Wie an den Holocaust erinnern?

Aharon Appelfeld erlebte den ganzen Naziterror in Osteuropa, den Tod der Mutter, der Verwandten, das Ghetto, den Hunger, die Flucht. Nir Baram wuchs 40 Jahre später im Wohlstand auf. Zwei israelische Schriftsteller, die der Erinnerung an den Holocaust eine unterschiedliche Bedeutung zumessen.

Die Kuppel von Yad Vashem zeigt Fotos der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.

Bildlegende: Yad Vashem in Jerusalem ist die bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert. Keystone

In Mittel- und Osteuropa lebte bis zum nationalsozialistischen Genozid die weltweit grösste Anzahl Juden, insgesamt etwa acht Millionen. Besonders der Westen der heutigen Ukraine war jüdisch geprägt. Aus dieser Welt stammt Aharon Appelfeld, der 1932 in der Nähe von Czernowitz geboren wurde.

In Czernowitz sprach man deutsch, man ging in der deutschen Kultur auf. Bis die Mutter des kleinen Erwin, so hiess Aharon damals, von Antisemiten erschossen wurde. Der achtjährige Junge wurde mit seinem Vater nach Transnistrien, damals der östlichste Teil Rumäniens, deportiert, wo er von seinem Vater getrennt wurde.

Es gelang Erwin zu fliehen. Jahrelang trieb er sich mit Räuberbanden in den Wäldern der Ukraine herum, zog später als Küchenjunge mit der Roten Armee westwärts und kam nach Kriegsende 1946 mit jungen Zionisten nach Palästina.

Ein Schriftsteller der Diaspora

Alles war dem 14-jährigen Jungen dort fremd. Die Sprache, die er zu lernen hatte und der Zionismus. Am meisten getroffen hat ihn aber die Forderung der Pioniere des neuen Israels, seine Vergangenheit zu vergessen. Das konnte und wollte er nicht.

In über 40 Büchern erinnert sich der Schriftsteller verzweifelt. Versucht, das verlorengegangene Leben aufzuwecken. Aharon Appelfeld ist ein Schriftsteller der Diaspora geblieben, ein osteuropäischer Schriftsteller, obwohl er nun schon seit über sechzig Jahre in Israel lebt.

Das gefährliche Mitläufertum

Nir Baram, 1976 in Jerusalem geboren, ist ein junger Schriftsteller der Enkelgeneration von Appelfeld. Auch er kehrt in seinem Roman «Gute Leute» nach Europa zurück, ins Europa des Zweiten Weltkriegs. Nir Baram schildert, wie junge, begabte Menschen arglos zu Handlagern des Naziregimes werden. So lässt er seine Leser auch mit der unangenehmen Frage zurück, wo und wann sie sich denn heute als Mitläufer schuldig machen.

Nir Baram schaut auf eine ganz andere Biografie zurück als sein älterer Schriftstellerkollege. «Es hat dieser Generation an nichts gefehlt», sagt Appelfeld. Barams Grossvater war Minister, ebenso wie sein Vater. Der junge Autor misstraut allerdings der Holocaust-Erinnerungskultur in seinem Land. Deren Botschaft sei bloss noch: «Sie haben uns immer gehasst und werden uns immer hassen».

Aharon Appelfeld sitzt nachdenklich in seinem Büro.

Bildlegende: International wurde Appelfeld mit dem Roman «Badenheim» (1980) bekannt. SRF/Heule

Die Erinnerung als Warnung

Mit Aharon Appelfeld und Nir Baram treffen zwei Arten von Erinnerung an den Holocaust aufeinander. Der eine schreibt gegen das Vergessen der osteuropäischen jüdischen Kultur an. Der andere wehrt sich vehement dagegen, dass aus der Shoa ideologisches Kapital geschlagen wird. Die Erinnerung an den Holocaust soll seiner Ansicht nach uns allen eine Warnung sein. Denn Totalitarismen drohen überall, wenn wir es uns im Mitläufertum bequem machen.

Für den 82-jährigen Aharon Appelfeld wurde Israel eine Heimstätte der verfolgten Juden. Für den 38-jährigen Nir Baram soll Israel ein Land sein, das Heimstätte für alle seine Bewohner ist, egal ob Juden oder nicht.

Buch-Hinweise

Aharon Appelfeld: «Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen». Rowohlt, 2012.

Aharon Appelfeld: «Auf der Lichtung». Rowohlt, 2014.

Nir Baram: «Gute Leute». Hanser, 2010.

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