Spaniens geraubte Kinder und die unselige Rolle der Kirche

Über 100‘000 politische Gegner liess das Franco-Regime nach dem spanischen Bürgerkrieg umbringen. Das haben Historiker mittlerweile dokumentiert. Eine anderes Verbrechen blieb jedoch bis vor wenigen Jahren unbekannt: der im grossen Stil organisierte Raub von Kindern, unterstützt von der Kirche.

Menschen an einer Demonstration, sie halten ein Banner mit Porträts von Menschen, dazu spanische Nationalflaggen.

Bildlegende: Zum 40. Todestag des Diktators Franco protestieren Spanier, dass vieles in ihrer Geschichte nicht aufgearbeitet ist. Keystone

Zu Beginn, in den ersten Jahren der Diktatur von Franco, war das Zwangsadoptieren von neugeborenen Kindern ideologisch motiviert. Der Marxismus galt als eine Art «Geisteskrankheit»; Babys durften keinesfalls die «Milch des Kommunismus einsaugen». Um die spanische Rasse zu retten, musste man den Linken also den Nachwuchs wegnehmen.

Ungefähr 300‘000 Säuglinge geraubt

Ab den 1950er-Jahren spielten dann aber politische Motive keine Rolle mehr. Der Kinderraub entwickelte sich vielmehr zu einem lukrativen Geschäft, in das Ärzte, Anwälte, und vor allem die römisch-katholische Kirche verwickelt waren.

Man schätzt, dass in spanischen Geburtskliniken bis in die 80er-Jahre an die 300‘000 Säuglinge verschwanden und mit gefälschten Papieren an kinderlose Paare verkauft wurden. Inzwischen suchen Mütter ihre Kinder, und Kinder ihre leiblichen Eltern – doch das gestaltet sich extrem schwierig. Kein Wunder angesichts fehlender Dokumente, mangelndem politischen Willen und vor allem der Mauer des Schweigens, mit der sich die Kirche umgibt.

Die Macht der Kirche

Der katalanische Historiker Ricard Vinyes hat als Erster den politisch motivierten Kinderraub der 40er-Jahre dokumentiert. Er weist dabei auf die unselige Rolle der Kirche hin: «Wenn man sagt, dass die katholische Kirche mit der Franco-Diktatur kollaborierte, so ist das nicht wahr. Die katholische Kirche war das Herz des Franquismo. Sie war der Franquismo! Der Franquismo hätte ohne die katholische Kirche nicht existieren können. Aber die Kirche fühlt sich in keiner Weise schuldig, im Gegenteil. Sie empfindet sich bis heute als Opfer, aber auch als Retterin des spanischen Vaterlandes.»

Die Suche nach der Wahrheit

Antonio Barroso war 38 Jahre, als er erfuhr, was er immer geahnt hatte: Dass ihn seine vermeintlichen Eltern gekauft hatten. Von einem Priester und einer Nonne, das hatte der Vater seines Freundes auf dem Totenbett gestanden. Antonio war fassungslos: Sein ganzes Leben war plötzlich eine Lüge.

2010 gründete er in Barcelona den Verein Anadir («Zusammenfügen»), eine Anlaufstelle für die Opfer von Zwangsadoptionen. Inzwischen gibt es auch eine Reihe anderer Organisationen mit gleicher Zielsetzung, etwa die SOS Raices, SOS Bebes Robados oder auf Mallorca die Gruppe Origen.

Die Vergangenheit lebt weiter

Auch 40 Jahre nach dem Tod Francos ist sein Schatten allgegenwärtig. Ein Amnestiegesetz von 1977 verhindert, dass die Verantwortlichen des Regimes zur Rechenschaft gezogen werden. Das Land hat seine Geschichte verdrängt im Glauben, nur so einen versöhnlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu schaffen. Anders als etwa in Deutschland, wo die Geschichte des Nationalsozialismus zum Pflichtstoff in den Schulen gehört, erfahren spanische Kinder deshalb zum Beispiel nur wenig über den Diktator, der ihr Land fast 40 Jahre lang beherrschte.

Kein richtiges Leben im Falschen

Doch das verordnete Vergessen hat seinen Preis: Bis heute geht ein Riss durch die spanische Gesellschaft. Zwei politische Blöcke stehen sich unversöhnlich gegenüber. Wer es wagt, an den Wunden der Vergangenheit zu kratzen, muss mit Konsequenzen rechnen. Vielleicht erklärt es sich so, dass der Kinderraub die im Wegsehen geübte spanische Gesellschaft nicht wirklich erschüttert.

Nur einer Handvoll Menschen ist es bis dato gelungen, ihre Angehörigen wiederzufinden. Die Mehrheit der Opfer lebt weiter in der traurigen Erkenntnis, dass es für sie kein richtiges Leben im Falschen geben kann.

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