Im RAF-Seminar Studenten von heute über die Terroristen von damals

Grosses Interesse, geringes Wissen: Stimmen junger Menschen aus einem Politik-Seminar zum Thema RAF.

Zwei junge Menschen sitzen auf der Anklagebank und lächeln.

Bildlegende: Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Brandstifter-Prozess 1968 – ein paar Jahre später werden sie zu den Köpfen der RAF. Keystone

«Ich wusste von der Thematik nicht viel. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas mal in Deutschland passiert ist», sagt die Studentin Anna Gonzales. Die junge Frau besucht ein Politik-Seminar über den Terrorismus der RAF in Deutschland.

Grosses Interesse am Thema RAF

Freitagnachmittag, Justus-Liebig-Universität im hessischen Giessen. Die Uni wirkt wie ausgestorben. Die meisten Studenten sind ins Wochenende gefahren. Nur der Seminarraum der Politikwissenschaft quillt beinahe über.

Wenig Vorwissen

Seit drei Monaten beschäftigen sich die Studierenden in ihrem Politik-Seminar mit linkem und rechtem Terrorismus in Deutschland – speziell mit der Roten Armee Fraktion.

Es ist eine Zeit, von der die meisten Studierenden an der Uni Giessen wenig wissen. Weder in ihrem Studium noch in der Schule wurde das Thema RAF gross behandelt.

16 schwarz-weisse Verbrecherfotos von jungen Menschen.

Bildlegende: Per Haftbefehl gesucht: Das Tableau zeigt RAF-Terroristen, unter Andreas Baader und Ulrike Meinhof (oben links). Keystone

Hinter die Terroristen-Fassade blicken

Das Interesse der Studentinnen und Studenten ist dementsprechend hoch. Vor allem bewegt sie, weshalb junge Menschen – die damals so alt waren wie sie selbst heute – alles aufgaben, um gegen den Staat zu kämpfen.

«Mich hat es am meisten mitgerissen, als es um Ulrike Meinhof und die Charaktere der Terroristen ging», meint die Studentin Kati Schneider. Ulrike Meinhof sei nicht nur eine Terroristin gewesen, sondern eine Journalistin und Mutter, die ihre Kinder zurückgelassen habe, um in den Untergrund zu gehen, sagt Schneider. Man müsse wirklich hinter die Fassade schauen, um zu verstehen, weshalb sie diesen Weg gewählt habe.

Kein Verständnis für den Terror

Warum die RAF damals überhaupt gegründet wurde, können die Studenten noch nachvollziehen. In den Augen der ersten RAF-Mitglieder hatte der Staat sein demokratisches System und seine Grundwerte aufgegeben. Anlass dafür war unter anderem der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Er wurde von einem Polizisten erschossen.

Die RAF sei nicht einfach so entstanden, sagt der Student Daniel Meyer. Nicht aus einer Laune heraus, oder weil ein paar Möchtegerns Terroristen werden wollten. «Es ist aber absolut in die falsche Richtung gegangen», sagt Meyer. Die Anschläge und die Morde liessen sich nicht rechtfertigen.

Menschenleben wurden aufs Spiel gesetzt

Die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut sorgt für viel Diskussionsstoff im Seminar. Ein Terror-Kommando brachte damals das Flugzeug in seine Gewalt. Ziel war es, die in Deutschland inhaftierten RAF-Terroristen freizupressen.

Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt gab den Forderungen nicht nach. «Eigentlich hätte die Bundesregierung hart bleiben müssen, habe ich erst gedacht. Aber es geht doch nicht, Menschenleben aufs Spiel zu setzen», sagt die Studentin Nora Farfar.

Studentenbewegung heute? Undenkbar

Nicht nur die RAF interessiert die zukünftigen Politikwissenschaftler. Es beeindruckt sie vor allem, was junge Menschen schon vorher, 1968, bewegte, auf die Stresse zu gehen. Aber auch, weshalb sich dann eine kleine Gruppe radikalisierte und als Rote Armee Fraktion mit Gewalt gegen den Staat vorging.

Sicherlich sei ein Grund der Vietnam-Krieg gewesen und die NS-Vergangenheit ihrer Väter, sagt die Studentin Anna Gonzales. Heute sei so ein Protest dennoch kaum denkbar: «Weil die meisten an der Uni doch eher ihr eigenes Ding machen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 29. März 2017, 9 Uhr

Zum Autor

Hans Rubinich ist hauptberuflich Hörfunk-Journalist für ARD und SRF. Ausserdem arbeitet er als pädagogischer Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität in Giessen, wo er das Seminar «Linker und rechter Terror» anbietet.

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