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Die Wolgadeutschen zwischen Aufbruch und Vertreibung
Aus Kontext vom 23.06.2020.
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Vertrieben und vergessen Was von den Wolgadeutschen übrig blieb

Vor 80 Jahren zerschlug Stalin die Kultur der Wolgadeutschen in Russland. Ihre Nachkommen leiden – auch in der Schweiz.

Wenn mir meine Mutter die Geschichte meiner Vorfahren erzählt, muss ich weinen.
Autor: Irma Dill

Irma Dill ist Wolgadeutsche. Die Sozialpädagogin lebt seit acht Jahren in Zürich. Geboren wurde sie vor 40 Jahren in der damaligen Sowjetrepublik Turkmenistan.

Ihre Vorfahren wurden von Stalin 1941 nach Zentralasien deportiert. Bis dahin hatten sie im angestammten Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen gelebt: an der unteren Wolga, 800 Kilometer südöstlich von Moskau an der Grenze zu Kasachstan.

Eine Frau mit verschränkten Armen lehnt lässig gegen eine Wand.
Legende: «Man kennt die Wolgadeutschen schon gar nicht mehr», sagt Irma Dill. ZVG / Irma Dill

Die leidvolle Geschichte ihrer Volksgruppe beschäftige sie sehr, sagt Irma Dill. Das Los der Wolgadeutschen sei für viele – auch Junge – noch immer belastend: «Wir sind immer auf der Suche nach unseren Wurzeln. Wer sind wir?»

Ein Aufbruch voller Zuversicht

Dabei waren die Anfänge der Geschichte der Wolgadeutschen durchaus hoffnungsvoll. Auf Einladung von Zarin Katharina der Grossen wanderten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutsche Siedlerinnen und Siedler in grosser Zahl nach Russland ein.

Die bekannteste Kolonie war diejenige der Wolgadeutschen. Sie umfasste ein Gebiet von rund 30'000 Quadratkilometern. Es sei der Zarin darum gegangen, das fruchtbare aber noch unbewohnte Land im Süden Russlands zu besiedeln, sagt Nada Boškovska, Professorin für osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich.

Der Roman der Wolgadeutschen

Jetzt ist er endlich herausgekommen, nachdem er für Jahrzehnte verschollen war: der sagenumwobene Roman «Wir selbst» des wolgadeutschen Autors Gerhard Sawatzky. Er wurde 1901 geboren und war in den 1930er-Jahren eine der prägenden Figuren des kulturellen Lebens in der sowjetischen Republik der Wolgadeutschen.

In seinem Roman zeichnet Sawatzky ein eindrucksvolles Bild vom Leben der Wolgadeutschen in ihrem Siedlungsgebiet und von den – überzogenen – Zukunftshoffnungen, die viele im damaligen «neuen Russland» hegten.

Zu diesen gehörte auch Sawatzky selbst. In «Wir selbst» singt er mit starker ideologischer Schlagseite das Hohelied auf den Aufbau von Kolchosen oder auf die Industrialisierung. Kritik am brutalen Vorgehen der Kommunisten findet sich nur vereinzelt.

Dennoch genügte dies dem Regime offenbar, um den Roman zu verbieten und Gerhard Sawatzky 1938 in den Gulag zu verschleppen, wo er 1944 starb. Seine Witwe brachte das Urmanuskript des Romans rechtzeitig in Sicherheit.

Über Jahrzehnte hielten sich Gerüchte, wonach dieses Manuskript irgendwo noch existieren müsse. Tatsächlich gelangte es auf verschlungenen Wegen nach Moskau, wo es der in Giessen lehrende Germanist Carsten Gansel schliesslich aufspürte und nun erstmals herausbrachte.

  • Gerhard Sawatzky: Wir selbst. Herausgegeben von Carsten Gansel. Galiani 2020.

Deutsche Insel in Russland

Die Wolgadeutschen genossen viele Privilegien. So konnten sie sich etwa selbst verwalten oder durften ihre Religion behalten – das Luthertum oder den Katholizismus. Kontakte zu den Nachbarn – zu Russen, Ukrainern, Kalmücken – waren selten. «Man blieb unter sich», sagt Nada Boškovska.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die wolgadeutsche Bevölkerung auf rund 400'000 Menschen an und bildete mehr und mehr eine eigenständige Volksgruppe mit eigener Kultur.

Die Kommunisten und die Wolgarepublik

Nach der Oktoberrevolution sprachen die siegreichen Kommunisten unter Lenin den Wolgadeutschen eine eigene autonome Sowjetrepublik zu. «Das Ziel war es, die Wolgadeutschen für den Sozialismus zu gewinnen», sagt Nada Boškovska. Tatsächlich förderte der junge Sowjetstaat die wolgadeutsche Kultur.

Mit der politischen Autonomie war es indessen nicht weit her: Da habe das Diktat der Partei gegolten, wie überall im Land. Entsprechend blieb auch die Wolgarepublik von der brutalen Kollektivierung der Landwirtschaft ab Ende der 1920er-Jahre nicht verschont. Ebenso wenig vom grossen stalinistischen Terror ein paar Jahre später.

Dennoch bedeutete die kommunistische Wolgarepublik für viele Wolgadeutsche eine Zeit des kulturellen Aufbruchs – mit deutschsprachigen Zeitungen, Verlagen, Theatern, Bibliotheken. Bis 1941. Dann war Schluss.

Das Fanal

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verfügte Stalin die Deportation sämtlicher Wolgadeutscher nach Zentralasien oder Sibirien. Der Diktator bezichtigte sie – völlig zu Unrecht – der Kollaboration mit dem Feind.

Es war das Ende der einzigartigen wolgadeutschen Kultur. Stalin liess die Wolgadeutschen in Arbeitsbrigaden schuften. Zahllose überstanden das Martyrium nicht.

Das Schwarzweiss-Foto einer vielköpfigen Familie.
Legende: Wurden nach Zentralasien deportiert: die Vorfahren der Wolgadeutschen Irma Dill. ZVG / Irma Dill

Unter den Überlebenden waren Irma Dills Grosseltern. Eine Rückkehr in die Wolgarepublik blieb ihnen jedoch – wie fast allen Wolgadeutschen – für immer verwehrt. Irma Dills Mutter kam in Turkmenistan zur Welt.

Die Ausreise

Ab den 1970er-Jahren – und dann vor allem nach der Wende – reisten mehr als zwei Millionen Russlanddeutsche nach Deutschland aus. Einige Dutzend gelangten auch in die Schweiz. Mit im Gepäck eine Geschichte, die weder in Ost noch West ausdrücklich als Unrecht benannt und anerkannt ist.

«Man kennt die Wolgadeutschen schon gar nicht mehr», sagt Irma Dill. «Das schmerzt.» Sie müsse ihre Herkunft hier im Westen immer wieder erklären, auch gebildeten Leuten.

«Das Schlimmste ist, dass man unser Los schlicht vergisst», sagt sie. «Dabei ist es doch so: Nur wenn man die Erinnerung wachhält, lässt sich vermeiden, dass sich Derartiges je wiederholt.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 24.6.2020, 09:03 Uhr

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