Zum Inhalt springen

Postfaktisches Zeitalter Wenn's so weitergeht, ist die Erde bald wieder eine Scheibe

Der dänische Philosoph Vincent Hendricks leitet das weltweit einzige Institut zur Erforschung von Fake News, Shit Storms und Filterblasen. Er warnt, wir würden Gefahr laufen, hinter das Zeitalter der Aufklärung zurückzufallen.

Legende: Video Vincent F. Hendricks: Gefangen in der Filterblase? abspielen. Laufzeit 57:00 Minuten.
Aus Sternstunde Philosophie vom 03.09.2017.

Er sieht so gar nicht aus wie ein Philosoph. Eher wie ein Türsteher. Vincent Fella Hendricks. Von Haus aus ist er Logiker und beschäftigte sich über Jahre mit spitzfindigen mathematisch-philosophischen Problemen.

Doch dann, vor ein paar Jahren, fragte ihn sein 17-jähriger Sohn: «Paps, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und ist das wichtig?». Das war der Moment als Hendricks erkannte, dass er als Forscher eine Verantwortung trägt, für die Welt und für zukünftige Generationen.

Hendriks erforscht die Potenziale von Filterblasen

Seither untersucht er mit seinem logisch geschulten Denken ein Phänomen, das laut dem World Economic Forum zu den grössten Herausforderungen unserer Zeit zählt: Fehlinformation im Internet.

Vor zwei Jahren gründete er das «Center for Information and Bubble Studies (CIBS)», Link öffnet in einem neuen Fenster an der Universität Kopenhagen. Es ist das weltweit einzige Institut zur Erforschung von Fake News und Filterblasen.

Hendricks vergleicht Filterblasen mit Blasen aus anderen Bereichen, etwa aus der Wirtschaft. Dort spricht man von einer Blase, wenn ein Gut zu Preisen weit über seinem Wert gehandelt wird.

Die Preise im Internet sind nicht monetär, sondern sozial

Auch im Internet gibt es dieses Phänomen. Die Preise im Internet sind nach Hendricks jedoch nicht monetär, sondern sozial: Es geht um Macht, Status, Sichtbarkeit. Die Investoren, das sind wir alle, indem wir unsere «Likes» platzieren und Informationen teilen. So manövrieren wir uns allmählich in eine Filterblase, in die nur noch das eindringt, wovon Algorithmen denken, dass wir darauf abfahren.

Aber gab es diese Phänomene nicht schon früher, vor dem Internet? Lebte die Grossmutter in ihrem Dorf nicht auch in einer solchen Blase, und gab es da nicht auch Gerüchte?

Billige Information macht Politik oder Geld

Falschmeldungen gab es schon früher, bestätigt Hendricks, doch heute werden sie übers Internet und die sozialen Medien in Sekundenschnelle geteilt und erzielen eine ungeheure Reichweite.

Zudem seien Fake News oft eine Mischung aus Wahrheit und Unwahrheit, passgenau auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten. Billig hergestellte Information, die Klicks generieren soll. Die einen wollen damit Politik machen, andere einfach Geld. Je spektakulärer die Neuigkeit, desto höher die Klickzahlen, desto mehr Geld für Werbung.

Dagegen habe es die Wahrheit heute schwer, meint Hendricks, denn sie sei teuer zu produzieren und oft weniger interessant als billige Fake News, die schnell die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und «viral» geteilt werden. Für den seriösen Journalismus stelle das eine enorme Herausforderung dar.

Ein Online-User ist kein Kunde – sondern ein Produkt

Hendricks will uns klarmachen, dass wir User keine Kunden sind, sondern Produkte: «Das Geschäft der sozialen Medien besteht darin, durch Information die Aufmerksamkeit der Menschen anzuziehen und diese Aufmerksamkeit dann an die Werber zu verkaufen.»

Zusätzlich zum Produkt sind wir aber auch Journalisten und Reporter: Wir alle können Informationen generieren, publizieren, kommentieren. Das bedeutet, wir alle tragen eine Verantwortung und sollten nachdenken, bevor wir Informationen «liken» oder «sharen».

Ansonsten würden wir in einer postfaktischen Gesellschaft enden, in der Gerüchte und falsche Geschichten zur Basis der Gesetzgebung werden. «Wir können in sehr grosse Schwierigkeiten geraten», meint Hendricks, «wenn wir nicht lernen, uns selber zu erziehen». Die Wahrheit habe uns Menschen bislang einen guten Dienst erwiesen. Darauf sollten wir uns wieder besinnen.

Sendung: SRF1, Sternstunde Philosophie, 03.09.2017, 11.00 Uhr

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Fabian Sarbach (F. Sarbach)
    Ein Philosoph spekuliert im Elfenbeinturm über Filterblasen ;-) Aufklärung bedeutet letztlich, dass die Menschen sich ihres eigenen Verstandes bedienen sollen, das kann auch schiefgehen. Wer Aufklärung will muss das Aushalten können.Bei der Erfindung des Buchdrucks hatte man auch Angst vor der Verbreitung von Unwahrheit und pflegte Jahrhundertelang strenge Zensur.Nur weil ein paar kognitiv kreative an seltsame Dinge glauben ist die Vernunft noch lange nicht gefährdet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Paul Soltermann (ps)
      @F.Sarbach Wie können Sie wissen, dass die Zensur von gedruckten 'Fake.-News' eine negative und nicht eine positive Wirkung hatte? Ich bin jedenfalls froh, dass China von den Web Betreibern eine GOV-Autorisierung verlangt und damit den Online-Gangstern das Handwerk deutlich erschwert.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Susanna Beerli (S. Beerli)
      Hr. Soltermann, unter anderem sagt man dem auch Informationen vorenthalten, nichts anderes ist Zensur. Und wer bestimmt denn ob es fake News sind oder einfach nicht genehme Meinungen, die aber trotzdem wahr sind.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Tom Osterhagen (TommyO)
      @Beerli: News sind Fakten. Meinungen sind Überzeugungen. Und da gilt: Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Paul Soltermann (ps)
      Frau Beerli, der besagte CN-GOV-Link funktioniert so, dass ein Web-Besucher jederzeit Infos (Personalien,Zweck,Missbrauch-Melde Link u.a.) über den Urheber der Seite zur Verfügung hat. Das sind dann eben echte Fakten. Musste das nb auch bei meinem Web einbauen (erscheint nur, wenn Sprache Chinesisch ist).
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    5. Antwort von Marc Bühler (Winston Smith)
      @Tomosterhagen wie kommen sie darauf dass News automatisch Fakten sind? Waren die News von den Massenvernichtungwaffen im Irak Fakten? Waren die News vom Angriff auf die US Fregatte im Golf von Tonkin Fakten? Nein waren sie nicht und dass ist Bewisen! News kommen meust durch einen Telefax von Informationsdinstleister dessen Quellen nicht oder Schlecht überprüfbar sind, eine Reportage kann Fakten bringen da dahinter ein Journalist steht der Recheriert hat, bei news läuft dies anders!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    6. Antwort von Marc Bühler (Winston Smith)
      Sie sehen dies zimlich Richtig! Ich möchte ein Bsp. Anbringen. Nehmen wir Snowden oder Assange. Suchen sie ein Interview von diesen beiden werden sie ausschliesslich nur auf Platformen fündig die entweder als Probeganda werkzeug definiert werden wie RT. Oder die als Verschwörungstheorie Seiten oder Neue Rechte Medien betitelt werden! Sie finden sie weder in der Mediothek von SRF noch ZDF, ARD oder gar sendern wie Vox oder Pro 7. Es wären aber wichtige Informationen!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen