Vom Risiko, selbst zu denken: ein Gespräch

Sie ist eine ehemalige Gefängnisdirektorin und hat viel über Machtverhältnisse nachgedacht. Er ist Soziologe und hat die Stiftung für Zukunftsfähigkeit ins Leben gerufen. Ihre erste Begegnung ist ein Gespräch über fünfeinhalb Stunden. Und eine Premiere auf Radio SRF 2 Kultur.

Ein Graffiti auf einer Hauswand: Viereckiger Kopf, Augen geschlossen.

Bildlegende: «Verlasst die Komfortzonen des gewohnten Denkens», lautet der Grundtenor des Gesprächs. Flickr/Alexandre Dulaunoy

Zum Beispiel die elektrische Pfeffermühle. Sie sei völlig überflüssig. Und Ausdruck unserer Zeit. Einer Zeit, die Ressourcen verschwende, nur um Mehrwert hervorzubringen. Mehrwert um des Mehrwertes willen. Davon schreibt der Soziologe Harald Welzer in seinem neusten Buch «Selbstdenken – Eine Anleitung zum Widerstand».

Eine elektrische Pfeffermühle habe ihr schon gute Dienste geleistet, widerspricht Marianne Heimoz. Sie habe eine leichte Behinderung an der rechten Hand und der Luxus einer elektrischen Pfeffermühle erleichtere ihr das Leben. 1:0 für Heimoz.

Kapitalistische Verwertungslogik

Im Prinzip aber gibt Marianne Heimoz Harald Welzer Recht. Im Prinzip leide die Welt an einem Zuviel an Material, an Waren, an Konsumgütern. Alle hergestellt allein um der kapitalistischen Verwertungslogik zu folgen.

Bereits nach einer knappen Stunde schiebt die Gesprächsleiterin Susanne Brunner das vorbereitete Konzept beiseite. Das Gespräch sucht sich seine eigenen Wege und nimmt unerwartet Fahrt auf.

Die Macht der kleinen Schritte

Marianne Heimoz ist ehemalige Gefängnisdirektorin des Frauengefängnis Hindelbank und seit zwei Jahren in Pension. Sie reagiert äusserst sensibel, sobald es um das Thema Macht geht. Harald Welzer formuliere zwar sehr pointiert, meint sie, zum Teil aber auch polemisch.

Mit den Thesen in seinem Buch könne sie nur teilweise etwas anfangen. Beispielsweise mit These 10, die lautet: «Sie haben keine Verantwortung für die Welt.»

Welzer klärt, erklärt. Klug und überzeugend. Spricht von der Macht der kleinen Schritte, politisch oder individuell. Er führt aus, weshalb die wohlfeil übernommene Verantwortung für das grosse Ganze im Zweifelsfall nur lähme, Depressionen oder Ressentiments hervorbringe, selten aber Taten.

Ja, es liege im Kleinen, bestätigt Marianne Heimoz und erzählt vom Gefängnisalltag, vom Duzen und Siezen, von der fehlenden Zeit für Zuwendung gegenüber den Insassinnen, von Bürokratie und steigendem Verwaltungsdruck.

Und sie spricht von Macht und konstatiert. «Härte gegen sich selbst ist schwieriger zu leben, als Härte gegen andere.»

Verlasst die Komfortzonen!

«Riskieren» ist das Thema, und tatsächlich schwingt es die ganzen fünfeinhalb Stunden mit. Grundtenor: Verlasst die Komfortzonen! Die Komfortzone des gewohnten Denkens, die Komfortzone des unwidersprochenen Konsumerismus.

«Beginnen ist zuweilen wichtiger, als zu Ende zu führen», sagt die Praktikerin Heimoz irgendwann und gibt damit dem Theoretiker Welzer ein weiteres Bonmot für seinen rhetorischen Werkzeugkasten.

Die Gesprächsleiterin nimmt auf, führt weiter, lässt laufen, lenkt. Nach fünfeinhalb Stunden wirken Brunner, Heimoz und Welzer aufgekratzt und keinesfalls müde.

Das bisher längste Gespräch auf dem Sender könnte durchaus noch weiter gehen. Und geht es auch. Im Kopf derer, die zuhören.