Tücken des Helfens: IKRK-Mitarbeiter Andreas Notter im Interview

IKRK-Mitarbeiter Andreas Notter wurde 2009 von einer islamistischen Rebellengruppe verschleppt und drei Monate lang festgehalten. Im Interview mit Barbara Bleisch erzählt er, wie er die Geiselhaft verarbeitet hat und weshalb er seine Arbeit beim IKRK nach wie vor schätzt.

Andreas Notter (38), mit Bart, spricht an Medienkonferenz.

Bildlegende: Andreas Notter am 22.4.09 an einer IKRK-Medienkonferenz in Bern, nach seiner Rückkehr nach 93 Tagen Geiselhaft. Keystone / Laurent Gilliéron

Andreas Notter, vor vier Jahren wurden Sie gemeinsam mit zwei weiteren IKRK-Mitarbeitern auf der philippinischen Insel Jolo von Mitgliedern der islamistischen Rebellengruppe Abu Sayyaf verschleppt. Es folgten drei Monate Geiselhaft mitten im Dschungel. Wie verarbeiteten Sie dieses Erlebnis?

Andreas Notter: Natürlich ist es ein langer Prozess, welcher mehrere Monate in Anspruch nimmt und sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Man darf nicht vergessen, dass nach meiner Flucht mein Kollege Eugenio noch drei Monate länger bis zu seiner Freilassung ausharren musste. Diese Zeit war besonders belastend für mich, da ich bis zu seiner gesunden Rückkehr nie richtig ‚frei’ war.

Nach Eugenios Rückkehr konnte ich die Erlebnisse aber schnell hinter mir lassen. Bei der Verarbeitung geholfen hat mir auch das Schreiben einer Art Tagebuch, und ich habe für mich festgehalten, was ich aus dem Erlebten gelernt habe.

Sie betonten nach Ihrer geglückten Flucht immer wieder, Sie seien von den Geiselnehmern gut behandelt worden. Beurteilen Sie dies aus der zeitlichen Distanz immer noch so?

AN: Absolut. Es ist mir aber auch bewusst, dass Leute, welche die Gruppe gut kennen, skeptisch auf meine Aussage reagieren. Wenn man bedenkt, was über diese Rebellengruppe alles bekannt war und geschrieben wurde, ist das verständlich. Es war für uns natürlich nicht immer leicht, aber man muss auch bedenken, dass IKRK-Delegierte von Berufs wegen oft in irgendeiner Form Kontakt mit Kämpfern haben.

Daher haben wir unsere Entführer immer gemäss unseren Prinzipien und Modalitäten angesprochen und sind dementsprechend mit ihnen umgegangen. Dies hat die Rebellen wahrscheinlich eher positiv überrascht, denn niemand unserer Gruppe hat sie je angeschrien oder ihnen Vorwürfe gemacht.

Die Rebellen drohten aber immerhin mit Ihrer Enthauptung, sollte sich die Armee nicht zurückziehen…

AN: Dies war ein sehr spezieller Moment für uns. Nachdem ich das Ultimatum, welches als Drohung bei Nichteinhaltung die Enthauptung eines Delegierten vorsah, meinem IKRK-Chef übermittelt hatte, standen wir Geiseln etwas ungläubig im Kreise herum und konnten diese plötzliche Wendung und aggressive Haltung uns gegenüber kaum verstehen, geschweige denn verarbeiten.

Das gegenseitige Mutmachen hat an diesem Nachmittag nicht so gut funktioniert. Ein paar Stunden später, nachdem sich jeder seine eigenen, privaten Gedanken gemacht hatte, setzte der Alltagstrott wieder ein und wir beruhigten uns wieder ein bisschen. Während der Dauer des Ultimatums haben wir aber alle sicher nicht mehr so gut geschlafen und uns entsprechend Sorgen gemacht.

Sie arbeiten nach wie vor für das IKRK, sind gegenwärtig im Irak stationiert und werden im April nach Kolumbien versetzt. Haben Sie nach der Entführung nicht mit dem Gedanken gespielt, sich einen ruhigeren Job zu suchen?

AN: Nein, nie. Ich bin mir der Risiken, welche dieser Job mit sich bringt, bewusst und hatte mir vor und während meines beruflichen Aufenthaltes in West-Mindanao zu ein paar möglichen Szenarien Gedanken gemacht. Innerhalb des IKRK sprechen wir oft von kalkuliertem Risiko. In Gesprächen mit meinen Freunden zu diesem Thema ziehe ich oft auch den Vergleich zu einem Motorradfahrer oder Bergsteiger.

Beide wissen, dass ihre Sportart sie einem erhöhten Risiko aussetzt. In dem Moment, in dem sie nicht mehr bereit sind, dieses Risiko zu tragen, sollte das Motorrad in der Garage bleiben und die Steigeisen im Keller. Der wichtigste Punkt aber ist, dass wir als IKRK-Delegierte ja nicht zum Spass oder als Tourist in Konfliktregionen reisen, sondern um den Opfern von Gewaltkonflikten und Naturkatastrophen mit unserer humanitären Arbeit und nach strengen Regeln und Vorlagen zu helfen und sie zu schützen.

Sie sind gemeinsam mit Ihrer Frau und Ihrem knapp zweijährigen Sohn für das IKRK im Einsatz. Fürchten Sie manchmal um die Sicherheit Ihrer Familie?

AN: Nein. Da meine Frau ebenfalls IKRK-Delegierte ist, verstehen wir beide sehr gut, welchen Risiken wir als Familie ausgesetzt sind. Man darf nicht vergessen, dass auch für IKRK-Delegierte das grösste Risiko Verkehrsunfälle und tropische Krankheiten sind. Des Weiteren entlässt das IKRK Familien nur in ausgewählte Regionen in den Einsatz.

Woher nehmen Sie Ihre Energie, sich ganz der Hilfe für andere zu verschreiben?

AN: Ich kam als 34-Jähriger relativ spät zur humanitären Hilfe. Während meiner Ausbildungszeit und meinem beruflichen Einstieg hatte ich das Glück, auf ein unterstützendes familiäres Umfeld, qualitativ gute Ausbildungsmöglichkeiten sowie kantonale Stipendien zählen zu können. Für mich war es einfach an der Zeit, auch etwas für das mir entgegengebrachte Vertrauen zurückzugeben.

Also purer Altruismus?

AN: Natürlich würden rein altruistische Motive zu kurz greifen. Eine Prise Abenteuer- und Reiselust spielt sicher auch eine Rolle. Und wenn man erst einmal bei einer seriösen Organisation in der humanitären Hilfe tätig geworden ist, kommen Motivation und Energie von alleine – alleine schon dadurch, dass man das grosse Leid und die Gewalt, der die Opfer von Konflikten ausgesetzt sind, miterlebt.

Die humanitäre Hilfe steht immer wieder auch in der Kritik. So hat beispielsweise David Rieff, der selber für Menschenrechtsorganisationen im Feld tätig war, in seinem Buch «A Bed for the Night» kritisiert, humanitäre Hilfe bleibe wirkungslos, solange die internationale Gemeinschaft nicht willens sei, die Umsetzung der Menschenrechte zuoberst auf ihre politische Agenda zu setzen. Teilen Sie solche Aussagen?

AN: Ich verstehe die Aussage, aber ich teile sie nicht. Als IKRK-Delegierter bin ich weder Entwicklungshelfer noch Menschenrechtsaktivist. Die humanitäre Hilfe und das Mandat des IKRKs beziehen sich spezifisch auf den Schutz und die Unterstützung von Opfern eines Gewaltkonfliktes. Genau diese Nähe zu den Opfern, seien es Gefangene, Kämpfer oder Vertriebene, zeigt mir täglich, wie wichtig unsere Arbeit ist, auch wenn man es von aussen betrachtet oft als Sisyphus-Arbeit betrachten könnte.

Ich bestreite keineswegs, dass sich die humanitäre Hilfe noch verbessern könnte und politische Agenden oft einen negativen Einfluss haben. Nichtsdestotrotz bin ich zumindest von meiner beruflichen Tätigkeit überzeugt und darf öfters auch den Dank und ein Lächeln der Opfer entgegennehmen. Dies entschädigt auch für die vielen Unannehmlichkeiten und persönlichen Opfer.

Wie hat Ihre Arbeit fürs IKRK Ihre Sicht auf die Schweiz verändert?

AN: Ich glaube nicht, dass meine Arbeit meine Wahrnehmung und Wertschätzung meines Heimatlandes massiv verändert hat. Es waren wohl eher meine Reisen und das Kennenlernen verschiedener Kulturen dieser Welt, die vielleicht etwas verändert haben. Lustigerweise schätze ich heute gerade die typischen Klischees der Schweiz, z.B. die gute Organisation des täglichen Lebens und die professionelle Arbeitswelt, aber auch unsere Demokratie, den sozialen Frieden und die Sicherheit.

Würden Sie in der Schweiz gerne etwas ändern?

AN: Manchmal würde ich gerne das kleinkarierte und intolerante Denken einiger unserer Mitbürger ändern…

Die Schweiz rühmt sich gerne ihrer Neutralität, und auch das IKRK ist neutral. Erscheint Ihnen diese Neutralität nicht zuweilen feige – beispielsweise wenn das IKRK nicht berichtet über die Zustände in Gefängnissen?

AN: Nein, das hat für mich mit Neutralität nur wenig zu tun, sondern mehr mit den Arbeitsmodalitäten, die sich das IKRK selbst auferlegt hat und seit mehr als 150 Jahren umsetzt. Natürlich hat auch das IKRK einige eher unrühmliche Perioden hinter sich, beispielsweise während des Zweiten Weltkrieges.

Andere humanitäre Organisationen sind aber bewusst nicht neutral und prangern Missstände in Ländern auch an.

AN: Nicht alle humanitären Organisationen wenden die gleichen Arbeitstechniken an, oft ergänzen sie sich aber gerade deshalb sehr gut. Natürlich akzeptiere ich persönlich die Kritik, dass sich das IKRK zum Teil Grenzen auferlegt, die seine kommunikativen Möglichkeiten beschränken. Für das IKRK gilt aber klar der Grundsatz: «Do no harm – Richte keinen Schaden an.» Gewisse Handlungen und Informationen, auch wenn sie als humanitäre Aktionen gedacht sind, können eben auch Schaden anrichten. Daher beurteile ich diese Arbeitsweise nicht als feige.

Denken Sie zuweilen, Ihnen sei ein zweites Leben geschenkt worden?

AN: Nein, ich war mir immer relativ sicher, dass wir alle aus dieser heiklen Situation der Entführung wieder gesund herauskommen werden. Glücklicherweise hat sich dieses Gefühl bewahrheitet.

Zur Person: Andreas Notter

Der Lenzburger Andreas Notter (1971) studierte Geschichte, Politologie und Soziologie in Bern und Exeter (GB). 2006 wurde er Delegierter beim IKRK. Seine bisherigen Missionen führten ihn in die Zentralafrikanischn Republik, auf die Philippinen, nach Peru und Liberia und in den Irak. Notter ist verheiratet und Vater eines Sohnes.

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