Ab ins Wasser Wie die Badi zum Schweizer Kulturgut wurde

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es erste öffentliche Badeanstalten in der Schweiz. Wie kaum an einem anderer Ort spiegelt sich hier der Geist einer Zeit und Gesellschaft.

Sprung ins Wasser.

Bildlegende: Die Badi ist der Ort, wo Sitte und Unsitte sichtbar werden. Keystone

  • Die Art und Weise, wie Badeanstalten gebaut werden, verrät viel über den Zeitgeist und die Sitten einer Gesellschaft.
  • Eine Schweizer Badi fiel 1890 fast ins Wasser – nicht alle waren von der Idee begeistert.
  • Unterdessen steht in fast jeder Gemeinde ein Freibad: Es ist Teil der Schweizer Kultur geworden.

Die Aufregung muss gross gewesen sein, als 1890 das Seebad Utoquai in Zürich den Betrieb aufnahm. Im Vorfeld wurden kritische Stimmen laut, die sich gegen das Bad wehrten.

Zwar war es allgemein bekannt, dass Baden gesund sei für Körper und Geist. Aber die Kritiker «sorgten» sich nicht generell um das neue Bad, sondern besonders um die Frauen.

In der NZZ vom 8. Oktober 1887 meldet sich ein einfühlsamer Schreiberling zu Wort: Er räsonierte, dass «unsere Frauen und Mädchen (…) nie und nimmer das freie Leben des Meeresstrandes sich angewöhnen». Und überhaupt: Die Frauen würden sich sowieso nicht in die «frische Flut des wilden Sees» trauen.

Die schönsten Schweizer Badis

Strikte Trennung

Trotz aller Bedenken liess die Stadt das Bad am östlichen Ufer des Sees bauen. Auf hohen Holzstelzen errichtete sie mehrere Badhäuschen direkt über dem Wasser, auch eines für die Frauen.

Es galten klare Regeln. Frauen, Männer, Mädchen und Buben mussten strikt getrennt baden. Holzwände auf allen Seiten schützten die Badenden vor neugierigen Blicken.

Klare Hierarchien – auch beim Baden

«Diese frühe Form der Badeanstalt heisst Kastenbad», erklärt Patrick Schoeck vom Schweizer Heimatschutz, der sich um die Dokumentation der Badis kümmert. «Die Architektur widerspiegelt das Denken der damaligen Gesellschaft.»

Es war eine Zeit, die Pflicht und Ordnung kannte und den Geschlechtern klare Positionen in der Hierarchie zuwies, im Alltag wie auch beim Baden.

Aus Mangel an Badezimmern

Der Kunsthistoriker Patrick Schoeck hat sich mit der Geschichte der Bäder und deren Architektur befasst, die eng mit der Urbanisierung der Schweiz verknüpft ist.

Ende des 19. Jahrhunderts seien die Badeanstalten in den Städten vor allem Orte für die Körperhygiene gewesen, sagt Patrick Schoeck. Denn: Badezimmer gab es damals erst vereinzelt.

Nach dem Ersten Weltkrieg sorgten die Badeanstalten wiederum für Gesprächsstoff. Die Zeit des Kastenbads war vorbei, ein neuer Baustil kam auf. Jetzt wollte man grosszügige Frei- und Strandbäder errichten. Und langsam aber sicher die alten Konventionen abstreifen.

Das «Schandbad» von Weggis

Damit waren nicht alle einverstanden, wie eine Geschichte aus Luzern illustriert. Weggis am Vierwaldstättersee zeigte sich progressiv und richtete 1919 ein offenes und geschlechtergemischtes Strandbad ein – das erste in der Schweiz dieser Art.

Sprungturm in Weggis am Vierwaldstättersee.

Bildlegende: Pionierin unter den Schweizer Badis: Weggis am Vierwaldstättersee. Keystone

Einige fühlten sich von dieser neuen Sitte vor den Kopf gestossen. Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Bald hiess es: Das Lido Weggis sei ein «Schandbad».

Doch die Lust am Baden überwog, das Lido gibt es heute noch.

Badeanstalten im Betonkleid

An solchen Geschichten lässt sich einiges über das damalige Denken und die Vorstellung von Zucht und Ordnung ablesen.

Für Patrick Schoeck vom Heimatschutz sind die Badis denn auch viel mehr als nur ein Freizeitvergnügen. Sie würden massgeblich zur Identität der Schweiz beitragen.

Er räumt aber ein: «Nicht jede Badi hat mit ihrer Architektur einen Preis verdient.» Damit sind besonders die zahlreichen Bauten aus Sichtbeton gemeint, die in den 1960er- und 1970er-Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen. Sie waren auch eine Reaktion auf die teils unsauberen Gewässer.

Baden im Jahr 1969

Planschen fürs Vaterland

Dennoch: «Baden gehört zur Schweiz», hält Schoeck fest und resümiert: «Wir dürfen stolz sein auf dieses kulturelle Erbe.» Er zählt die ikonischen Zeichen auf, die jede Gemeinde ausmachten: Kirche, Rathaus – und dann käme schon die Badi.

Bis heute ist das Baden für Herr und Frau Schweizer eine Art Volkssport geblieben. Dass es die Schweiz ernst damit meint, beweist der Entscheid des Bundesamtes für Kultur (BAK), welches das nasse Vergnügen auf die Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt hat. Allerdings nicht das Baden in den Badis, sondern im Rhein und in der Aare. Ein neues Kapitel der Badekultur hat begonnen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 2.8.17, 8:20 Uhr

Zur Person

Patrick Schoeck ist Kunsthistoriker und leitet die Abteilung Baukultur beim Schweizer Heimatschutz.

Badekultur

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Buchhinweis

Schweizer Heimatschutz (Hg.): «Die schönsten Bäder der Schweiz», Zürich, 2012.