religion. Deswegen soll es möglichst unterdrückt werden.

Sie öffnet Deckel, die andere lieber zulassen

Doch Regina Ammicht Quinn ist Kummer gewohnt. Die Einser-Theologin stand zweimal bei Berufungsverfahren für eine Theologie-Professur auf Platz eins in der Liste. Beide Male wurde sie abgelehnt. Das Thema ihrer Habilitation hiess «Körper, Religion, Sexualität» – und das lässt erahnen, dass hier der Deckel einer Kiste geöffnet wurde, die aus römischer Sicht lieber geschlossen bleibt.

Regina Ammicht Quinn aber meint, dass über Gott reden auch über Sexualität reden heisst. Über Gott, so sagt sie, könne man nur reden, wenn man über den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit rede. Und zu der gehören nun mal Körper und Sexualität.

Heikle Themen und erst noch kein Mann

Es bleibt Spekulation, ob Ammicht Quinn in der römisch-katholischen Männerkirche als Mann eine Chance auf die Theologie-Professur gehabt hätte. Hier kamen wohl zwei Dinge zusammen: die Kandidatur einer Frau und ein heikles Thema.

Kommt hinzu, dass sie ihre theologische Arbeit immer an der Realität, am Alltag gemessen hat. Alles, was sie am Schreibtisch theoretisch an Moral erarbeitet, soll zum Beispiel in der Erziehung der Kinder auch standhalten können. Und ihre beiden Kinder sind der Herbert-Haag-Preisträgerin besonders wichtig.

Das Glück, Kinder zu kriegen, Kinder zu haben, ist aber für Regina Ammicht Quinn nur eine Interpretationsmöglichkeit. Die erotische Energie einer Beziehung könne auch in anderer Weise für die Welt fruchtbar werden, sagt sie. Und so hat sie sich intensiv mit dem Thema Homosexualität und dem oft hysterischen Umgang der Männer-Kirche damit beschäftigt. Sich auf die Bibel zu beziehen, wenn man Homosexualität ablehnt, ist für Ammicht Quinn unsinnig – Homosexualität ist ein relativ neuer Begriff des 19. Jahrhunderts.

Ohne moralisierenden Zeigefinger

Für Regina Ammicht Quinn, für die Theologie in ihrer Vielfalt nach wie vor ein tolles Fach ist, hat sich ein neues Betätigungsfeld aufgetan: Sie ist jetzt Professorin am Tübinger Ethikzentrum.

Dort ist sie interdisziplinär tätig, forscht ohne den moralisierenden Zeigefinger über Themen wie Glück, Scham und Globalisierung oder auch zu Sicherheitsethik. Und bei allem ist ihr besonders wichtig, etwas zu haben, was katholische Amtsträger nicht haben: Die Erdung durch Alltag und Familie.

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