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Eine Frau mit Kopftuch schaut auf den Boden. Im Hintergrund Särge, die mit Nummern versehen sind.
Legende: Tausende Männer wurden beim Völkermord in Srebrenica ermordert. Keystone
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Gesellschaft & Religion Wie die UNO im Bosnienkrieg ihr Versprechen brach

Vor zwanzig Jahren, am 11. Juli 1995, gipfelte der Bosnienkrieg im Massaker von Srebrenica. Den niederländischen Blauhelmen wurde immer vorgeworfen, tatenlos bei diesem Genozid zugesehen zu haben. Aber laut bisher unveröffentlichtem Archivmaterial liess die UNO die Friedenssoldaten bewusst im Stich.

Die muslimischen Flüchtlinge sassen hoffnungslos in der Falle, als die bosnisch-serbischen Streitkräfte im Juli 1995 die völlig überfüllte UNO-Sicherheitszone Srebrenica einnahmen. Ihre gut 300 Beschützer vom niederländischen Blauhelm-Bataillon «Dutchbat» konnten nicht anders, als die Befehle des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić zu befolgen.

Sie mussten Frauen, Kinder und alte Männer zu den bereitstehenden Bussen begleiten. Sämtliche restliche Männer liess Mladić im Schnellverfahren hinrichten.

Das gebrochene Versprechen

Soweit hätte es allerdings gar nie kommen müssen. In einem vor wenigen Tagen im öffentlich-rechtlichen niederländischen Fernsehen ausgestrahlten Dokumentarfilm erklärte der damalige niederländische Verteidigungsminister Joris Voorhoeve: Die UNO habe ihm Monate vor dem Einsatz des «Dutchbat» zugesichert, dass die Friedenssoldaten bei einer drohenden Attacke der bosnischen Serben militärisch aus der Luft Unterstützung bekommen würden. Solche Beschiessungen aus der Luft, die den Feind zum Rückzug zwingen, hatte es vor dem Übergriff auf Srebrenica regelmässig gegeben.

Doch in jenen heissen Julitagen 1995 stiegen keine Kampfflugzeuge auf, obwohl «Dutchbat»-Kommandant Thom Karremans unzählige Male vehement um diese Unterstützung gebeten hatte. Der leere Himmel hatte seinen Grund: In jenen Wochen hatten die Serben mehr als 300 britische und französische Blauhelme als Geiseln genommen.

Audio
Remi Bütler im Gespräch mit Überlebenden von Srebrenica
28:14 min, aus Kontext vom 23.08.2010.
abspielen. Laufzeit 28:14 Minuten.

Aus Angst vor Imageverlust

Die Bilder von mit Handschellen an Telegraphenmasten geketteten Uno-Soldaten gingen um die Welt. Sie waren äusserst peinlich für den französischen Präsidenten Jacques Chirac und den britischen Premier John Major. Um einen noch grösseren Imageverlust zu verhindern, beschlossen die beiden zusammen mit US-Präsident Bill Clinton, auf weitere Luftangriffe zu verzichten. Die Serben sollten nicht noch mehr provoziert werden.

Die geheime Absprache machten die drei Staatsmänner Ende Mai 1995. Die Niederlande wurden darüber nicht informiert.

Der Völkermord hätte verhindert werden können

Ex-Verteidigungsminister Voorhoeve war entgeistert über die Fundstücke, die jetzt ans Tageslicht gekommen sind: «Wäre Luftunterstützung gekommen, hätte General Mladić eine andere Route nehmen müssen», sagte er im Dokfilm. Und suggerierte damit, dass es den Serben auf diese Weise nicht gelungen wäre, mehr als 8000 Muslim-Männer zu ermorden – dieser Völkermord also hätten verhindert werden können.

Im Verlauf der letzten 20 Jahre hatten Mitglieder des «Dutchbat» immer wieder die Existenz einer solchen Geheimabsprache vermutet. Aber in den unzähligen nationalen und internationalen Srebrenica-Untersuchungen wurde dieser Verdacht nie bestätigt. Erst jetzt fanden niederländische Journalisten den ultimativen Beweis.

Hunderte Dokumente durchforstet

Sie hatten zusammen mit Voorhoeve mehr als 300 vor Kurzem freigegebene Geheimdienst-Dokumente aus dem Clinton-Archiv durchforstet. Aus dem Material geht nicht nur hervor, dass die USA, Frankreich und Grossbritannien heimlich den Verzicht auf Luftunterstützung beschlossen hatten. Die Papiere beweisen auch, dass ein bei den Serben eingeschleuster westlicher Spion Tage zum Voraus vor dem bevorstehenden Überfall auf die Muslim-Enklave Srebrenica gewarnt hatte. Aber die Internationale Gemeinschaft reagierte darauf nicht.

Die «Dutchbat»-Veteranen, die wegen ihrer passiven Rolle als Friedenssoldaten in Srebrenica bis heute angefeindet werden, zeigten sich nach der Filmausstrahlung «aussergewöhnlich schockiert». Sie forderten den niederländischen Staat auf, dafür zu sorgen, dass nun endlich alles ans Licht komme.

Postwendend liess die niederländische Regierung wissen, sie wolle die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich um Aufschluss bitten. Und die heutige Verteidigungsministerin Jeanine Hennis-Plasschaert kündigte eine weitergehende Untersuchung der betreffenden Archiv-Stücke an.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Radovanovic ljubisa , Unterengstringen
    Es wäre viel zu der Warheit über Srebrenica beigetragen wenn man ARD Sengung "Es begann mit eine Lüge" aus den Bunker der verbotenen Sendungen herausholen könnte. Auch ein norwegischer Film über Srebrenica und Oric's Rolle in dieser Zeit könnte dem ganzem eine andere Deutung geben. Aber , das wäre eine Entfernung von den vorgeschrieben Pfad
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  • Kommentar von L.Leuenberger , Zürich
    Die Bürokratie des UNO-Sicherheitsrates wird oft kritisiert. Es wurde zu spät gehandelt, Blauhelm-Soldaten, die sich durch mangelnde Bewaffnung nicht einmal sich selbst verteidigen konnten etc. Eine ständige UNO-Eingreiftruppe, wie sie in der UNO-Charta vorgesehen ist wäre besser. Die Wahrheit ist, dass jedes Land eine eigene Armee braucht. Auch jetzt sind wir Zeugen von mangelnder Tätigkeit der UNO und unkorrekten Forderungen bezüglich Migration nach Europa, die keine nachhaltige Lösung sind.
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  • Kommentar von Karl Mrak , Wallisellen
    Warum nur wärmt die Presse immer wieder den gleichen Brei auf. Was damals hätte verhindert werden können oder nicht interessiert niemanden mehr. Gerade in unseren Breitengraden wo eben diese Presse sogar für die Abschaffung der eigenen Armee ist - im Notfall wären unsere Soldaten die "Blauhelme" - kann man nicht Jahrzehnte später Handlungen kritisieren oder hinterfragen.
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    1. Antwort von T. Egloff , Baden
      K. Mrak. Zynischer kann ein Kommentar wohl nicht mehr sein. Würden sie auch so schreiben, wenn ein Angerhöriger von ihnen betroffen wäre? Solch gräulichen Verbrechen dürfen niemals unter den Tisch gekehrt werden, oder verjähren.
    2. Antwort von C. Eugster , Bern
      Vielleicht deshalb weil in einem Rechtsstaat ein "Gott vergib mir" nicht reicht? Die Wahrheit kann schmerzhaft sein, da müssen sie jetzt durch...