Warum uns Täter faszinieren

Immer wieder lesen wir Berichte über geradezu bestialische Gewaltverbrecher. Und obwohl deren Taten schrecklich sind, üben sie eine Faszination aus – manchmal sogar auf die Opfer selber. Wie ist das möglich? Borwin Bandelow sucht in seinem neuen Buch nach Antworten.

Porträt von Josef Fritzl.

Bildlegende: Der Österreicher Josef Fritzl, der seine Tochter während 24 Jahren gefangen hielt und immer wieder missbrauchte. Keystone

Diese Seiten sind nichts für zarte Gemüter: Von abgetrennten Köpfen im Kühlschrank ist die Rede. Von Menschen, die mit Genuss menschliche Innereien verzehren – und das in blitzblanken Küchen. Sogar der Autor schreibt einmal, dass er manchmal nach einem Gespräch mit einem Täter oder Opfer sich zuerst einmal einen doppelten Whiskey zu Gemüte führen musste.

Gespräche mit Tätern und Opfern

Borwin Bandelow geht in seinem Buch «Wer hat Angst vorm bösen Mann?» der Frage nach, was sich abspielt im Gehirn von Menschen, die andere Menschen entführen, foltern, vergewaltigen oder ermorden. Oder die ihre Kinder jahrzehntelang einsperren, um sie zu missbrauchen und zu quälen. Ihn interessiert, wie «das Böse» entsteht und wodurch man es vielleicht verhindern könnte. Und besonders auch: Wie ist es möglich, dass Aussenstehende das Böse so fasziniert?

Um Antworten darauf zu finden, hat er den direkten Kontakt mit Straftätern und Opfern gesucht. Er verfolgt ihre Biografien und untersucht, warum sie teilweise geradezu unangefochten unter dem Auge der Polizei und der Nachbarn ihrem Tun nachgehen konnten.

Die perfekte Täuschung

Das alles setzt Bandelow in Zusammenhang mit aktuellen psychologischen und neurobiologischen Studien. Er sucht Antworten auf Fragen wie: Warum schreiben Frauen einem Mehrfachvergewaltiger heisse Liebesbriefe ins Gefängnis? Warum hängen teilweise die Opfer an ihren Peinigern? Was passiert im Gehirn, wenn sich solch merkwürdige Allianzen bilden?

Dabei interessiert Bandelow insbesondere den Aspekt, wie gut uns Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen täuschen können: Wie ist es möglich, dass ein Mensch so offenbar charmant, einfühlsam, und anziehend wirken kann, dessen Seele aber von Hass geprägt sein muss?

Bandelow kommt zum Schluss, dass dieses Verhalten nur Mittel zum Zweck ist, also um zu quälen und zu morden. Mit diesen Fähigkeiten würden die Täter nicht minder effektiv Gutachter und Staatsanwälte täuschen. Ausserdem hätten viele der Täter willfährige Frauen, die ihnen behilflich sind – beispielsweise, um junge Mädchen zu kidnappen und in ihre Gewalt zu bringen.

Wie umgehen mit den Tätern?

Das Buch besteht vor allem aus Fallgeschichten und Analysen. Einerseits nimmt Bandelow Sektenführer oder Diktatoren unter die Lupe, die ganze Massen in ihren Einflussbereich bringen. Andererseits Menschen, die für ihre jeweiligen Führer schuften und sich demütigen lassen – und auf Befehl hin bereit sind, Böses zu tun, während sich die erkorenen Heilsbringer dem süssen Leben hingeben.

Schliesslich setzt der Autor nicht nur auf diese Figuren und Geschichten. Er beschäftigt sich auch mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft und überlegt, wie wir mit den Tätern umgehen sollen. Es sei nun einmal so, dass von 100 Straftätern erfahrungsgemäss zwei wieder Übles tun werden – aber wer findet diese beiden darunter? Und darf man deshalb die 98 anderen für immer verwahren?

Gefragt ist eine gesunde Portion Skepsis

Insgesamt zielen Bandelows Ausführungen darauf hin, wie wir uns schützen können, Opfer manipulativer Unterdrücker zu werden. Mit seinem Buch zeigt er die Mechanismen, die die unheilige Allianz zwischen Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen und ihren durch eine unheimliche Macht gesteuerten Opfern entsteht. Auch wer intelligent und innerlich gefestigt sei, könne auf solche Manipulatoren hereinfallen.


Buchbesprechung von Angelika Schett

5:07 min, aus Kultur kompakt vom 29.05.2013

So rät der Autor seinen Lesern in allen Bereichen Skepsis vor Menschen, die uns umgarnen, aber in Wahrheit nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Die Frage ist also: Wo hört die harmlose Faszination für bestimmte Menschen auf, und wo beginnt die Verblendung?

Borwin Bandelow

Geb. 1951 in Göttingen. Bandelow ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und arbeitet an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Er zählt zu den weltweit führenden Angstforschern und ist Autor von Büchern wie «Das Angstbuch», «Celebrities» und «Das Buch für Schüchterne».

Buchhinweis

Borwin Bandelow: «Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren.» Rowohlt, 2013.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Das Böse

    Aus Kulturplatz vom 3.4.2013

    Menschen foltern, entführen, vergewaltigen, morden. Menschen quälen. Menschen begehen abscheuliche Verbrechen. Der deutsche Psychiater und Angstforscher Borwin Bandelow vermutet in seinem neuen Buch «Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren» den Ursprung des Bösen in der menschlichen Hirnchemie. Demnach leiden «böse Menschen» an einem konstanten Mangel an Endorphinen, den sie mittels brutaler Machtausübung auf andere Menschen auszugleichen versuchen.

    Sibilla Semadeni

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