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Gesellschaft & Religion Tanz der Pinsel: Die Kunst der chinesischen Kalligraphie

Chinesische Schriftzeichen faszinieren den Westen. Sie prangen auf T-Shirts und Teetassen. In China spielt die Ästhetik der Schrift eine grosse Rolle. Schreiben, das ist nicht nur Mitteilung, sondern Kunst mit Abertausend Zeichen.

Chinesische Schriftzeichen und ein Mann der liest auf einer Kalligrafie.
Legende: Mehr als ein paar Pinselstriche: Das Schreiben wird jahrelang geübt und perfektioniert. bpk/The Metropolitan Museum of Art

Abschreiben ist in China eine Kunst. Bei uns gilt es, wenn es heimlich geschieht, als Vergehen. Wenn es auf Anweisung geschieht, wird es als lästige, langweilige Aufgabe empfunden. In der chinesischen Kultur aber gilt das Abschreiben buddhistischer Lehrsätze, Sutren genannt, als gute Tat.

So gibt es in China die Tradition, buddhistische Sutren abzuschreiben – oder auch abschreiben zu lassen, gegen Honorar versteht sich. Das Museum Rietberg führt mit einer spannenden Ausstellung in die Welt der rätselhaften Zeichen ein.

Mit grosser Sorgfalt und etwas Blut

Chinas buddhistische Tempel sind voll mit Schriftrollen, die als gute Gaben überreicht wurden. Diese Abschriften sind alles andere als blosse Wiedergaben weiser Worte. Es sind Kunstwerke. Die Schriftzeichen sind mit Gold oder gar mit Blut gemalt. Mit penibler Genauigkeit oder kühnem Schwung aufs Papier gesetzt.

Ausschnitt einer chinesische Kalligrafie mit Schriftzeichen, Pinseln und Tuschestein.
Legende: Pinsel, Tusche und Reibstein sind die Werkzeuge der Schriftkünstler. bpk/The Metropolitan Museum of Art

Dabei geht es oft weniger um die Worte, den Inhalt. Die Schrift und der Akt des Schreibens selbst gelten in der chinesischen Kultur als Kunst. In der Schrift, so heisst es, offenbare sich das wahre Wesen eines Menschen und die Kraft der Natur.

Viele Gegenwartskünstler spielen mit dieser Tradition. Qiu Zhijie zum Beispiel hat einen in China bekannten poetischen Text tausend Mal übereinander kopiert, bis nur noch eine unlesbare schwarze Masse auf dem Papier zu sehen war. Wang Dongling malt übergrosse Schriftzeichen, die wie expressive Gemälde wirken.

Kunst damals und heute

Die Ausstellung «Magie der Zeichen – 3000 Jahre chinesische Schriftkunst» führt in die faszinierende Welt der chinesischen Schriftzeichen ein. Sie erzählt von den Mythen und Legenden, die sich in China um Kalligrafie und Poesie ranken, von der religiösen und philosophischen Bedeutung der Schrift und von ihrer bis heute anhaltenden künstlerischen Bedeutung.

Die Ausstellung beeindruckt aber nicht nur mit eindrucksvollen historischen Schriftrollen und zeitgenössischen Schriftkunstwerken. Sie beantwortet auch viele praktische Fragen rund um die rätselhaften Schriftzeichen.

Das Rätsel im Sprachlabor entschlüsseln

In einem Sprachlabor, das der Ausstellung angegliedert ist, erfährt man zum Beispiel, dass es aktuellen Zählungen zufolge über 54'000 Schriftzeichen gibt. Doch nur ein Bruchteil davon ist wirklich im Gebrauch.

Chinesische Schüler lernen in den ersten sechs Schuljahren rund 3000 Zeichen, damit können sie rund 99 Prozent aller Texte lesen. Wie schwierig oder einfach es ist, chinesische Schriftzeichen zu malen, das kann man im Sprachlabor selber testen.

Eine Herausforderung für Schriftsetzer

Im Sprachlabor ist auch eine chinesische Schreibmaschine aus den 1970er-Jahren zu sehen – ein gigantischer Apparat, der an die Schriftsätze in alten Druckereien erinnert. In einem breiten Kasten liegen Hunderte Metallstempel mit den Schriftzeichen. Mit einem Hebel wurde Stempel um Stempel angehoben und von unten gegen das Farbband und das Papier auf der Walze gedrückt.

Die Prozedur war langwierig. Geübte Schreibkräfte schafften ungefähr zehn bis fünfzehn Schriftzeichen pro Minute. Zudem erforderte das Maschinenschreiben eine sehr gründliche Kenntnis der Schriftzeichen. Die kleinen Stempel waren alle über Kopf angeordnet.

Die Schreibkraft musste sich also in ihrem Stempelkasten blind auskennen. Je nach Arbeitsbereich dominierten auch andere Schriftzeichen – ein wissenschaftliches Institut hat ein anderes Vokabular als ein Handwerksunternehmen. Am Computer lässt es sich leichter mit chinesischen Schriftzeichen schreiben. Auch das kann man im Sprachlabor ausprobieren.

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