Wie Hitler den jüdischen Erfinder des VW Käfer bekämpfte

Vor 70 Jahren lief das erste serienmässig produzierte Automobil von Volkswagen vom Band: ein VW Käfer. Es sollte eines der meistverkauften Fahrzeuge der Welt werden. Der offizielle Erfinder des Käfer ist Ferdinand Porsche. In Wirklichkeit ist sein Schöpfer aber ein jüdischer Ingenieur.

VW Käfer stehen in Reih und Glied.

Bildlegende: Kleines Auto, ganz gross: Der Käfer verhalf der Marke «Volkswagen» zum internationalen Erfolg. Keystone

«Ursprung des heutigen Konzerns ist die Entwicklung eines Volkswagens durch Ferdinand Porsche.» So steht es ganz oben auf der Wikipedia-Seite der Volkswagen AG. Erst viel weiter unten, in einem kleinen Abschnitt, taucht ein anderer Name als Mitentwickler auf: Josef Ganz, jüdischer Abstammung.

Ein Jude legte den Grundstein für den Käfer

Der niederländische Journalist Paul Schilperoord hat nach jahrelanger Recherche eine Biografie über Josef Ganz geschrieben und Erstaunliches herausgefunden: «Es ist schwierig zu sagen, dass es einen einzigen Erfinder gibt. Denn viele Menschen waren am Volkswagen-Projekt beteiligt. Aber Josef Ganz legte den Grundstein für den VW Käfer, indem er das Design und das Konzept des Prototyps entwickelt hat.»

Ein jüdischer Ingenieur soll also der wahre Vater des grossen nationalsozialistischen Projekts Hitlers gewesen sein: ein Automobil für das Volk, eines, das sich jeder leisten kann. Dies war ursprünglich auch die Vision von Josef Ganz, wie Paul Schilperoord sagt: «Am Anfang war Josef Ganz sehr enthusiastisch darüber, dass im Gegensatz zur vorherigen Regierung endlich jemand da war, die die Motorisierung Deutschlands förderte.»

Adolf Hitler hält eine Rede. Vorne steht ein VW Käfer.

Bildlegende: Der VW-Käfer war ein wichtiges Projekt. Auf keinen Fall durfte die Marke mit einem Juden in Verbindung stehen. Keystone

Zuflucht in der Schweiz

Dieser anfängliche Enthusiasmus änderte sich schnell, nachdem klar wurde, was die Nationalsozialisten mit den Juden vorhatten. Josef Ganz wurde zusehends an seiner Arbeit gehindert, schikaniert, von der Gestapo verhaftet, wie sein Biograf Schilperoord sagt.

1934 musste Josef Ganz Deutschland verlassen. Er floh in die Schweiz, wo er sein Projekt «Volkswagen» weiterführen konnte. Er konstruierte den sogenannten «Schweizer Volkswagen», ein Schweizer Auto nach demselben Muster, und führte ihn in Zürich vor.

«Josef Ganz lebte sehr gut in der Schweiz – bis Ende der 1930er-Jahre. Denn nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs versuchten seine Feinde aus Deutschland das Schweizer Volkswagen-Projekt sabotieren. Ausserdem nahmen sie Kontakt zu hohen Schweizer Behörden auf, um ihm das Leben schwer zu machen – mit dem Ziel, ihn buchstäblich aus der Schweiz hinauszuwerfen.» Josef Ganz wanderte schliesslich desillusioniert nach Australien aus, wo er einige Jahre später völlig verarmt starb.

Verarmt und in Vergessenheit geraten

Wie konnte es sein, dass der Ingenieur Ganz, der so viel zur Entwicklung des Volkswagens beigetragen hatte, später praktisch in Vergessenheit geriet?

Für Paul Schilpenroord, hat dies einen ganz einfachen Grund: «Hitler wollte seinen Namen mit der Volkswagen-Idee verewigen. Er gab den Auftrag an den deutschen Ingenieur Ferdinand Porsche, um das Fahrzeug zu entwickeln. Gleichzeitig verbot Hitler alle Veröffentlichungen von Josef Ganz. Es war ein bewusster Akt, um jegliche jüdische Verbindung mit dem Volkswagen loszuwerden.»

Das tragische Beispiel von Josef Ganz zeigt auf, dass Geschichte von den Mächtigen geschrieben wird – und einmal geschrieben, nur schwer zu ändern ist. Denn Paul Schilperoords Biografie des jüdischen Automobil-Ingenieurs ist bereits 2009 erschienen. Trotzdem kennt bis heute praktisch niemand den Namen Josef Ganz.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 23.12.2015, 17:45 Uhr