Der schwierige Weg hin zu einer demenzfreundlichen Gesellschaft

Mit 90 Jahren ist knapp die Hälfte aller Menschen verwirrt und vergesslich. Wenn wir in Zukunft 100 und mehr Jahre alt werden, wird mehr als die Hälfte der Alten auf Unterstützung angewiesen sein. Wie sieht eine demenzgerechte Umwelt aus? Lösungsansätze finden sich in England und Deutschland.

Eine ältere Frau zupft Ihre Haare zurecht, die in Lockenwicklern stecken.

Bildlegende: Die Demenz und die Auffälligkeiten von älteren Menschen als etwas Normales akzeptieren, das fordert Heinz Rüegger. Getty Images

Heinz Rüegger ist ein Spezialist für das hohe Alter. Am Institut Neumünster sitzt der Theologe, Ethiker und Gerontologe an seinem Arbeitstisch und strahlt Besonnenheit und Ruhe aus. Der bärtige 60-Jährige ist nicht bereit, in den Alarmismus einzusteigen, wenn es um die steigende Zahl von dementen Menschen geht: «Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Demenz eine ganz normale Form des Alterns wird.»

Wir, das sind wir alle. «Von medizinischer Seite ist in den nächsten Jahren nichts Bahnbrechendes zu erwarten. Also geht es darum, anders zusammen zu leben. Zunächst müssen wir uns von drei Säulenheiligen verabschieden», so Rüegger.

Vorbilder sind Deutschland und England

Denn was in unserer Gesellschaft wirklich zähle, sei Leistung, Verstand und Autonomie. Der Ethiker gibt zu bedenken, dass das zwar nicht falsch, aber nicht alles sei: «Auch ein Leben ohne Leistung, mit viel Emotion und in Abhängigkeit von anderen muss lebenswert sein.»

Das klingt abstrakt, aber Rüegger hat klare Vorbilder: Deutschland und England. Diese Länder haben die Nase vorn, wenn es um demenzfreundliche Gemeinden und Quartiere geht. Dort ist ehrenamtliches zivilgesellschaftliches Engagement – zum Beispiel Nachbarschaftshilfe – selbstverständlicher.

Wo es anspruchsvoller wird, sind dezentrale professionelle Dienstleisterinnen in den Quartieren unterwegs. Dazu gehören Sozialarbeiter und Pflegefachfrauen. Sie alle haben das Ziel, die «weltverlorenen Alten» möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung leben zu lassen. In England und in Deutschland schulen diese Profis wiederum andere Profis: Polizisten, Buschauffeure, Kellner und Kassierinnen.

Demenzfreundliche Restaurants

Eine alte Frau bezahlt beim Einkaufen mit dem Papiertaschentuch. Ein Mann geht feingewandet mit dem Messer in der Hand durch die Strasse. Ein anderer versucht in ein Haus zu kommen, das offenkundig nicht sein eigenes ist. Eine Frau steht an der Bushaltestelle und beschenkt die Passanten mit Hunderternoten: «Das sind alles Auffälligkeiten, die auch als mögliche Zeichen einer neuro-degenerativen Krankheit gelesen werden müssten», sagt Heinz Rüegger und schwärmt von Programmen, die Nichtbetroffene befähigen, in solchen Situationen zu helfen.

Rüegger erzählt von Restaurants in Deutschland und England, wo beim Eingang nicht nur Auszeichnungen des Lions Club zu lesen sind, sondern auch ein Schild hängt mit der Aufschrift «Demenzfreundliches Restaurant». «Da kann man hin, auch wenn der alte Onkel seltsame Dinge mit der Gabel anstellt», sagt Rüegger. «Die Kellner kennen sich aus und niemand muss sich schämen.»

Schweiz: Politik zeigt wenig Willen

In der Schweiz hingegen ist häufig vom Notstand in der Langzeitpflege die Rede. Tatsächlich: In Kürze wird es finanziell und personell eng, auch was die Zahl der Alters- und Pflegeheime angeht. Alternativen tun Not, aber noch ist in der Schweiz kein politischer Wille in Richtung einer demenzfreundlichen Zivilgesellschaft zu erkennen. «Dabei wäre eine solche Gesellschaft auch für Kinder, für behinderte Menschen und Eltern viel schöner», sagt der Ethiker und macht sich an die Arbeit für ein Referat vor denjenigen, die das Heft in die Hand nehmen müssten.