«Tschernobyl bedroht uns auch in Zukunft»

Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat Menschen aus den verstrahlten Zonen um Tschernobyl porträtiert. Ihr Buch ist eines der erschütterndsten über diese Katastrophe. An sichere Atomkraft glaubt sie nicht.

Rabe sitzt auf einem Pfahl. Das Schild warnt vor radioaktiver Strahlung.

Bildlegende: Swetlana Alexijewitsch warnt davor, dass die Menschheit aus der Katastrophe nichts gelernt hat. Reuters

SRF: Tschernobyl – Können Sie dieses Wort überhaupt noch hören?

Swetlana Alexijewitsch: Ich kann zu Tschernobyl eigentlich nichts Neues sagen, was ich sehr schade finde. Ich glaube, dass Tschernobyl im Grunde an der Welt vorbeigegangen ist. Die Angst vor derartigen Katastrophen sollte uns alle beschäftigen. Das tut es aber weder in Weissrussland noch in der Ukraine.

Sie sagten einmal, Ihnen fehle die philosophische Dimension des Themas. Was meinen Sie damit?

Tschernobyl wird im Grunde reduziert auf medizinische und politische Fragen. Doch wir müssen Tschernobyl begreifen als etwas, das uns in der Zukunft bedroht. Tschernobyl ist eine Herausforderung, die uns zeigt: Das ist unsere Zukunft, eine Zukunft, die wir selber produzieren. Wir sind ihr überhaupt nicht gewachsen. Wir sind dem technologischen Fortschritt, den wir sehr stark vorantreiben, intellektuell und moralisch nicht gewachsen. Wir produzieren da etwas, das unseren Händen entgleitet.

Einige unserer Politiker sagen, die Atomkraftwerke der neuen Generation seien sicher.

Es ist eindeutig, dass all diese Technologien nicht wirklich sicher sind. Es gibt keine wirklich sicheren Schutzmechanismen. Wenn man sich nur überlegt, dass Terroristen Anschläge auf Kernkraftanlagen verüben könnten. Es wäre naiv anzunehmen, dass dies nicht geschehen könnte.

Sie sagten einmal, dass Tschernobyl Begriffe wie «nah» und«fern» aufgelöst hätte.

Was bedeutet nah oder fern heutzutage? Ist Moskau weit entfernt? Was bedeutet es, wenn in Russland so etwas passiert? Kann man dann zum Beispiel in Berlin noch leben? Man weiss es nicht. Die radioaktive Wolke von Tschernobyl hing über ganz Europa und darüber hinaus. Es werden einfach die alten Argumente benutzt, so als wäre nichts gewesen. Tschernobyl hat gezeigt, dass die Welt der Menschen sehr klein ist. Der Mensch entfesselt wie ein Kind Dinge, die er nicht beherrscht und vor denen er sich dann auch nicht schützen kann. Als ich das erste Mal nach Tschernobyl kam, habe ich hunderte von Soldaten gesehen, schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen. Es wurden extra Flugzeuge aus dem afghanischen Kriegsgebiet zurückgeholt mit schweren Maschinengewehren an Bord. Völlig unangemessene Mittel zur Bekämpfung einer solchen Katastrophe. Gegen wen sollten diese Waffen gerichtet werden?

Ist es nicht ein Stück weit das Schicksal des Menschen und liegt es nicht in seiner Natur, dass er an Grenzen geht und Dinge ausprobiert, bei denen er nicht genau voraussehen kann, wohin sie führen werden?

Einer unserer Philosophen hat auf die Frage geantwortet, was geschehen müsste, damit die Menschen endlich eine Lehre aus Tschernobyl ziehen: Es müsste 100 Tschernobyls geben, dann wären wir vielleicht soweit. Dann hätten wir eine Kultur der Verarbeitung für solche Katastrophen. Dann würden vielleicht auch Lehren daraus gezogen. Bis jetzt ist es eben so, dass wir in diesen Fortschritt, diese Technologie immer weiter treiben. Wir handeln immer noch nach dem Muster, dass Gewalt das herrschende Prinzip ist. Gewalt, die der Mensch und seine Technologie der Natur antun, die der Mensch anderen Menschen antut. Aber das ist eine Sackgasse, aus der wir nicht mehr herauskommen. Man müsste umdenken und es müsste ein neues Wertesystem gefunden werden. Ein Wertesystem, das den Menschen nicht über die Natur stellt, sondern eines, worin er eingebunden ist. Anders wird es nicht mehr gehen. Wir müssen lernen, behutsamer und vorsichtiger mit dem Leben auf der Erde umgehen.

In Tschernobyl wurde viel verschwiegen und vertuscht. Die Hauptverantwortlichen sind nie zur Rechenschaft gezogen worden.

Das ist das Gefährliche an totalitären Regimen. Das totalitäre Regime besitzt die Geheimnisse allein. Kein anderer kann dieses Geheimwissen erlangen. In der Regel sitzen in dieser Regierung ungebildete Menschen. Lukaschenko ist ein relativ ungebildeter Mensch, ein vom politischen Instinkt gesteuerter Mensch. Er ist nicht gebildet, nicht klug. Das ist eben das Problem, dass alles in den Händen solcher Leute liegt. Wenn bei uns in Weissrussland eine Zivilgesellschaft existierte, gäbe es so etwas wie eine Organisation der Mütter, deren Kinder wegen Tschernobyl gestorben sind. Es gäbe eine Bewegung der Liquidatoren. Wenn es all das gäbe, auch eine ökologische Bewegung, eine Atomkraftgegnerbewegung, dann würde jemand die Erinnerung an Tschernobyl wach halten und etwas in Bewegung setzen. Aber das gibt es alles nicht. Wo ist die Kraft, die das in der Gesellschaft bewirken könnte? Die Menschheit muss begreifen, dass es Zeit ist, aus dem Atomzeitalter auszusteigen. Sonst steuern wir auf einen Selbstmord zu.

Zur Person

Swetlana Alexijewitsch

Imago/Eastnews

Swetlana Alexijewitsch zeichnet in ihren Werken die Lebenswelten der Menschen aus Weissrussland, Russland und der Ukraine nach. In «Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft» portätierte sie Tschernobyl-Überlebende. 2015 erhielt sie den Literaturnobelpreis «für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt».

Buchhinweis

Swetlana Alexijewitsch: «Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft», Berliner Taschenbuchverlag 1997 - 2011.

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