Das Ende einer Tradition: Beten ohne Räucherstäbchen

Seit Jahrhunderten werden in Asien Räucherstäbchen angezündet. Doch diese Tradition stösst vermehrt auf Widerstand. Aus Umweltschutzgründen hat ein bekannter Tempel in Taiwan die Stäbchen verboten.

Gläubige stehen und knien in einem Tempel, die Hände gefaltet

Bildlegende: Keine Rauchzeichen mehr an die Götter. In diesem Tempel beten die Gläubigen nur noch mit gefalteten Händen. SRF/Mario Aldrovandi

«Ist die Luft nicht angenehm?», fragt Meister Li und lächelt. Der taoistische Priester in der blauen Robe führt durch den Innenhof des Xingtian Gong. Sein Tempel hat vor vier Monaten ein Verbot für Räucherstäbchen eingeführt. Dort, wo vorher Rauchschwaden an den Gläubigen vorbeizogen, weht nun eine frische Winterbrise.

Mit sechs Millionen Besuchern im Jahr gehört die taoistische Anlage zu den bekanntesten und beliebtesten Tempeln auf der Insel Taiwan. Man habe zuerst sogar die Gottheit um Erlaubnis gefragt, rechtfertigt Meister Li das Verbot. Dazu warf die Tempelleitung zwei halbmondförmige Holzstücke zu Boden. Guangong – die bärtige Hauptgottheit des Tempels – habe sofort zugesagt, freut sich der Priester. Ausserdem habe der Gott das früheste mögliche Datum ausgewählt.

Schlecht für Umwelt und Gesundheit

Von einem Tag auf den anderen wurde eine jahrhundertealte Tradition untersagt. Umweltschutz und Gesundheit sind dafür die Hauptgründe. Die Räucherstäbchen verursachen Feinstaub und enthalten je nach Hersteller giftige Stoffe wie zum Beispiel Benzol.

Anstatt die Räucherstäbchen in den Händen zu halten, beten die Besucher nun einfach mit gefalteten Händen. So auch Lin Zecheng, der seit seiner frühesten Kindheit den Tempel besucht. Der 28-jährige Angestellte sagt, er habe sich erst daran gewöhnen müssen, aber grundsätzlich könne er auch ohne Stäbchen beten. «Ausserdem riechen die Kleider nach dem Besuch jetzt nicht mehr nach Rauch.»

Direkt aus dem Herzen beten

Auch Meister Li kann dem Verbot nichts Negatives abgewinnen. Anstatt mit rauchenden Stäbchen in den Händen, könnten die Gläubigen doch einfach direkt aus dem Herzen beten. Dies gefalle den Göttern sowieso am besten.

Das Verbot sorgte auf der Insel jedoch für heftige Diskussionen. So fragten auch Taiwans Medien, ob ohne die Stäbchen nicht etwas fehle. Viele taiwanische Gläubige sehen den aufsteigenden Rauch als ein Symbol dafür, direkt mit den Göttern zu kommunizieren.

Ladenbesitzer sind verärgert

Besonders unzufrieden mit der neuen Regelung sind die Ladenbesitzer, die sich um den Tempel herum eingenistet haben. Einige Geschäfte verkauften seit mehreren Generationen Räucherstäbchen an die Besucher.

Umweltschutz sei gut und recht, sagt etwa Ladenbesitzer Guo, ob die Räucherstäbchen wirklich so schädlich seien, bezweifle er. Er sei in seinem Geschäft an der Hauptstrasse auch Autoabgasen ausgesetzt. «Dann müsste man ja auch die Autos und Motorräder verbieten», ärgert er sich.

Auch Opfergaben werden verboten

Meister Li trägt ein blaues Hemd, lächelt in die Kamer. Im Hintergrund der Eingang zum Tempel.

Bildlegende: Meister Li freut sich über seinen rauchfreien Tempel. Martin Aldrovandi

80 Prozent Umsatzeinbusse habe er in den vergangenen Monaten hinnehmen müssen, sagt Guo. Von den vorher acht Angestellten, hat er inzwischen sechs entlassen. Auf der Ladentheke stapeln sich nun Kekse, Getränke und Blumen, die die Besucher als Opfergaben kaufen können. Doch auch Lebensmittel sind im Tempel inzwischen verboten, solche Opfergaben seien Verschwendung.

Meister Li indes besteht darauf, dass die neuen Bestimmungen bei den Besuchern gut ankämen, deren Anzahl sei seit dem Verbot nicht zurückgegangen. Nach zwanzig Minuten steht Lin Zecheng vor der Strassenkreuzung am Ausgang des Tempels.

Ein wenig vermisse er die Räucherstäbchen schon, gesteht Lin dann doch. Schliesslich verbinde er mit dem Rauch viele Erinnerungen an seine Kindheit. Wenn ihn die Nostalgie überkomme, besuche er einfach einen Tempel, in dem die Stäbchen noch erlaubt sind.

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