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Gesellschaft & Religion «Smartphones machen uns zu gefühllosen Zombies»

Der umstrittene Hirnforscher Manfred Spitzer entwirft in «Cyberkrank!» ein Horrorszenario: Smartphones seien Schuld an unregelmässigem Essen, multiplen Sexualpartnern und Drogenmissbrauch. Das Problem am neuen Buch des Autors von «Digitale Demenz»: Spitzer klärt nicht auf, sondern schürt Ängste.

Ein Mann sitzt in einem Fast-Food-Laden und schaut auf sein Smartphone.
Legende: Das Smartphone ist Schuld an unseren ungesunden Essgewohnheiten, so die These des Hirnforschers Manfred Spitzer. Getty Images

Das Internet macht angeblich dick und dumm, das hat uns Manfred Spitzer schon vor drei Jahren mitgeteilt in seinem vieldiskutierten Bestseller «Digitale Demenz». Jetzt äussert er sich erneut zu dem Thema: im 300 Seiten dicken Buch «Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert». Viel Neues erfährt man indes nicht. Der Gehirnforscher liefert, was man von ihm erwartet: altväterlichen Kulturpessimismus, der den Niedergang des Abendlandes durch die digitalen Medien beschwört. Schon in der Einleitung geht es los: Der Wissenschaftler bedauert, «dass wir heute nicht mehr mit unserer Gruppe am Lagerfeuer in der Höhle sitzen».

Im neuen Buch steht das Smartphone im Fokus. Laut Spitzer macht es uns zu gefühllosen Zombies, die depressiv, ängstlich und unsicher durch die Welt steuern. Damit aber nicht genug: Der Psychiater bringt Smartphones allen Ernstes mit sogenannten ungesunden Lebenspraktiken in Verbindung: mit unregelmässigen Essenszeiten, multiplen Sexualpartnern, Alkohol- und Nikotin-Missbrauch und schlechter Schlafhygiene.

Behauptungen statt Nachweise

Seine aussergewöhnlichen Thesen untermauert Spitzer stets mit Daten. Laut eigener Aussage sind es 700 Studien, die er für sein Buch ausgewertet hat. Wie wissenschaftlich diese Untersuchungen sind, ist für Laien schwer festzustellen. Auffallend ist, dass sich Spitzer an einigen Stellen ungenau ausdrückt. Zum Beispiel wenn er behauptet, dass in den USA mit der Verbreitung von Flirt- und Dating-Apps auch die Zahl der Geschlechtskrankheiten unter homosexuellen Männern gestiegen sei. Als Beleg führt er eine US-amerikanische Studie an – und diese wendet er auf Deutschland an. Mit wissenschaftlicher Beweisführung hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Es wird einfach etwas behauptet und in die gewünschten Zusammenhänge gebracht.

Sammelsurium aus Studien und Grafiken

Manfred Spitzer kennt sich mit den digitalen Medien, die er so vehement ablehnt, nicht aus. Das wird immer wieder deutlich. Ein Beispiel: Dating-Apps wie etwa Tinder hatten ihre Vorläufer zwar in der homosexuellen Szene, aber seit langem werden sie auch von heterosexuellen Menschen genutzt. Warum sollten also ausgerechnet Homosexuelle als schwarze Schafe herhalten?

Als Neurowissenschaftler meint Manfred Spitzer für alles eine Erklärung zu haben. Doch genau darum liest sich sein Buch wie ein Sammelsurium zahlreicher Aspekte, die sich auf das Internet beziehen: Studien, Grafiken, Röntgenbilder von Gehirnen und seltsame Fotos, etwa von Übergewichtigen, die angeblich computerspielsüchtig sind.

Im Kulturpessimismus bestätigt

Digitale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram verursachten Cyberstress, sagt Spitzer. Ständig vergleiche man sich mit anderen und habe Angst, etwas zu verpassen. Das mag ja sogar sein – wie viele andere Dinge, die er in seinem Buch behauptet. Problematisch ist, wie er seine Themen verhandelt. Er klärt nicht umfassend auf, sondern schürt Ängste und Vorurteile, entwirft ein Cyber-Horrorszenario. Insofern ist das Buch für diejenigen geschrieben, die sich in ihrer Technologiefeindlichkeit und in ihrem Kulturpessimismus einmal mehr bestätigt wissen wollen.

Sendung: Radio SRF2 Kultur, Kultur kompakt, 13.11.2015, 12:10 Uhr.

Zur Person

Ein Mann mittleren alters mit kurzem, grauem Haar.
Legende: Imago/Horst Galuschka

Manfred Spitzer, geboren 1958, ist Mediziner und Psychologe. Er arbeitet als ärztlicher Direktor an Psychiatrischen Uniklinik in Ulm. Öffentlich bekannt wurde er durch Vorträge und populärwissenschaftliche Bücher wie «Digitale Demenz». Seine Thesen zu Folgen des Konsums elektronischer Medien sind unter Wissenschaftlern zum Teil umstritten.

Buchhinweis

Manfred Spitzer: «Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert», Droemer Verlag, 2015.

11 Kommentare

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  • Kommentar von Mike Kramer, Schaffhausen
    Beweise sehe ich jeden Tag: 1. Vor dem Fenster die Bushaltestelle - wenn ein Fahrgast mal nicht aufs Handy schaut, ist das direkt auffällig. 2. viele junge Leute haben keine Mimik, keine Körpersprache - nichts (im Chat nicht nötig) du hast das Gefühl, du redest mit einer Pupp! Und wenn du denen sagst, das Handy bleibt während der Arbeitszeit in der Garderobe, fallen sie ins Koma vor Schreck. Da liegt die Bezeichnung "digitale Zombies" direkt auf der Hand.
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  • Kommentar von Martin Ulrich, Zug
    wollt ihr auf Beweise warten, bis es zu spät ist? Frank Schirrmacher hat deutlich aufgezeigt (Payback, Ego), dass das Internet uns zu "Schachtürken" macht. Der Schachtürke war ein gefälschter Roboter, in den Kasten gezwängt war ein Mensch. Dieser Mensch sind heute wir, wir halten die Illusion "Künstlicher Intelligenz" am laufen, indem wir dem Computer unsere eigene Intelligenz leihen.
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  • Kommentar von E. Schneider, Zürich
    Danke für diese Kritik! Die Psychiatrie und ihre Methoden sind schon seit längerem in der Krise. Mit dem Boom der Psychopharmaka, der leider noch nicht zu Ende ist, hat sie genau das hervorgebracht: "gefühllose Zombies, die depressiv, ängstlich und unsicher durch die Welt steuern." Gerade aber die neusten digitalen Technologien öffnen neue Wege der Behandlung und bringen Erleichterung für viele psychisch Behinderte. Ein alternder, bequemer und kritikscheuer Psychi-Direktor muss diese verteufeln.
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