Grenzen der Demokratie «Wähler sind nicht orientierungslos»

Der amerikanische Philosoph Jason Brennan will die Demokratie abschaffen und eine Eliteherrschaft der Informierten bilden. Sein Schweizer Kollege Francis Cheneval widerspricht.

Zwei Frauen stimmen ab.

Bildlegende: Leute mit beschränktem Horizont sollten ihre Stimme nicht abgeben, fordert der US-Amerikaner Jason Brennan. Getty Images

  • Der US-amerikanische Philosoph Jason Brennan will mit der Demokratie Schluss machen. Denn viele Leute seien nicht schlau genug.
  • Er will stattdessen eine sogenannte Epistrokratie einführen: eine Herrschaft der Gebildeten.
  • Der Zürcher Philosophie-Professor Francis Cheneval widerspricht. Er sagt: Auch in einer komplizierten Welt sind Wähler nicht orientierungslos.

In der westlichen Welt sind viele Menschen demokratiemüde. Als Ursache sehen die einen die Wirren unserer Zeit. Für andere liegt es an den Bürgerinnen und Bürgern selbst, die schlicht zu desinteressiert und ungebildet seien, um die komplizierten Abläufe demokratischer Prozesse zu durchschauen.

Eine neue Herrschaft der Gebildeten

Zu dieser Fraktion zählt auch der amerikanische Philosoph Jason Brennan, der mit seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch «Gegen Demokratie» für Zündstoff sorgt.

Er bestreitet vehement, dass «das» Volk schlau genug sei, um überhaupt mitreden zu dürfen. Er will anstelle der Demokratie eine sogenannte Epistokratie, eine Herrschaft der Gebildeten, einrichten.

Hooligans, Vulkanier und Hobbits

Um diese Forderung zu belegen, teilt er die Wähler in drei Gruppen ein: Die Hobbits, die Hooligans und die Vulkanier.

Speziell die ersten beiden Gruppen, welche die grosse Mehrheit bilden, seien ungeeignet, mitzuentscheiden. Zum einen seien die Hobbits zu selbstgenügsam, zu desinteressiert und lasch, um sich mit abstrakten Prozessen auseinander setzen zu wollen.

Eine zweifelhafte Haltung

Die zweite Gruppe, die Hooligans, sei zu verbissen, zu kämpferisch und unfähig zu Kompromissen. Von der dritten Gruppe, den Vulkaniern, gebe es schlicht zu wenige, um regieren zu können.

Es brauche also, sagt Brennan, eine Eliteherrschaft von hinreichend gebildeten Bürgerinnen, die dieses hehre Amt des Mitentscheidens ausüben könnten.

Einer, der Zweifel hegt, ist der in Zürich tätige Philosophieprofessor Francis Cheneval. Er nimmt eine Gegenposition zu Brennan ein und begründet, warum die Schweiz – einmal mehr – ein Spezialfall ist.

SRF: Wo liegt für Sie der grösste Unterschied zwischen der amerikanischen und der schweizerischen Demokratie?

Francis Cheneval: Wir haben keinen Präsidenten und keine Verfassungsgerichtsbarkeit, dafür direkte Demokratie auf Bundesebene und eine Konkordanz-Regierung, bei der Verständigungsbereitschaft und informelle Regeln eine wichtige Rolle spielen.

Ausserdem verstehen wir die demokratischen Prozesse als «ergebnisoffene Verfahren». Das rein instrumentelle Verständnis der Demokratie scheint mir fehlerhaft.

Brennan teilt die Wähler in drei Gruppen ein: die Hobbits, die Hooligans und die Vulkanier. Ein zu einfaches Weltbild?

Natürlich ist das eine starke Vereinfachung – aber seine Sicht ist modellhaft. Dabei geht vergessen, dass wir schon heute stark unter der Herrschaft von Experten stehen, ohne als Hobbits oder Hooligans durch die Welt zu gehen.

Aber auch in einer komplizierten Welt sind wir Wählerinnen und Wähler nicht orientierungslos. Selbst bei komplexen Fragen greifen wir auf die Meinung der Experten zurück, denen wir vertrauen und wissen genau, dass sich die ja auch nicht einig sind und oft sogar umstritten ist, wer als Experte gilt. Somit ist das Stimm- oder Wahlvolk eigentlich so etwas wie ein Schiedsgericht der konkurrierenden Expertenpositionen.

«  Wenn Menschen gemeinsam handeln und die Konsequenzen des Handelns selber tragen müssen, ist die Kompromissfindung viel eher begünstigt. »

Viele Kenner der Materie bezweifeln, dass die Menschen die teilweise schwierigen demokratischen Prozessen verstehen können. Ausserdem scheinen sich zunehmend politisch verfeindete Lager zu bilden, die keine Kompromisse mehr eingehen können. Somit hätte Brennan mit seinen Hooligans nicht Unrecht.

Brennan verliert das Wesentliche der Demokratie aus den Augen: die Rechenschaftspflicht der Regierenden gegenüber allen Herrschaftsunterworfenen und die Verständigungsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger. Nicht so sehr ihr politisches Fachwissen, sondern die Verständigungsbereitschaft ist der eigentliche Sauerstoff der Demokratie.

Wenn Menschen gemeinsam handeln und die Konsequenzen des Handelns auch selber tragen müssen, dann ist die Kompromissfindung viel eher begünstigt. Das ist auf den verschiedenen politischen Ebenen in der Schweiz der Fall.

Muss man Brennan also als Antidemokraten einschätzen?

Wenn man ihn beim Wort nimmt, ja. Die Demokratie ist unvollkommen, sie aber deswegen durch eine Epistokratie zu ersetzen, ist falsch. Wenn die Experten selbst bestimmen, wer die Experten wählen darf, kommt es zu einem oligarchischen Teufelskreis.

Dass das öffentliche Schulsystem in den USA vernachlässigt wurde, mag sich nun rächen. Aus diesem Defizit heraus eine Begründung für die Epistokratie herzuleiten, ist ein Irrtum.

Sendung: Sternstunde Philosophie, 30.04.2017, 11:00 Uhr.

Zur Person

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Francis Chevenal (geb. 1962 in Bern) ist Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich.

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