Wenn sich «Wegwerf-Menschen» wehren

Januar 2010. Rosarno, ein hässliches Kaff in Kalabrien. 2500 afrikanische Erntearbeiter sind in der Stadt. Sie hausen in unbeschreiblichen Verhältnissen. Der Begriff «Sklaventum» wäre schön gefärbt. Einheimische beschiessen sie mit Luftgewehren. Die Situation eskaliert.

Trupp afrikanischer Erntearbeiter mit Kisten, Stöcken und einem Strassenschild.

Bildlegende: In Rosarno brach eine beispiellose Hatz gegen Erntearbeiter los. Die wehrten sich. Keystone

Bis 2010 hatte niemand ausserhalb Kalabriens je etwas von Rosarno gehört. Die Kleinstadt, die im Süden Kalabriens liegt, ist eigentlich ein unansehnliches Dorf, von Orangen- und Mandarinen-Plantagen umgeben. Doch im Januar 2010 geriet Rosarno in die Schlagzeilen der Weltmedien.

Fabrikhalle von oben mit Betten, etc.

Bildlegende: Viele waren in einer Raffinerie untergebracht, mehrstöckig, offen, ohne sanitäre Einrichtungen. Keystone

2500 afrikanische Erntearbeiter hielten sich damals im Ort auf; zirka Tausend hausten zusammengepfercht in einer ehemaligen Ölraffinerie, andere in den Ruinen verlassener Bauernhöfe.

Am 7. Januar fuhr ein Trupp kalabrischer Jugendlicher zur Raffinerie und schoss auf Pflücker, die gerade von der Arbeit zurückkamen, mit Luftgewehren. Das löste den aufgestauten Zorn der täglich schikanierten Einwanderer aus: Sie zogen durch Rosarno und schlugen alles, was sie sahen, kurz und klein.

Die Einheimischen reagierten mit einer beispiellosen Hatz. Mit Gewehren und Stöcken gingen sie auf jeden Schwarzen los, den sie sahen. Infolgedessen erfuhr die Welt, dass es Rosarno gibt und dass dort afrikanische Pflücker unter unmenschlichen Bedingungen leben.

Rosarno ist ein Ort der Willkür

Zwei afrikanische Pflücker, einer mit Italia-Shirt.

Bildlegende: 25 Euro verdienen sie pro Tag. Höchstens. Beschäftigt werden sie schwarz. Keystone

Seit zwei Jahrzehnten ziehen sie im Winter zu Tausenden nach Rosarno, um sich bei der Orangen- und Mandarinenernte zu verdingen. 20, höchstens 25 Euro beträgt ihr Tagelohn. Natürlich werden sie schwarz beschäftigt. Welcher Gewerkschafter kann die Arbeitnehmerrechte eines Einwanderers verteidigen, der oft keine Papiere hat?

Nach dem italienischen Gesetz können Einwanderer nur in Italien bleiben, solange sie Arbeit haben. Läuft ihr Arbeitsvertrag aus, gelten sie als illegale Einwanderer, sprich: Straftäter. Das liefert sie der Willkür ihrer Arbeitgeber aus.

«Das ist keine Ausbeutung sondern Teilnahme an der Armut»

Doch den Vorwurf, sie würden die Pflücker ausbeuten, lassen die Bauern Rosarnos nicht gelten. «Ich würde nicht von Ausbeutung reden, sondern von Teilnahme an der Armut,» sagt Bauer Filippo Zerbi.

Seit den 1980er-Jahren sei der Preis der Orangen stetig gefallen, nun sei die Talsohle erreicht. Wurden 1985 für ein Kilo Orangen 300 Lire, umgerechnet 15 Cent, bezahlt, bekommen Bauern heute nur noch 6 oder 7 Cent pro Kilo Orangen. Das deckt nicht mal die Kosten.

Dabei war der Orangenanbau in Kalabrien bis in die 1970er-Jahre ein florierendes Geschäft. Die Krise begann mit der Öffnung der Märkte für Produkte aus dem südlichen Mittelmeer und dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Spanische Bauern konnten schon damals auf ein Heer von Billigst-Arbeitskräften aus Nordafrika zurückgreifen, das heisst: viel billiger produzieren als die kalabrischen Orangenbauern.

Wenn Preise die Lebensbedingungen diktieren

Der Preis der Orangen verfiel. In Rosarno stellten viele Bauern auf Saftorangen um, die nicht viel Pflege benötigen, und daher kostengünstiger sind. Aber damit machten sie sich zum Spielball der Saft- und Getränkehersteller, die Orangensaft zur Herstellung von Orangenlimonaden verwenden – von Konzernen wie Züegg, Coca-Cola und Nestlé also.

Da Coca-Cola der weltgrösste Einkäufer von Orangensaft ist, den es zur Herstellung von Limonade benötigt, hängt der Weltmarktpreis des Orangensafts von dem Preis ab, den Coca-Cola zahlt.

Der Konzern richtet sich wiederum nach dem Preis, den brasilianische Safthersteller verlangen. Denn Brasilien ist der grösste Orangensaftproduzent der Welt, und dank seiner Billigst-Arbeitskräfte auch der Billigst-Anbieter. Der die Preise weltweit drückt.

Um am Markt zu überleben, blieb den kalabrischen Bauern nichts anderes übrig, als die niedrigen Preise, die sie für ihre Orangen erzielen, auf die Pflücker abzuwälzen – das letzte Glied einer Ausbeutungskette, die der Globalisierung innewohnt.

Der globale Wettbewerb lässt die Preise sinken und erzwingt dadurch immer niedrigere Löhne. Steht am Ende der Spirale der Arbeiter zum Null-Tarif?

Sklaven hatten es eindeutig besser

Baracke mit Bettenlager

Bildlegende: Die Lebensbedingungen von Tieren sind in der EU besser geregelt. Keystone

Als «Wegwerf-Arbeiter» bezeichnet der Soziologe Fabio Mostaccio die Pflücker, die in Rosarnos Plantagen schuften. In seinem Buch «Der Krieg der Orangen» hat er die Gründe des Niedergangs des Orangenanbaus in Kalabrien und die Lebenslage der Erntearbeiter analysiert.

Sklaventum sei dafür der falsche Begriff, sagt er. «Der Sklavenhalter der Antike ernährte den Sklaven und hielt ihn gesund, damit er arbeiten konnte. Aber in der heutigen globalen Arbeitsteilung spielt es keine Rolle, wenn ein Erntehelfer auf dem Feld stirbt. Für einen, der ausfällt, gibt es zig andere, die bereit sind, seinen Job zu übernehmen.» Deshalb könne ihn der Arbeitgeber nehmen, nutzen und wegwerfen, wann er wolle. «Er ist wie ein Papiertaschentuch.»

Buchhinweis

Fabio Mostaccio: «La guerra delle arance», Rubinetto 2012 (auf Italienisch)

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