Transfrauen und Schwule im TV: Nur ein Quoten-Gag oder doch mehr?

Bereits zum 10. Mal sendet der deutsche Privatsender ProSieben «Germany's Next Topmodel». Neu bei der jüngsten Staffel: Auch ein schwules und ein transsexuelles Model haben teilgenommen. Das erregt Aufsehen. Nur: Sind diese Auftritte gesellschaftlich relevant – oder helfen sie lediglich der Quote?

Auf einem TV-Bildschirm ist eine junge Frau zu sehen.

Bildlegende: Eine Zeitlang gehörte auch die 25-jährige Pari Roehi zu Heidi Klums Kandidatinnen. iStock/Pro7/SRF Bildmontage

«We love to entertain you» – mit diesem Slogan wirbt ProSieben für sich und seine Shows. Seit zehn Jahren unterhält der Privatsender nun schon mit dem Reality-TV-Format «Germany‘s Next Topmodel» (GNTM), bei dem Heidi Klum jedes Jahr ein neues Mädchen zur Schönsten kürt.

In der diesjährigen Staffel allerdings haben es auch Dennis, ein schwuler Mann, und Pari, eine Transfrau, bis in die dritte Sendung geschafft – ermutigt durch das Jurymitglied Wolfgang Joop. Der deutsche Modemacher verkündete vor einem Millionenpublikum: Schönheit sei keine Frage des Geschlechts.

Udo Rauchfleisch, Professor für Psychologie und Spezialist in Fragen der Geschlechtsidentität, möchte diese Aussage unterschiedlich interpretieren. «Für den schwulen, effeminierten Mann gilt das natürlich auch. Nur: Es geht in der Sendung um Frauen. Der schwule Mann wird sich nie als Frau verstehen, sondern wird in die Nähe des Weiblichen gerückt – durch sein Gehabe, durch seine Kleidung, durch sein Geschminkt-Sein.»

Bei seinem «Bikini-Walk» in High Heels täuscht nichts darüber hinweg, dass Dennis ein Mann ist. Dennis kommt nicht weiter in Heidis Show, wird aber freundlich und wertschätzend verabschiedet.

Äusseres und Inneres in Einklang

Nebst Dennis tritt auch die 25-jährige Pari auf. Pari ist eine Iranerin, die in Amerika aufgewachsen ist und nun in Berlin lebt. Sie wurde als Junge geboren und ist heute eine Frau – weiblich, so wie Pari sich immer gefühlt hat.

Für sie, die Transfrau, sei Schönheit sehr wohl eine Frage des Geschlechts: «Sie hat sich immer als Frau innerlich gefühlt und hat nun den Körper angleichen lassen. Ihr Äusseres und Inneres sind bei ihr erst jetzt in Einklang miteinander», sagt Udo Rauchfleisch.

Aber auch Pari kommt nicht weiter. Nicht, weil sie eine Transfrau sei, sondern wegen ihres sehr «ladyliken», nicht allzu wandelbaren Gesichts, begründet die Jury um Heidi Klum. «Tschüss!», ruft Pari strahlend. Und jeder sieht, dass eine Welt für sie zusammengebrochen ist.

Gag oder gesellschaftlich relevant?

Eine junge Frau läut über einen Laufsteg.

Bildlegende: Trotz langer Beine und weiblicher Rundungen bekam Pari schlussendlich «leider kein Foto». Videostill Pro7

Welche Wirkung haben solche Szenen vor einem zweistelligen Millionenpublikum? «Schon die Tatsache, dass Pari überhaupt bei so einer Show mitmachen kann, steht für eine gewisse Öffnung. Es bedeutet nicht die vollkommene Akzeptanz von Transmenschen in unserer Gesellschaft. Aber es ist immerhin ein wichtiger Schritt», sagt Udo Rauchfleisch.

Es bleibt jedoch das ungute Gefühl, dass Dennis und Pari benutzt wurden, um die Show, die jedes Jahr mehr Zuschauer verliert, aufzumotzen und interessanter zu machen. Rauchfleisch: «Es ist sicher eine Gefahr, dass die Transfrau instrumentalisiert wurde, um die Zuschauerzahlen raufzuschrauben. Ich würde aber eher annehmen, dass der schwule Mann als Gag hineingenommen wurde.»

Pari, die Transfrau, entspricht dem gängigen Schönheitsideal eines Models: gross, schlank, lange Beine. Sie hat auch das, was bei den anderen Bewerberinnen gefragt ist: Sie sollen schön sein, sie sollen weiblich wirken. «Pari wirkte ja auch sehr weiblich. Daher denke ich: Es mag in der Anlage der Sendung ein gewisser Gag gewesen sein, vielleicht auch um mehr Leute anzulocken», sagt Rauchfleisch.

Ob Gag oder nicht, Rauchfleisch ist überzeugt, dass diese Auftritte bei «Germany‘s Next Topmodel» durchaus als positiv zu werten sind: Sie helfen dabei, die Trans-Identität als etwas Normales, Durchschnittliches anzusehen.