Warten, um seine Zeit nicht zu verlieren

Warten ist ein Zwischenraum, dem wir viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Doch was bedeutet es, zu warten? Was ist Warten für ein Zustand? Ist Warten Glück? Von der Antike bis zur Moderne: Was Warten bedeuten kann.

Eine Frau wartet auf einer Bank. Sie scheint auf die U-Bahn zu warten.

Bildlegende: Kann Warten schön sein? Flickr

Warten ist schön. Ich warte gern. Am liebsten in einem vernachlässigten Wartesaal oder einer altmodischen Hotel-Lobby. Plüschig muss sie sein und etwas abgeschabt, einen guten Negroni wird sie haben und die Patina vieler vergangener Wartestunden. Ein Zwischen-Raum muss sie sein, ein Nicht-Ort, der seine Besucher der vorbeijagenden Endlichkeit für eine Warteweile enthebt.

In einem Theater von Christoph Marthaler würden die Gäste, die wären wie der Ort selbst – ein wenig abgelebt, aber nicht welk, manchmal ein bisschen wunderlich, aber auf keinen Fall nervös –, dann unversehens anfangen zu summen. Ein altes Volkslied vielleicht oder einen schäbigen Schlager. Eine Melodie, die von kleinen Sehnsüchten erzählt und grossen Utopien.

Warten hebt das Glück auf

Im Bahnhof oder in meiner Hotellobby ist mir das noch nie passiert. Aber: Im Warten ist das Glück aufgehoben, im dialektischen Doppelsinn. Nicht erst seit Christoph Marthaler, auch schon Homers Penelope könnte ein Beispiel sein. Die nachts immer auftrennte, was sie tagsüber gewoben hatte, um mit dem Tuch nicht fertig zu werden, bis ihr Odysseus nach Hause käme. Zwanzig Jahre lang hat sie auf ihn gewartet. «J'attendrai», hätte sie singen können, wie 3000 Jahre nach ihr die französischen Soldatenfrauen: «le jour et la nuit, j'attendrai toujours ton retour». Und der Philosoph Roland Barthes hat angemerkt, dass Lieben und Warten ohnedies in eins fallen, ihrer Bestimmung nach sesshaft, unbeweglich, verfügbar und Ausschau haltend.

«Rêver, c'est le bonheur, attendre, c'est la vie» (Träumen ist Glück, warten ist das Leben), meinte Victor Hugo. Das Warten gehört zur Condition humaine – und schärft den Blick für die eigene Endlichkeit. Auch Vladimir und Estragon, die existentialistischen Wartenden bei Samuel Beckett, wissen das, «rittlings über dem Grab geboren», und die mittelalterlichen Mönche hätten nichts anderes gesagt, die ihr kurzes Leben damit verbrachten, Erfahrung für die Ewigkeit zu «warten», in der anderen Bedeutung des Worts: eine Sache instand halten. Warten meint ja nicht bloss Ausharren, sondern in erster Linie «auf etwas achtgeben».

Ein Wartender verliert keine Zeit

Was ist Warten für ein Zustand? Wenn wir Albert Camus glauben wollen, der allerbeste. Im Roman «La peste» empfiehlt ein junger Mann, die Zeit in ihrer ganzen Länge zu empfinden: «Tage im Wartezimmer eines Zahnarztes auf einem unbequemen Stuhl verbringen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verleben; sich Vorträge in einer Sprache anhören, die man nicht versteht; die längsten und am wenigsten bequemen Eisenbahnverbindungen aussuchen und natürlich stehend reisen; an der Theaterkasse Schlange stehen und dann seine Karte nicht benutzen». Nur im Warten, sagt er, wird man seine Zeit nicht verlieren.

Man muss sich den Wartenden als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Adventsserie «Warten»

SRF Kultur widmet dem «Warten» als Alltagsphänomen und Lebensbild eine vorweihnachtliche Serie. Vom 1. und dem 24. Dezember sind die Beiträge jeweils werktags kurz nach 8:00 Uhr und kurz vor 17:00 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.
Hier kann eine Auswahl der Beiträge online angehört werden.