Odyssee durch Europa Wenn der Traum vom besseren Leben platzt

Der Tunesier Lassad Rebai protestierte gegen Ben Ali. Die Revolution veränderte sein Leben dennoch nicht und er floh nach Europa. Doch was ihm hier widerfuhr, enttäuschte den 27-Jährigen sehr.

Mehrere farbige Container übereinander gestapelt.

Bildlegende: Viele Flüchtlinge suchen verzweifelt eine Beschäftigung, die das Warten auf Arbeit oder Papiere erleichtert. Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Der junge Tunesier Lassad Rebai engagierte sich während der tunesischen Revolution und wird dabei schwer verletzt.
  • Er flüchtete aus seinem Dorf, da es dort keinerlei Perspektiven gibt. Erste Station: Lampedusa.
  • Nach einer Odyssee durch Europa macht ihn das Warten mürbe: Er bekam keine richtige Arbeit und hat keine Freunde.
  • Lassad Rebai riskierte einen kompletten Gesichtsverlust in seiner Heimat und ging zurück nach Tunesien.

Das Dorf, in dem Lassad Rebai lebt, liegt weit weg von Stränden und Sehenswürdigkeiten. Es heisst Chorbane. Ausser einem lauten Kaffeehaus, in dem nur Männer verkehren, ausgedehnten Olivenhainen, kleinen Gemüsefeldern und Feigenkaktus-Hecken gibt es dort nichts. Nichts auf jeden Fall, das einen jungen Mann zum Bleiben veranlassen könnte.

Ein Mann mit Kopfhörern im Ohr.

Bildlegende: Europa ist für Lassad Rebai das Land der geplatzten Träume. SRF/Beat Stauffer

Bisher wenig Glück gehabt

Lassad Rebai ist ein kräftiger, ernsthafter junger Mann. Er trägt eine schwarze Lederjacke und einen hellen Pullover. Sein Kinnbart ist akkurat gestutzt, sein Blick traurig. Er ist kein Blender, kein Charmeur. In seinem Leben hat Lassad Rebai bis anhin wenig Glück gehabt.

Als Lassad Rebai sein Land verliess, war er 22 Jahre alt. Die Schule hatte er frühzeitig verlassen, um seine Familie zu unterstützen. Zu einem Hungerlohn arbeitete er in einem kleinen Restaurant.

Dann brachen die Aufstände aus. Lassad Rebai ging, wie die meisten jungen Leute, auf die Strasse und schrie seine Wut gegen die Regierung und gegen die Verhältnisse aus sich heraus. Eine Kugel traf ihn und verletzte ihn schwer.

Europa wartete nicht auf Lassad Rebai

Ende 2011 fasste Lassad Rebai den Entschluss, nach Europa zu emigrieren. Wie viele andere gelangte er via Lampedusa nach Italien. Dort schlug er sich durch – und merkte schon bald, dass man in Europa nicht auf ihn gewartet hatte.

Einige Monate später versuchte er sein Glück in Deutschland. Doch auch dort stiess er auf zahlreiche Schwierigkeiten. Die Menschen, die mit denen er zu tun hatte, erlebte er als eher kalt und ablehnend.

Lassad Rebai reiste weiter in die Schweiz. In Basel wurde er in einer Empfangsstelle in der Nähe der deutschen Grenze untergebracht. Später wurde der junge Mann an andere Orte verlegt. Lassad Rebai erinnert sich: Aarau, Bremgarten, Lyss.

Keine Arbeit, keine Perspektive

Was er vorfand, entsprach allerdings in keiner Weise seinen Vorstellungen. Das Leben in den einfachen Gruppenunterkünften erlebte er als langweilig und monoton. Vor allem aber fand er keine Arbeit. Denn deswegen war er nach Europa gekommen: um seine Familie zu unterstützen und sich eine Zukunft aufzubauen.

Freunde rieten ihm, mit seiner Schussverletzung ein Asylgesuch zu stellen. Nach mehreren Monaten wurde Lassad Rebai tatsächlich Asyl gewährt. Dennoch war der junge Mann nicht zufrieden.

Die Arbeiten, die ihm in seinem Durchgangszentrum angeboten wurde, waren nur symbolisch entlöhnt. Und wegen seiner fehlenden Sprachkenntnisse hatte er kaum Chancen auf eine reguläre Arbeit.

Letzter Versuch in Frankreich

Lassad Rebai ging es nicht gut in der Schweiz. Es sei zwar ein schönes Land, und die meisten Leute seien anständig mit ihm umgegangen, sagt er im Gespräch in einem Café in Tunis. Zudem fehlten ihm seine Familie und seine Freunde.

Nach Monaten des Wartens und der vergeblichen Arbeitssuche entschloss sich Lassad Rebai, einen letzten Versuch zu wagen. Er zog weiter nach Frankreich. In der Nähe von Paris lebt ein Onkel. Dieser bot ihm zwar für ein paar Tage Unterkunft, konnte ihm aber nicht wirklich helfen.

Ein Flugticket und Taschengeld

Alle Türen waren verschlossen. Lassad Rebai hatte kein Geld und wusste weder ein noch aus. Er übernachtete auf Bahnhöfen und in Parks. Sein Projekt, in Europa Fuss zu fassen, war offensichtlich gescheitert.

In dieser hoffnungslosen Situation wandte sich Lassad Rebai nach langem Zögern an die tunesische Botschaft. Dazu musste er, so ist seinen Schilderungen zu entnehmen, viel Scham überwinden. Dort erhielt er ein Flugticket und etwas Taschengeld.

Mit leeren Händen zurück in der Heimat

Wenig später kam der mittlerweile 25-jährige Lassad Rebai wieder in seinem Dorf in der Provinz Mahdia an. Mit leeren Händen nach Hause zu kommen, bedeutet in Tunesien ein vollständiger Gesichtsverlust. Wie Lassad mit dieser Herausforderung umgegangen ist, lässt sich nur erahnen.

Nun hält sich der junge Mann mit Gelegenheitsjobs über Wasser. An eine Heirat ist vorderhand nicht zu denken, an eine eigene Wohnung ebenso wenig. Lassad Rebais Traum von Europa hat sich auf brutale Weise zerschlagen.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext, 10.3.2017, 9:02 Uhr.

Tunesische Flüchtlinge

Nach dem Ausbruch der Revolution haben etwa 40'000 junge Tunesier ihr Land in Richtung Europa verlassen. «Harraga» (Bedeutung: die, die Einwanderungspapiere verbrennen) werden sie in Tunesien genannt. Die meisten haben kein Asyl erhalten. Viele sind nach Tunesien zurückgekehrt. Lassad Rebai ist einer von ihnen.

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